Syrien hat eine pluralistische religiöse Tradition
Die Wahlerfolge der Salafisten in Ägypten - die die Muslimbrüder moderat
aussehen lassen - heizen die Sorgen mancher syrischer Christen und Säkularer an,
dass ein Syrien nach dem Sturz von Bashar al-Assad ein islamistischer Staat
werden könnte. Das friedliche Zusammenleben unterschiedlichster religiöser
Gruppen hat zwar in Syrien Tradition, aber dieses Erbe könnte durch die
Herrschaft der Alawiten - einer islamischen heterodoxen Sekte, der die Assads
angehören - verspielt worden sein. Eine Revolte der Muslimbrüder Anfang der
1980er Jahre wurde vom Regime mit äußerster Brutalität niedergeschlagen. Es
konnte gar nicht ausbleiben, dass die Religion auch in diesem Konflikt
instrumentalisiert wird.
Rime Allaf von Chatham-House warnt davor, aus dem Frühling der Islamisten, in
den sich der Arabische Frühling zu wandeln scheint, schnelle Schlüsse zu ziehen:
Sie hätten sehr lange darauf gewartet, als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu
werden und hätten - gerade wegen des Abrutschens einzelner Bewegungen in die
Gewalt - eine lange Transformation hinter sich, die sie in die politische Mitte
gerückt hätte. Allaf hält die islamistischen Wahlsiege für ein Phänomen der
Übergangsperiode. Die Menschen hätten früher nicht islamisch wählen können, nun
würden sie es tun, weil es eben das sei, was sich ihnen als Alternative
präsentiert.
In Syrien kommt jedoch verschärfend hinzu, dass die Alawiten schon ohne ihr
politisches Gepäck bei sehr strengen Sunniten religiösen Widerwillen
hervorrufen. Dennoch sieht Allaf keine Gefahr, dass Syrien in einen
konfessionellen Bürgerkrieg kippt wie der Libanon oder der Irak: "Wenn Shabeha
(alawitische Milizen des Regimes, Anm.) angegriffen und getötet werden,
dann nicht, weil sie Alawiten sind, sondern weil sie Shabeha sind."
Alawiten - obwohl dies weder historisch noch theologisch exakt ist - werden
immer wieder unter "Schiiten" subsumiert, wozu auch noch die Nähe des syrischen
Regimes zum Iran beiträgt. Dass einzelne Brigaden der Free Syrian Army ihre
Namen aus einem antischiitischen religiösen Kontext beziehen, missfällt Allaf,
sie will es aber auch nicht überbewerten: Das sei taktisch zu sehen, als
Botschaft an die syrische Armee, die ja vom Regime völlig konfessionell
aufgestellt worden sei.
Und dass konfessionelle Hetze keine alleinige sunnitische Angelegenheit ist,
ist auch klar. Einen Beleg liefert etwa die letzte Rede des Chefs der
libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, zum schiitischen Trauerfest Ashura.
Unbestreitbar ist, dass das sunnitisch-schiitische Fieberthermometer ständig
steigt.