Proteste in China

"Arbeiterschaft fordert Lohnerhöhungen bis zu 30 Prozent"

Interview | Manuela Honsig-Erlenburg, 16. Dezember 2011, 06:15

Sinologe Felix Wemheuer erklärt, warum in China mit keinem Aufstand zu rechnen ist

Berichte über Proteste in China häufen sich in letzter Zeit.  Sinologie Felix Wemheuer erläutert im derStandard.at-Interview, warum trotzdem nicht zu erwarten ist, dass sich die Armee wie in Tunesien und Ägypten mit dem Volk gegen die Regierung verbündet. Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg.

***

derStandard.at: In den vergangenen Monaten/Jahren hört man immer wieder Berichte von sozialen Unruhen – die Gründe sind verschieden: Landenteignungen, unzureichende Entschädigungen, Umweltverschmutzung, unbezahlte Löhne oder Polizeigewalt. Beim aktuellen Beispiel in einem südchinesischen Fischerdorf geht es um einen eskalierten Streit um Landverkäufe an ein großes Immobilienunternehmen. Was haben diese Unruhen gemeinsam?

Felix Wemheuer: Die große Gemeinsamkeit fehlt bisher, daher sind auch noch keine klassenübergreifenden und landesweiten Bewegungen entstanden. Die Kämpfe der Bauern gegen Landnahme sind eher defensiver Natur, weil sie fürchten, mit dem Land die letzte Sicherheit und Lebensgrundlage zu verlieren. Die junge Arbeiterschaft fordert hingegen in Streiks selbstbewusst Lohnerhöhungen von bis zu 30 Prozent, um in der Stadt leben zu können. Neue Eigentumswohnungsbesitzer wollen keine Chemiefabrik vor der Tür haben und werden im Internet aktiv usw. Es fehlt in China eine politische Kraft, die diese Unzufriedenheit bündeln könnte. Abgesehen von den Minderheiten-Regionen Xinjiang und Tibet sind die meisten Unruhen zwar über das ganze Land verteilt, aber lokal begrenzt. So werden z.B. Streiks in einer Fabrik häufig geduldet. Versuchen streikende Arbeiter allerdings das Werksgelände zu verlassen, müssen sie mit Verhaftungen rechnen.

derStandard.at: Häufen bzw. warum häufen sich die Fälle, in denen Chinesen sich gegen die Obrigkeit auflehnen?

Wemheuer: In den letzten Jahren haben sogenannte „Massenzwischenfälle“ (Streiks, Demonstration sowie kollektive Petitionen) enorm zugenommen. In Regel richten sich die Proteste aber gegen lokale Regierungen, die für Missstände verantwortlich gemacht werden. Der Mythos von der „guten Zentralregierung in Peking und den bösen lokalen Kadern“ ist immer noch weit verbreitet. Viele Protestierende hoffen, dass die Zentralregierung ihnen helfen könnte. Die Haltung in Peking ist allerdings zynisch. Lokale Beamte werden auch danach bewertet, ob sie Konflikte im Keim ersticken können. Wenn es jedoch zu gewalttätigen Unruhen kommt, inszeniert sich die Zentralregierung gerne als fairer „Schiedsrichter“ und präsentiert die lokalen Kader als Sündenböcke.

derStandard.at: Die Reaktionen aus Peking sind immer gleichbleibend restriktiv. Aus der Zentralkomitee-Abteilung für Politik und Recht kamen allerdings zum Beispiel moderatere Töne wie Rufe nach einem „Sozialen Management“ im Land. Wird sich in Zukunft in dieser Hinsicht was entwickeln?

Wemheuer: Die derzeitige Regierung unter Hu Jintao propagiert schon seit Jahren den Aufbau einer „harmonischen Gesellschaft“ als Form des Konfliktmanagements. Zum einem sollen Beamte die Forderungen des Volkes ernst nehmen, zum anderen können aber auch Protestierende bestraft werden, weil sie die „Harmonie“ gefährden. Das Bekenntnis der Regierung, in Stadt und Land Sozialstaat und Gesundheitsversorgung auszubauen, kann man als Reaktion auf die sozialen Unruhen der letzten Jahre sehen. Die Parteiführung weiß, dass sie mit Repressionen alleine die Stabilität des Landes nicht sichern kann.

derStandard.at: Wie groß ist die Gefahr von einer großflächigen Jasminrevolution, vor der sich Chinas Mächte fürchten?

Wemheuer: Das politische System unterscheidet sich von den Diktaturen der Familienclans in Nordafrika. China wird von gutausgebildeten Technokraten regiert und der regelmäßige Führungswechsel ist institutionalisiert. Seit Maos Zeiten wacht die Führung darüber, dass „die Partei die Gewehre“ kommandiert. Dass sich die Armee wie in Tunesien und Ägypten mit dem Volk gegen die Regierung verbündet, halte ich in China für unwahrscheinlich. Allerdings haben westliche Wissenschafter weder den Verfall der Sowjetunion noch die arabischen Revolutionen vorhersagen können. Meistens erkennt man erst, dass ein System die politische Legitimation verloren hat, wenn es fällt. (mhe, derStandard.at, 16.12.2011)

Dr. Felix Wemheuer forscht am Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie an der Universität Wien. Er ist spezialisiert auf das ländliche China sowie die Mao-Ära. Als jüngstes Buch erschien „Mao Zedong“ bei Rowohlt.

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1 2
Rudolf Hubinger
00
17.12.2011, 11:45

Die chinesischen Arbeiter erkennen auch langsam, dass sie sich ihre Rechte erkämpfen müssen. Freiwillig werden die Mächtigen nicht auf ihre Pfründe verzichten. Die restliche Welt muss unterstützend auf der Seite der Bevölkerung sein. Aber unsere weltweit agierenden Konzerne machen sich die fraglichen Vorteile des Produktionsstandortes China auch sehr gerne zu ihrem Nutzen.

h 90
22
17.12.2011, 07:39

Der Verfall der Sowjetunion wurde bewusst gefoerdert.
Die arabischen Revolutionen hatten kraeftige Unterstuetzung vom Westen.
Tw. wurde schon seit Jahren auf diesen Punkt hingearbeitet.
Wahrscheinlich forscht der gute Dr. naiv in der gemuetlichen Uni ohne selbst in den Laendern gewesen zu sein.

Satzende
01
17.12.2011, 11:31

kann auch sein das er keine verschwörungsvideos auf youtube guckt und deshalb klare aussagen tätigt anstatt ---- http://www.youtube.com/watch?v=wrXgNo2KNiM ---- soeinen käse

anders and
 
23
17.12.2011, 08:03
umgekehrt hat die SU auf einen kommunistischen Umsturz in Westeuropa hingearbeitet,

und mehrere arabische Staaten auf eine Islamisierung des Westens

Es ist weniger die Frage wieviel Geld und Energie in ein Projekt gesteckt wird sondern wie stark es den Interessen der Bevölkerung entgegenkommt.

Große Teile der Bevölkerung wollten nicht unter Kontrolle der KPdSU leben, die Wirtschaft hat nicht funktioniert, die Landwirtschaft hat ihre Potentiale nicht ausspielen können und weit weniger produziert als heute.

Wollen Sie dem Westen wirklich vorwerfen seinem Gegener nicht die Mittel für eine Modernisierung zur Verfügung gestellt zu haben? Wobei sich der östliche Überwachungsstaat der Modernisierung sowieso verweigert hat - sogar Fax und Kopierer waren verboten oder reglementiert.

Meerwelle
01
17.12.2011, 09:27

Aber nur die Amis sind böse!

anders and
 
10
17.12.2011, 10:42

Jeder hat seine Lieblingsfeinde - aber das fällt uns nur auf, wenn jemand die aus unserer Sicht Falschen als Feindbilder ausgesucht hat.

Meerwelle
02
17.12.2011, 10:53

Nein, da bin ich eigentlich anderer Meinung.
Ich finde, bei Menschen sind die Fähigkeiten zu differenzieren sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Und der Standard ist halt weit linkslastig.
Und ich kann das unendliche Geschwafel von den superbösen Amis nimmer hören. Das nervt nur noch.
Auch wenn es natürlich - wie so oft im Leben - einen gewissen wahren Kern gibt. Und so war der Irak-Krieg zum Beispiel ein unvollstellbarer Schwachsinn etc.

h 90
11
17.12.2011, 08:31

Ja aber es war erkennbar, dass die Systeme zusammenbrechen. Nur der gute Herr Dr. hat es nicht erkannt.
Ich werfe es dem Westen hier nicht vor.

Islamisierung: Stimmt insofern nicht, als es gerade die weniger islamischen Staaten erwischt hat.
Libyen, Syrien, Aegypten haben/hatten alle eine Fuehrung die gegen die Islamisten war.
Bei den radikalen hat der Westen ja den Regimen geholfen.

Meerwelle
00
17.12.2011, 09:28

"Ja aber es war erkennbar, dass die Systeme zusammenbrechen."

Echt?
Haben SIE das wirklich vorher gewußt?

Oder wer oder was war dieser/diese "es" für den das erkennbar war?

QUANTUM
00
17.12.2011, 05:31

genau wie im westen. je härter politiker das volk an die kandarre nehmen, desto besser der in aussicht gestellte job danach, gell schüssl, schröder, usw...?

wirtscahft und politik gehören getrennt so wie religion und staat, wobei rel und staatstrennung immer noch nicht ganz vollzogen ist.

Renegade Hardware Ltd.
00
17.12.2011, 01:19

Endlich erheben sich die blauen Ameisen...

NONE
11
16.12.2011, 20:23

"Allerdings haben westliche Wissenschafter weder den Verfall der Sowjetunion noch die arabischen Revolutionen vorhersagen können."

Das ist nicht korrekt.

Der wirtschaftliche Kollaps der Sowjetunion wurde bewusst vorangetrieben. Diese Wirtschaftsstrategie wurde bewusst verfolgt.

Und bei der arabischen Revolution muss man hier trennen - das Saud Regime investiert seit Jahrzehnten strategisch. Mit Pseudo-"liberalen" Propagandasendern wie Al Jazeera wird aktiv ein Instrument der politischen Meinungsmache betrieben.

Was überrascht hat war wie erfolgreich die Saudis waren. Die gesamte NATO hat ihnen geholfen.

Man sieht in Ägypten das die Salafisten mit 30% Wahlerfolg eindeutig über die Saudis Erfolg hatten in WAHLEN.

Meerwelle
01
17.12.2011, 09:31

Was genau musste man in der SU denn vorantreiben, damit deren Wirtschaft kollabierte.
Also das würde mich jetzt echt interessieren.
Keine Schokolade mehr liefern?

sumpf des ostens
00
17.12.2011, 12:13

Kurzfassung:

Der Exportumsatz der SU bestand fast nur aus fossilien Energien. Satellitenstaaten(Kuba,..) kosten Dollars.

Senkung der Energiepreise (OPEC) und bewusstes Vorgehen in der Währungspolitik.

Das ist nicht nur eine (Verschwörungs)theorie. Dass die SU ohne diesen Attacken weiter bestehen hätte können jedoch schon.

Meerwelle
00
17.12.2011, 15:15

Und selbst wenn es so wäre, spricht das ja keineswegs für den (damals) real existerienden Kommunismus.
Also ich meine, wenn der zum eigenen Überleben von Erdöl- und Erdgaslieferungen an seine Feinde abhängig ist.
Dann stimmt ja irgendwie ziemlich viel nicht im System...

onlooker
10
16.12.2011, 22:16
die sowjetunion hätte ohne gorbatschew nicht kollabieren können,

Nichts ist wahr, (fast) alles ist erlaubt
 
00
17.12.2011, 00:15

sicher doch...

anders and
 
21
16.12.2011, 22:10

Sie verwechseln da Wissenschafter mit den politisch Tätigen.

Die Umwälzung von 1989 hat alle Wissenschafter überrascht - was auf Grund der mehr als deutlichen Vorzeichen wirklich peinlich war.

sociovation
10
16.12.2011, 17:08
30% mehr Lohn?!?!

Des is ja wie im Kommunismus!

Fritz Meyer
14
16.12.2011, 15:32
Die chinesische Politik wird sich noch wundern...

wie entschlossen der Mittelstand dort die gleichen Bürgerrechte einfordern wird, die bisher noch als "dekadent" und "westlich" hingestellt werden.

peter schmidt
 
16
16.12.2011, 14:45
Der Vergleich mit ARabien wird schon deswegen nicht möglich sein

weil auf Grund der restriktiven Bevölkerungspolitik der letzten 25 Jahre in China das Phänomen des zornigen arbeitslosen jungen Mannes nicht annähernd in dem Ausmaß wie in Arabien existiert.

In den arabischen Ländern hat doch jede Familie 1-2 Söhne die keine Existenzgrundlage und keine Arbeit haben.

Ohne youth bulge sind gewalttätige Aufstände zumeist unwahrscheinlich.

peter schmidt
 
02
16.12.2011, 14:42
War nur eine Frage der Zeit bis in China die Menschen halt auch

mehr westliches Niveau wollen. Bald werden auch die Gewerkschaften stärker sein. Die Löhne werden erhöht werdem müssen. Es wird mehr Freizeit als bisher geben. Weiters wird es sich nicht vermeiden lassen Umweltschutzauflagen zu erhöhen. Dann fehlen eigentlich nur noch "die Anrainer" und eine Lehrergewerkschaft. Und schon wird nicht mehr viel weitergehen. Mit anderen Worten China wird uns natürlich nicht an die Wand fahren sondern einfach ganz normal die gleichen Probleme wie wir haben. Und so soll es auch sein.

G. Bitte!
23
16.12.2011, 13:49

Also Sinologe ist der Mann denkbar ungeeignet, öffentlich eine seriöse politische Einschätzung zu geben. Und zwar deshalb weil er, wenn er öffentlich irgendetwas kritisches gegen das Regime sagt, nie wieder ein Visum bekommt und daher seine Forschungen einstellen muss. Daher wäre es besser, wenn er den Ball schön flach hält. Und nur zur Information: Natürlich kommt der Aufstand in China: Rasch, hart und blutig. Man kann nicht ein Milliardenvolk ewig unterdrücken.

docw
10
18.12.2011, 13:44
Man kann nicht ein Milliardenvolk ewig unterdrücken.

und man kann ein miliardenvolk nie demokratisch regieren. und kommen sie mir bitte nicht mit indien-dort regiert, obwohl off. abgeschafft, noch immer das kastenwesen - daher die ruhe.

onlooker
01
16.12.2011, 17:19
und sie werden der anführer der massen sein, schlafen sie ruhig weiter

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