Journalist wirft Mafia Verwicklung in Aufräumarbeiten vor
Tokio - Japans Regierungschef Yoshihiko Noda will nach Informationen japanischer Medien am Freitag die kontrollierte Abschaltung aller Reaktoren im havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bekanntgeben. Für Freitag, 18.00 Uhr (Ortszeit, 10.00 Uhr MEZ), ist eine Pressekonferenz angesetzt, wie örtliche Medien berichteten. Es sei damit zu rechnen, dass Noda die Erfüllung des von der Regierung ausgegebenen Ziels verkünden werde, alle Reaktoren bis zum Jahresende herunterzufahren.
"Cold Shutdown"
Bei Umweltschützern trifft das Vorhaben auf Kritik. So erklärte am Donnerstag Global 2000: "Hier von kontrollierter Abschaltung zu sprechen grenzt an eine bewusste Lüge." Während Tepco den "cold shutdown" als Senkung der Temperatur am Boden des Reaktordruckbehälters auf unter 100 Grad definiere, herrschten im Inneren der Brennstoff-Klumpen immer noch mehr als 3.000 Grad.
Kaltabschaltung bezeichne bei Atomkraftwerken den Zustand des ausgeschalteten, heruntergefahrenen Reaktors. Dessen Brennelemente wurden durch die weitere Zufuhr von Kühlwasser über Monate so lange gekühlt, dass die Nachzerfallswärme von anfangs fünf Prozent der Reaktorleistung abgeführt wurde und die Brennelemente auch ohne weitere Kühlung das Wasser nicht über 100 Grad erhitzen würden. Davon sei man laut Global 2000 in Fukushima meilenweit entfernt.
Einflussnahme der Mafia
Ein Journalist warf unterdessen der Yakuza, der japanischen Mafia, vor, in die Aufräumarbeiten in Fukushima verwickelt zu sein. Die kriminellen Gruppen kümmerten sich darum, Arbeiter für die Aufräumarbeiten an den verstrahlten Reaktoren zu finden, sagte Tomohiko Suzuki, der über seine Recherchen in Fukushima ein Buch geschrieben hat. Demnach sendet die Yakuza Schuldner als Arbeiter für die Reaktoren an, damit diese so ihre Schulden beglichen.
Ein unabhängiges französisches Labor teilte mit, es habe bei Kontrollen im Staub aus Häusern im Umkreis von 200 Kilometern rund um Fukushima radioaktive Spuren entdeckt. Mit 20.000 Becquerel pro Kilogramm sei die Belastung im Distrikt Watari, 50 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, am höchsten, teilte der französische Verband für die Kontrolle der Radioaktivität im Westen (Acro) mit. Zudem seien im Urin von Kindern aus der Präfektur Fukushima weiterhin Spuren von Radioaktivität nachweisbar.
In dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi war am 11. März 2011 durch das
Erdbeben der Stärke 9,0 und den anschließenden Tsunami das Kühlsystem so
schwer beschädigt worden, dass die Brennstäbe mehrerer Reaktoren
schmolzen. Um die Reaktorkammern zu kühlen, besprühte die Betreiberfirma
Tepco sie mit Wasser. Die Entsorgung der bei der Kühlung radioaktiv
verseuchten Wassermengen bereitet eines der größten Probleme in dem
Kraftwerk. Bei dem Unglück handelt es sich um den schwersten atomaren
Zwischenfall seit Tschernobyl 1986. (APA)