Jugendstudie in den Medien

Über den Umgang mit Umfragedaten

Gastkommentar | 15. Dezember 2011, 14:46

In Sachen Umgang mit Umfragedaten muss die österreichische Medienlandschaft noch viel lernen - Von Eva Zeglovits

Vor wenigen Tagen wurde vom Institut für Jugendkulturforschung eine Studie präsentiert, die auf großes Echo gestoßen ist. „Jugendstudie: Neoliberalismus, Fremdenangst und Rechtsextremismus“, titelte der derStandard.at. Die Jugend sei verunsichert und fremdenfeindlich und anfällig für rechtsextremes Gedankengut.

So weit, so schlimm. Meine Recherche nach den Eckdaten der Studie ergab folgendes: Die Studie wurde online per Quota-Sampling unter n=400 16-19jährigen Wienerinnen und Wienern durchgeführt. Und da war er wieder, mein Zorn über den unsensiblen Umgang mit Umfragedaten. Zunächst: Wien ist nicht Österreich. Das ist der ärgerlichste Fehler in der Bericherstattung, der jedem hätte auffallen müssen.

Dann wird es spitzfindiger. Was sagt uns n=400? Je größer eine Stichprobe ist, desto genauer können Aussagen über die Grundgesamtheit getroffen werden. Bei n=400 liegt die sogenannte Schwankungsbreite bei maximal plus/minus 4,9 Prozentpunkten. 400 Befragte klingt viel, ist aber wenig. Die Unsicherheit ist sehr hoch. Jetzt mag man einwenden, dass es eigentlich irrelevant ist, ob 40 Prozent, oder aber vielleicht 35 Prozent oder auch 45 Prozent zur Aussage zustimmen, dass zuviele Türken in Österreich leben. Irgendwie klingt es in jedem Fall nach ziemlich vielen. Aber wenn dann Vergleiche gemacht werden, ob etwas mehr oder weniger geworden ist, dann werden diese Schwankungen auf einmal sehr wichtig.

Und zu guter Letzt die Stichprobe: Was mir besonders fehlt, ist eine Erklärung dessen, für wen denn diese Aussagen gelten sollen. Die Information „online Quota Sampling“ sagt mir zunächst einmal überhaupt nichts darüber aus, wer da befragt wurde. Ist es wirklich ein Abbild der Wiener Jugendlichen? Oder vielleicht nur der Jugendlichen, die sich irgendwann einmal selbst für die Teilnahme an Umfragen in ein Online Access Panel eingetragen haben, um Punkte für Gutscheine zu sammeln? Das wissen wir nicht, aber die Ergebnisse werden dafür verwendet „die Jugendlichen“ zu beschreiben.

Kritischer Journalismus sollte diese Fragen stellen, damit die StudienautorInnen erklären müssen, was die Aussagekraft ihrer Studie ist. Beruhigt es da, dass derStandard.at nicht das einzige Medium ist, das all diese Punkte hat unhinterfragt lässt? Nein, es beunruhigt. In Sachen Umgang mit Umfragedaten muss die österreichische Medienlandschaft noch viel lernen. (Eva Zeglovits/derStandard.at, 15.12.2011)

Dr. Eva Zeglovits ist Universitätsassistentin am Fakultätszentrum für Methoden in den Sozialwissenschaften der Universität Wien

Siehe auch: Kommentar von Olivera Stajić - Verunsichert, verängstigt und alleingelassen

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rotes gfries
00
18.12.2011, 09:12

gerüchten zufolge hätte churchhill gesagt: "ich glaube nur der statistik, die ich selbst gefälscht habe!"

jamieoliver
03
18.12.2011, 06:27

Ein sehr guter Kommentar. Leider - und das wird im Artikel auch schon erwähnt - ist das nicht die einzige "sozialwissenschaftliche" Studie von zweifelhafter Qualität. Im allgemeinen (und eigentlich ja auch hier gerne) werden diese Studien als Basis politischer Diskussionen und politischer Entscheidungen hergenommen.

Irgendwann wurden Studien als Mittel entdeckt um politische Positionen zu untermauern - seither sind diese ohne Rücksicht auf die wissenschaftliche Aussagekraft ein begeehrtes Kampfmittel. Das Wissen über diese statistischen Hintergründe fehlt den meisten Politikern, journalisten und dem Großteil der Bevölkerung.

halar
00
18.12.2011, 01:57

Vielen Dank für den Kommentar.

vheissu
01
17.12.2011, 21:56
Danke für den Kommentar!

Leider haben Journalisten i.d.R. weder das entsprechende Wissen, noch das Interesse, um solche „Studien“ zu hinterfragen. Der Wettbewerb um Hysterisierung, um die aufgeregtesten Schlagzeilen ist zu stark, auf der Strecke bleibt Seriosität.

germany´s next topfmodel
01
17.12.2011, 21:50
wird

wird das künftig beherzigt, lieber standard?

P. Schmirgel
00
17.12.2011, 21:12
"Zunächst: Wien ist nicht Österreich."

hier beißt sich die journalisten-katze in den schwanz und die belehrung führt sich ad absurdum ;-)

Schwedenbombe
 
00
17.12.2011, 22:31
Warum?

Vlt. Haben sie auch nur das argument nicht verstanden ;)

P. Schmirgel
00
18.12.2011, 13:54

ganz einfach: reine logik! das deuteln überlass ich den provinzlern ;-)

pole sana ("|")
00
17.12.2011, 20:52

Darum seit langem meine Meinung:

Es muss endlich mehr statistik in der schule gelernt werden. Die wenigsten muessen in ihrem leben mal eine funktion integrieren aber als mündiger medienkonsument BRAUCHT man grundlagen der statistik.

smea_gol
00
17.12.2011, 19:00

jaja, siehe die statistiken der studiengebührenbefürworter...

und über mainpulative fragestellungen gerade in dem bereich möchte ich gar ned reden.

Andrei Tchoubrikov
06
17.12.2011, 14:59
Kritischer Journalismus sollte...

Tut er auch, nur hat dieses Medium damit wenig zu tun. Man druckt blind Agenturmeldungen und bedient Klischess - reicht doch fuer eine Qualitaetszeitung !

alla riscossa
05
17.12.2011, 13:47
vielleicht könnte frau dr.zeglovits

sich einmal mit der schurnalistin vom standard zusammensetzen und ihr ein paar basics erklären, im interesse aller, vor allem der leser!

Rafale
010
17.12.2011, 12:40
Sehr guter Kommentar!

obibiber
00
17.12.2011, 12:05

das ist journalismus: gefilterte berichterstattung.

die studien sollten auch selbst gelesen werden. da wird dann nämlich auch ersichtlich, welche fragen wie gestellt wurden, welche fragen warum? nicht und wie diese vorgängen einfluss auf den output nehmen... soviel zu quantitativer sozialforschung, die in den seltensten fällen seriös ist, vor allem dann nicht, wenn ein thema von einer institution abgefragt wird (und nicht von mehreren mit unterschiedlichen politischen zugängen und unterschiedlichen fragen).

Fon
33
17.12.2011, 11:06
Kritische Postings werden nicht veröffentlicht!!

Gelebte Demokratie im Web. Der große Bruder kontrolliert alles. Na dann weiterhin viel Spaß mit den 500er Stichproben von Market, die hier immer wieder veröffentlicht werden und zu denen Frau Zeglovits nichts einzuwende hat. Oder auch Karmasins Stichproben für Profil. Hält Frau sich hier vielleicht zurück, um es sich mit der Branche nicht zu verderben. Auf das kleine Jugendforschungsinstitut kann Frau ja gefahrlos einprügeln.

Past
01
18.12.2011, 08:38

wie weiter oben bereits gepostet wurde, Methodenwissen hilft zu verstehen; es macht einen Unterschied ob nur 16-19 jährige Wiener Hauptschüler, welche vielleicht einen Gutschein bekommen haben (oops Problem, solche Hauptschüler findet man nur mehr in gewissen Bezirken) für Umfragen heranzieht oder 16-19 jährige Personen (nicht nur Hauptschüler) aus ganz Österreich mit entsprecher Land/Stadt-, Geschlechter-, Bildungs-, Altersverteilung usw.. Und eine mögliche Verknüpfung mit einen Gutschein macht eine Umfrage noch unseriöser. Wer nimmt an Umfragen teil, wenn es z.B. einen Beate Uhse Gutschein gibt.

juuni
01
17.12.2011, 15:01
es scheinen

hier ja viele einfach den Text nicht gelesen zu haben (ich würde ja sagen dass so etwas mehr Aussagt als so eine Studie). Das Problem ist nicht unbedingt die Anzahl sondern das Fehlen jedweder Dokumentation darüber, wie man die Stichprobe gezogen hat. Weil 500 Leute bei guter Stichprobe (wobei in diesem Fall eben niemand um die Qualität weiß) durchaus ausreichen, um Zusammenhänge (Hypothesen) zu testen muss man auch nicht unbedingt mehr befragen. Das (andere? Weil wollte das Institut denn überhaupt sagen, ob es mehr oder weniger Jugendliche geworden sind?) Ziel der Kritik sind die Medien, die teilweise nicht einmal die minimalen Informationen zu der Stichprobe (z.B. Wiener Jugendliche) berücksichtigt haben.

Evets...
02
17.12.2011, 14:06
Sind Sie es Herr Heinzlmaier?

Der Ton dieses Postings erinnert mich an Ihre Antworten auf meine Fragen hinsichtlich Ihrer Studie. Der Unterschied zwischen den erwaehnten Studien und der Ihren ist --- die Fragen werden vollstaendig veroeffentlich und an eine randomisierte Stichprobe gestellt. Bei Ihren Umfragen gibt es weder jenes, noch das andere! Vielleicht sollte ich unsere gestrigen Email Konversation einfach veroeffentlichen - was denken Sie?

dylan dog
04
17.12.2011, 10:49
Oh wie angenehm fundiert und klar.

Bitte öfter kommentieren und Klarheiten schaffen.

Fon
23
17.12.2011, 10:06
Selbstkritik

Offenbar übt der Standard mit der Veröffentlichung dieses Kommentars öffentlich Selbstkritik um eigene Schuld zu tilgend und zwar für die ständige Veröffentlichung von Studien des Linzer Instituts market Insituts, bei denen eine Stichprobengröße von 400 für Aussagen über alle ÖsterreicherInnen über 16 Jahren verwendet wird. Oder auch im Profil werden monatlich 500er Stichproben verwendet um Parteienpräferenz und Politikersympathie darzustellen. Sora hat Studien zum Penisonssystem mit 500 Befragten veröffentlicht. Warum hat Frau Zeglovits nicht da schon Alarm gerufen? Und warum gerade bei einer Studie, die Antisemitismus und xenophopie thematisiert?

Evets...
01
17.12.2011, 14:09
Herr Heinzlmaier

durch diese Vergleiche zeigen Sie nur, dass Sie den Kommentar oben nicht verstehen und offenbar auch das Problem der Stichprobenziehung nicht so ganz. Und Xenophobie ist nicht das Problem hier, sondern ob und wie diese Xenophonie unter den Jugendlichen tatsaechlich ausgepraegt ist!

phuxxx
00
16.12.2011, 22:36
Aber geh ...

Menschen, die sich mit Statistik auskennen, versuchen seit jeher, den Medien diese Grundbegriffe beizubiegen. Leider kommen wir da kaum durch. Weil: Meistens sind dann die Umfrageergebnisse wenig sensationell (Stichwort: Wahlprognosen). Und daher wenig medientauglich. Ich werde den Standard bei der nächsten Wahl an diesen Artikel erinnern. Schauma mal.

Mario Ahner
12
16.12.2011, 22:31

n=400 wäre für eineUmfrage unter der Gesamtbevölkerung wirklich lächerlich. Allerdings
beträgt die Grundgesamheit der 16-19 Jährigen nur 400.000. Die Stichprobe umfasst also 1 Promille der Grundgesamtheit, was sehr beachtlich ist.

phuxxx
01
16.12.2011, 23:28
wieviel ist n=400

Ob ein Promille der Grundgesamtheit oder ein Prozent oder 10 oder 50 % der Grundgesamtheit ist nur leider der Statistik relativ egal. Verkürzt gesprochen verändert sich die Fehlerspanne kaum, wenn der Anteil der Stichprobe an der Grundgesamtheit größer wird. Nachprüfbar.

Fon
42
17.12.2011, 10:08
Ja wenn die Stichprobengröße eh egal ist...

...warum regt sich Frau Zeglovits dann darüber auf. Dann hätten ja auch 200 genügt um repräsentativ zu sein, oder?

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