Kommerzialisierung der Exotik

15. Dezember 2011, 14:25
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Yunnan ist einer der gegenwärtigen Hotspots für Entwicklungsprojekte. Minderheiten sind zugleich Zielgruppe und Tourismusmagnet

Die Bevölkerung der Provinz Yunnan setzt sich aus vielen Minderheiten zusammen, einige haben Vorfahren in den entlegenen Berg- und Waldregionen. Oft tragen sie bunte Trachten, die sich von den eher westlichen Kleidern der Han-Chinesen unterscheiden. Die Beliebtheit der Minderheuten-Folklore bei Touristen verursacht aber eine immer stärkere Exotisierung. Viele Angestellte in Restaurants oder Supermärkten müssen Minoritäten-Trachten tragen, um Kunden anzulocken. "Traditionelle" Tanzshows und die tägliche Inszenierung von Festtagen sind äußerst beliebt. Das ist in etwa so, als würde man für Touristen das ganze Jahr lang Weihnachten feiern.

Sicherung der Grenzen

Die Provinz Yunnan steht im Fokus der Entwicklungsbemühungen der chinesischen Zentralregierung. Der zahlenmaessige Anteil der Minoritaeten an der Gesamtbevölkerung Chinas ist mit zehn Prozent relativ gering. Dagegen besteht mehr als die Haelfte des chinesischen Staatsgebiets aus Provinzen, in denen die Minoritaeten die Mehrheit stellen, wie etwa die Autonome Region Tibet und Xinjiang. In 90 Prozent der Grenzregionen leben Minderheiten und somit hängt die Sicherung der Grenzen von der Loyalität der dortigen Bevölkerung ab. Gerade in Yunnan, das strategisch wichtig entlang der schwer kontrollierbaren Grenzregion von Burma und Laos liegt, kamen immer wieder Bedenken über die Loyalität der Minoritäten auf. Die KPCh (Kommunistische Partei Chinas) verfolgt die Strategie, durch den Segen der wirtschaftlichen Entwicklung diese Loyalität zu stärken.

Die Zentralregierung begann bereits kurz nach der Gründung der Volksrepublik 1949 die Randgebiete zu sichern und Minderheiten zu erfassen. Ein erster Schritt war die wissenschaftliche Erforschung und Festschreibung der Bewohner. Yunnans Minoritäten wurden ab den 1950er Jahren kategorisiert und nach "Bedeutung" klassifiziert. In den Folgejahren gab es immer wieder Interventionen mit wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und auch umweltschützenden Intentionen, denn die Provinz ist auch äußerst reich an natürlichen Ressourcen und kann mit beeindruckender Biodiversität aufwarten. Auch viele NGOs sind hier aktiv.

Seit 2000 verfolgt die Zentralregierung ein großangelegtes Entwicklungsprojekt, das Xibu Da Kaifa, in dem die westlichen Regionen, unter ihnen auch Yunnan, vorangebracht werden sollen. In den Entwicklungsstrategien der Zentralregierung werden gezielt Minoritäten angesprochen. Diese Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung durch Kommerzialisierung von "ethnischen" Kulturen geht einher mit der Öffnung der Region für den Ethno- und Biotourismus. Denn die ökonomische Entwicklung wird zu einem guten Teil über Einkommen aus dem Tourismus angestrebt, und eine wichtige Tourismusressource sind eben diese Minoritäten mit ihren "typischen" oder "traditionellen" Kostümen, Tänzen und Handwerk.

NGOs und westlicher Tourismus

Die Schönheit der Natur einerseits und die Armut der ländlichen Bevölkerung andererseits, locken auch immer mehr ausländische Investoren an. In den letzten Jahrzehnten ist die Entwicklungs- und Tourismusindustrie in Yunnan geradezu explodiert. Es gibt hier mehr NGOs als in jeder anderen Provinz Chinas. Der beliebteste Reiseführer für Individualtouristen kategorisiert die Provinz als absolutes Must-See, und so eröffnen jeden Tag neue westliche Hotels und Restaurants. Yunnan ist längst kein abgelegenes Randgebiet am Ende Chinas mehr.

  • "Lang lebe die richtige Kommunistische Partei Chinas!" Die Nachricht im tibetischen Gebiet Yunnans zeigt deutlich die politische Dimension von Bauprojekten.
    foto: an yan

    "Lang lebe die richtige Kommunistische Partei Chinas!" Die Nachricht im tibetischen Gebiet Yunnans zeigt deutlich die politische Dimension von Bauprojekten.

  • Für den Tourismus werden viele Prestigebauten errichtet, so wie dieses Nobelhotel im Tibetstil in Zhongdian.
    foto: an yan

    Für den Tourismus werden viele Prestigebauten errichtet, so wie dieses Nobelhotel im Tibetstil in Zhongdian.

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