Die offenen Adern Nordafrikas

Blog15. Dezember 2011, 13:41
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Afrika ist reich, Nordafrika noch reicher. Warum sich das nicht bemerkbar macht? Die Antwort ist einfach: Riesige Geldmengen fließen unter der Hand ins Ausland

Das belegt eine Studie der Global Finance Integrity (GFI). Im Zeitraum von 1970 bis 2008 sind nach Untersuchungen verschiedener Finanzinstitutionen belegbar 854 Milliarden Dollar von vom schwarzen Kontinent ins Ausland geflossen. GFI rechnet aber mit einem tatsächlichen Betrag, der bei 1,8 Billionen Dollar liegen dürfte. Mehr als ein Viertel des Betrages stammt aus den nordafrikanischen Ländern Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko. Jeder Nordafrikaner hat in den 39 Jahren der Untersuchung 1767 Dollar verloren. Das ist das doppelt so viel wie im afrikanischen Durchschnitt.

Die Liste der Länder, die am meisten bluten müssen, führt Nigeria an. Platz 2 hält Ägypten des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak, Platz 3 Algerien unter dem vom Militär gestützten Präsidenten Abdelaziz Bouteflika und Platz 4 Marokko unter König Mohamed VI. Das kleine Tunesien mit seinen weniger als 11 Millionen Einwohnern bringt es auf auf Platz 10. Der Clan um den im Januar gestürzten Präsidenten Zine el Abweiden Ben Ali und Frau Leila Trabelsi rissen sich in den Jahren der Privatisierung alles unter den Nagel, was nur irgendwie Gewinn versprach. Über Libyen liegen widersprüchliche Zahlen vor. Deshalb wurde das Reich des verstorbenen Muammar al-Gaddafi nicht in die Top-20-Liste aufgenommen.

Am meisten wurde das Erdöl und Erdgas produziende Algerien geplündert. Mit dem ins Ausland geflossenen Betrag könnte das Land seine Auslandsschulden sieben Mal abbezahlen, Ägypten 2,5 Mal und Marokko 1,2 Mal. Nur in Tunesien wurde weniger gestohlen als das Land dem Ausland schuldet. Das transferierte Geld entspricht nur 70 Prozent der Auslandsverpflichtungen.

GFI macht vor allem die Korruption, Kriminalität und Steuerhinterziehung für die riesigen Geldflüsse verantwortlich. Drei Prozent des Gesamtbetrages stamme aus "Bestechung und Diebstählen durch Regierungsbeamte". "Drogenhandel, Erpressung, Produktfälschung" mache je nach Region 30 bis 35 Prozent aus. "Steuerhinterziehung, zum Großteil durch Beeinflussung der Handelspreise ist bei weitem der größte Posten mit 60-65 Prozent", heißt es im Gfi-Bericht.

Die illegal transferierten 1,8 Milliarden Dollar entsprechen - so die GFI-Studie - einem Vierfachen der Auslandsschulden Afrikas. (Reiner Wandler, derStandard.at, 15.12.2011)

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    Der Palast von Tunesiens gestürztem Staatschef Ben Ali in Karthago vor den Toren von Tunis.

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    foto: ainhoa fernandez rincon
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