Umfrage über Zeitgeist von Wiener Jugendlichen zeigt Fremdenfeindlichkeit und Egoismus auf
"Wer die Jungen hat, hat die Zukunft, wer die Alten hat, hat die
Mehrheit", sagte in der vergangenen Woche Andreas Khol, Bundesobmann des ÖVP-Seniorenbunds. Und gerade weil dass in Österreich vielleicht sogar der Wahrheit entspricht, soll an dieser Stelle auf die Zukunft, also auf die Jungen und deren Weltanschauung eingegangen werden. Schließlich werden auch die irgendwann einmal alt.
Online-Umfrage
In einer repräsentativen Umfrage hat das Institut für Jugendkulturforschung 400 Jugendliche aus Wien zum Thema "Wie denken und leben 16- bis 19-Jährige" online befragt. Themen der acht gestellten Fragen waren unter anderem soziale Gerechtigkeit, Gründe für Armut, faschistische Werte und Fremdenfeindlichkeit, aber auch profaneres wie Lifestyle oder Szene-Zugehörigkeit. Die Befragung war anonym und die Antworten vorgegeben, wobei die Jugendlichen den Grad ihrer Zustimmung angeben konnten. Mehrfach-Antworten waren möglich.
Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus
Wer glaubt, Wiener Jugendliche seien besonders weltoffen und tolerant, wird vor allem die Ergebnisse der Befragung zum Thema faschistische Werte und Xenophobie erschreckend finden. Demnach sind fast die Hälfte (43,6 Prozent) der Meinung, es würden schon zu viele Türken in Österreich leben. Auch starke antisemitische Tendenzen sind zu erkennen: 18,2 Prozent glauben an einen zu großen Einfluss der Juden auf die Weltwirtschaft und mehr als jeder Zehnte (11,2 Prozent) ist der Meinung, Adolf Hitler habe für die Menschen auch viel Gutes getan. Vor allem unter Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten, die selbst um Arbeitsplatz und die eigene Zukunft fürchten, seien die Vorbehalte besonders türkischen Migranten gegenüber ausgeprägt, sagt Studienleiterin Beate Großegger gegenüber der Tageszeitung Presse.
Soziale Gerechtigkeit gleich Jobchancen
Auf der anderen Seite bedeutet soziale Gerechtigkeit für 58 Prozent , "dass Minderheiten nicht diskriminiert werden" und über 60 Prozent empfänden es als gerecht, wenn "alle Menschen in Österreich die gleichen Chancen
haben, auf der sozialen Stufenleiter empor zu steigen". 64 Prozent gaben an, dass Frauen (bei gleichwertiger Arbeit) gleich viel verdienen sollten
wie Männer.
Keine große Rolle spielt im sozialen Gerechtigkeitsbewusstsein der Jugendlichen allerdings eine Umverteilung zwischen Arm und Reich. Auch ist nur knapp jeder Dritte für eine finanzielle Unterstützung Ärmerer durch den Staat.
"Armut wegen Faulheit und Mangel an Willenskraft"
Auch die Ansichten der Jugendlichen zu den Gründen, die in die Armut führen, lassen nicht gerade auf Verständnis und Mitgefühl schließen. So 36 Prozent der Meinung, Armut resultiere aus "Faulheit und mangelnder Willenskraft", nur 20 Prozent glauben, dass Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft dafür verantwortlich sei. "Darin spiegelt sich der neoliberale Zeitgeist", so Großegger.
Trotz dieser Ansichten ist bei vielen die Angst groß selbst in die Armutsfalle zu tappen. So ist für zwei Drittel (65,5 Prozent) ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger als die Karriere und für knappe 40 Prozent ist gute Bezahlung wichtiger als Selbstverwirklichung im Beruf.
Politik nicht "lifestylekompatibel"
Vor die Wahl gestellt, gab die Mehrheit der Jugendlichen nicht ganz überraschend an, dass Ausgehen, Internet und Freizeit mit Freunden besser zu ihnen passe als Zuhause bleiben, Bücher und Freizeit mit der Familie.
Politik habe laut der Studie "generell wenig Bedeutung in den Lifestyle-Welten der 16- bis 19-Jährigen". Damit konfrontiert, würden sich 37 Prozent für eine politische Protestbewegung und nur 24 Prozent für eine Partei entscheiden. Fast vier von zehn Jugendlichen (39 Prozent) gaben jedoch an, Politik sei für sie überhaupt nicht "lifestylekompatibel". Wenn schon nicht zu politischen Parteien, fühlen sich viele Jugendliche doch bestimmten Szenen zugehörig. Die Top Drei sind Fitness (38 Prozent) Fußball (25,2 Prozent) und Hip Hop (23,5 Prozent). (Max Daublebsky, derStandard.at, 15. 12. 2011)