Historisches Urteil gegen Jacques Chirac

15. Dezember 2011, 21:04

Expräsident zu zwei Jahren bedingter Haft verurteilt - Prozess wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder während seiner Zeit als Pariser Bürgermeister

Rund fünf Jahre dauerte es, bis die französische Justiz ein Urteil über Ex-Präsident Jacques Chirac fällte: zwei Jahre auf Bewährung wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu dessen Zeit als Pariser Bürgermeister.

*****

Ein Pariser Strafgericht hat Jacques Chirac, den französischen Staatspräsidenten von 1995 bis 2007, am Donnerstag wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der Tatbestand betrifft die Zeit, als Chirac Bürgermeister von Paris (1977-1995) war. Das Gericht erachtete es als erwiesen, dass der heute 79-jährige Gaullist Anfang der 1990er für die Einstellung mehrerer Parteifreunde im Rathaus verantwortlich war. Damit sparte er Parteikosten zulasten der Steuerzahler der Stadt.

Chirac sei "am Ursprung" dieser Scheinjobs gewesen, urteilte das Gericht, das auch einige andere Mitarbeiter des nachmaligen Präsidenten zu Haft- und Geldstrafen verurteilte. Die Beweislage war klar; unter anderem lag ein handschriftlicher Brief Chiracs vor, in dem er selbst eine fiktive Anstellung empfahl.

Das Urteil war mit großer Spannung erwartet worden: Erstmals stand in Frankreich ein ehemaliger Staatspräsident vor Gericht. Chirac genoss im Élysée-Palast bis 2007 absolute Immunität. Nach seinem Amtsende waren mehrere Tatbestände verjährt; dazu gehören inexistente Wählerstimmen oder "geschmierte" Bauvorhaben. Damit verglichen nehmen sich die Scheinjobs wie ein relativ geringfügiger Delikt aus.

Jahrelanges Gezerre

Trotzdem musste der "Verein zur Bekämpfung der Korruption" (Anticor) jahrelang für die Durchführung des Prozesses kämpfen. Die Staatsanwaltschaft sprach sich zuerst gegen den Prozess aus; und im Frühling verlangte sie zur allgemeinen Überraschung einen Freispruch. Viele Juristen sahen dahinter das Werk des aktuellen Staatschefs Nicolas Sarkozy, der sich vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen 2012 die Unterstützung des gaullistischen Flügels seiner Partei UMP sichern wollte.

Allerdings blieben die Franzosen gespalten, ob der heute sehr beliebte Altpräsident auf die Anklagebank gehöre. Je unpopulärer Sarkozy ist, desto nostalgischer blicken viele auf die Chirac-Ära zurück, in der Frankreich noch nicht in der Krise steckte und den USA im Irakkrieg Paroli zu bieten wagte.

Auf jeden Fall musste Chirac schließlich nicht persönlich vor den Richtern erscheinen: Sie billigten das Argument, wonach Chirac unter "Anosognosie" leide: Gedächtnisverlust.

Auch die Reaktionen auf das Urteil fielen gemischt aus. Nicht nur Gaullisten wie Ex-Premier Jean-Pierre Raffarin sprachen von einer "traurigen Nachricht". Anticor-Vorsteher Jérôme Karsenti lobte hingegen das "historische Urteil", das eine "Botschaft an alle Politiker" sei. Die linke Opposition sah ein "Signal für die Demokratie". Die grüne Präsidentschaftskandidatin Eva Joly forderte Chirac konkret auf, sein ihm als Ex-Staatschef zustehendes Amt als Verfassungsrichter abzugeben.

Chirac selbst wohnte der Urteilsverkündung nicht bei. Am Abend teilte er mit, er werde nicht in Berufung gehen. Er habe nicht mehr die "nötigen Kräfte", weise das Urteil aber kategorisch zurück. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)

Kommentar posten
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tignosa
00
22.12.2011, 11:12
der lebt noch???

Kate Austen
11
16.12.2011, 09:24
wurde der nicht mal "Westentaschennapoleon" genannt?

und dann gabs österreichweite Entrüstung, weil man ihm genau das vorgeworfen hat, wofür er jetzt verurteilt wurde?

Und alle haben damals aufgeschrien und gemeint, die Vorwürfe stimmen ja alle nicht, wie kann man nur sowas behaupten...

Erzpiefke
 
40
16.12.2011, 06:01
Wenn man die franz. Maßstäbe

den Politikern in Ösistan anlegen würde, müßte man die Quatschbuden in Gefängnisse umwandeln. Die dem Bulldozer zu Last gelegten "Untaten" sind hier eigentlich selbstverständlich.

Kate Austen
02
16.12.2011, 18:34
klar, weil unsere Politiker im Gegensatz zu Chirac ja so Dinge wie Atombombentest (Mururoa, Französisch-Polynesien) angeordnet haben usw usf

selbstverständlich hat das nichts mit der Anklage zu tun, war aber trotzdem ne bodenlose Schweinere, so gesehen: recht geschiet es ihm!

Erzpiefke
 
20
16.12.2011, 20:08

Um das ging es doch in diesem Prozess nicht. Hier gings darum, daß Leute, die nur Parteiarbeit machten, beim Staat angestellt und von diesem auch bezahlt wurden. So etwas ist eigentlich in Parteien-Staaten selbstverständlich.

Jimmy Neutron
01
16.12.2011, 00:21

Jetzt wird er halt nicht mehr darum gebeten, den Ehrenschutz bei verschiedenen Veranstaltungen zu übernehmen. Den VIP Status bei diversen Gesellschaften und Organisationen behält er dennoch.

don't follow me
04
15.12.2011, 23:51

Wäre in Österreich undenkbar..

... wegen so einer Lappalie ..

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
15.12.2011, 23:47
"Macht" ist letztlich ein sumpf -

wohl jeder der ihm zu nahe kommt, wird zumindest teilweise hineingezogen...!

es bleibt spanned...
07
15.12.2011, 21:57
Doppelt bemerkenswert!

Ein wichtiges Urteil für die Demokratie und den Anspruch auf eine saubere Politik. Not anything goes.

Das wahre Wunder aber scheint mir, dass sich das Gericht über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinweggesetzt hat.

V995
013
15.12.2011, 21:21
und schüssel ist immer noch unbehelligt

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
16.12.2011, 08:06

zeig ihn halt an. Hast irgendwas Konkretes??

FalscherProphet
07
15.12.2011, 22:35
Das erscheint in Österreich undenkbar:

Dass ein Polit-Pate der Korruption verurteilt würde.

(c) 3210
11
15.12.2011, 21:07
Das wirklich grausliche ist ..

nicht, dass sie den Chirac verurteilt haben, sondern das wirklich grauslich ist, dass in der heutige Politik noch viel mehr, noch viel grauslichere Verbrecher im Tagesgeschäft unterwegs sind.

Gaddafi, Sarkozi, Berlusconi, Putin, Grasser, Westenthaler, Scheuch und so weiter und so fort. Das sind alles von den Medien getragene und respektierte Menschen, die in Wahrheit genauso grauslich oder noch grauslicher sind, aber teil unserer Politik und Gesellschaft. Denen gibt man die Hand, mit denen spricht man, die akzeptiert man.

Gott sei dank, manchen nicht mehr. Aber was muss man heute erst alles verbrechen um im politischen disqualifiziert zu werden?

Malkaye
02
16.12.2011, 00:22
nur weil chirac nicht mehr im amt ist, heißt das nichtmehr, dass er in der von ihnen genannten liga fleißig mitgespielt hat.

sehen sie sich mal seine freundes-liste an. der hat es nie ausgelassen einen afrikanischen diktator diplomatisch zu decken und mit waffen auszustatten das volk zu peinigen.

dafür hat er privat auch viel kassiert - wie sarkozy heute in gabun.

Tschuri Cazzino
 
05
15.12.2011, 20:59
Dieses Urteil wäre in Ö. aus mehreren Gründen undenkbar.

Erstens, weil kriminelle Spitzenpolitiker nicht verfolgt werden. Zweitens, weil Gedächtnisverlust in Ö. selbst bei Massenmördern mit Parteibuch dazu führt, dass man trotz gerichtlich bestätigter Schuld nicht eingesperrt wird.

Ghettoblaster
10
15.12.2011, 20:36

Er hat gegen kein Gesetz verstoßen hehe

Halbmond
03
15.12.2011, 19:57

Er hat es verdiehnt,diesen miserablen abgang seiner karriere....herr Chirac.

the original -Neowiener-
43
15.12.2011, 20:03
Ortographische Hilfestellung:

Herr Chirac hat sich (ihrer Meinung nach) ein solch miserables Karriereende verdient.

Paradeiser
01
16.12.2011, 08:33
ortographische ==> orthographische

... ich hoffe Sie sind nicht Orthopäde :)

the original -Neowiener-
00
16.12.2011, 11:41
;)

Herr Plumm
01
15.12.2011, 19:41

jaja...bedingt...alle großen verbrecher aus der vip-szene bekommen anscheinend bedingte haftstrafen...

soamist
00
15.12.2011, 19:23
historisch

wäre eine enthauptung aber nicht zwei jahre bedingt

Der Q
08
15.12.2011, 19:17
ja sehr historisch

ein volksvertreter muss noch moralischer handeln als ein normalbürger, machtmissbrauch der noch zum schaden am eigenen volk führt ist hochverrat, todesstrafe wäre übertrieben, aber einige jahre häfen müssten schon drin sein

geldsäcke gehn nunmal nicht in häfen, auf die demokratie

leahcim
01
15.12.2011, 20:44

100% zustimmung, hab mir das gleiche gedacht beim durchlesen.

Malkaye
06
15.12.2011, 18:28
Eine Ohrfeige für Afrika.

Gegen seine übrigen Verbrechen - das installieren und unterstützen der blutigsten Diktaturen in Afrika - wird er hier für eine Lapalie vorgeführt und verhätschelt.

Gleichzeitig jagen die europäer die Führungspersönlichkeiten souveräner Staaten, die diese voran gebracht haben. Um sie in Europa "international" einzusperren.

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