Gefährliche Temperaturen

  • Die Nase ist von Muskelmasse und Fettgewebe wenig geschützt.
    foto: apa/barbara gindl

    Die Nase ist von Muskelmasse und Fettgewebe wenig geschützt.

An Nase, Ohren, Fingern und Zehen kommt es bevorzugt zu lokalen Kälteschäden

Noch ist draußen der Atem unsichtbar, an der Nasenspitze bilden sich keine Eiszapfen und die Hände bleiben auch ohne Handschuhe warm. Die Temperaturen sind für diese Jahreszeit ungewöhnlich hoch, die meisten Menschen von Erfrierungen deshalb nicht bedroht. Für obdachlose Menschen können auch gemäßigte Witterungsverhältnisse gefährlich werden. 

„Bei Windstille und trockener kalter Luft, werden auch einige Minusgrade ohne das Risiko einen Kälteschaden zu erleiden, in aller Regel gut toleriert", weiß Wolfgang Schreiber, Notfallmediziner am Wiener AKH und Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Weniger widerstandsfähig zeigt sich der Organismus, wenn der Wind bläst. Dann werden auch moderate null Grad schon als unangenehm empfunden. Daran ist der sogenannte Wind-Chill-Effekt schuld. Er sorgt dafür, dass die Lufttemperatur kälter wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ist. 

Wind-Chill ist ein meteorologischer Index, der die Auswirkungen von Wind und Temperatur kombiniert. Der Volksmund spricht von der „gefühlten Temperatur". Zwei Gründe gibt es warum der Wind Temperaturen kühler erscheinen lässt. Zum einen bläst er die dünne, wärmende Luftschicht, die den menschlichen Körper normalerweise umgibt einfach weg und zum anderen entzieht er dem Körper Wärme. Wie tief der Wind die Temperaturen purzeln lässt, ist auf einer Tabelle abzulesen. So fühlt sich eine Außentemperatur von minus 15 Grad Celsius bei einer Windgeschwindigkeit von 50 km/h bereits wie minus 29 Grad Celsius an.

Der Wind-Chill-Effekt ist dabei nur einer von vielen Faktoren, die Einfluss darauf haben, wie sich der Mensch bei kalter Wetterlage fühlt. Kleidung, körperliche Erschöpfung, Sonneneinstrahlung, Luftfeuchtigkeit, Ernährungszustand, Alter und allgemeiner Gesundheitszustand spielen ebenfalls eine Rolle.

Schmerzhafte Angelegenheit

„All jene Partien, die wenig durch Muskelmasse und Fettgewebe geschützt sind, sind besonders gefährdet", beschreibt Schreiber warum es bevorzugt an Nase, Ohren, Fingern und Zehen zu lokalen Schäden durch Kälte kommt. Eine drohende Erfrierung ist deutlich spürbar und als erstes Warnsignal deshalb auch für Laien erkennbar. Es tut weh und durch die Kontraktion der Blutgefäße erscheinen die betroffenen Körperteile weiß. „Das ist ein physiologischer Schutzmechanismus des Organismus, um die lebenswichtigen Organe im Körperinneren warm zu halten", erklärt der Notfallmediziner.

In aller Regel heilt ein beginnender Kälteschaden in warmer Umgebung ganz von alleine binnen weniger Minuten ab. Die Wiedererwärmung führt zu einer gesteigerten Durchblutung, Finger und Zehen werden rot und Juckreiz beziehungsweise Schmerzen begleiten das Geschehen. „Mit Schnee abreiben ist keine vernünftige Strategie um sich aufzuwärmen", warnt Schreiber vor vermeintlich gut gemeinten Tipps. Der tauende Schnee entzieht dem geschädigten Hautareal zusätzlich Wärme und kann die Situation eventuell noch verschlimmern.

Schutz vor Kälte

Ist ein definitiver Kälteschaden bereits eingetreten, können sich Blasen bilden, wie sie auch bei Verbrühungen oder Verbrennungen auftreten. Hier reicht die Erfrierung bereits in die gefäßreiche Lederhaut (Dermis) hinein. Ist auch die Unterhaut (Subcutis) mit betroffen, dann ist der Gefäßschaden unwiderruflich. Es bildet sich ein Gangrän. Das Gewebe ist hart, verfärbt sich schwarz und macht im schlimmsten Fall eine Amputation erforderlich. 

Nicht umsonst empfiehlt sich bei Blasenbildung die Konsultation eines Arztes. „In der Initialphase einer Erfrierung ist die Beurteilung des Tiefengrades sehr schwierig", weiß Schreiber und betont, dass das Ausmaß einer Erfrierung oft erst Tage bis Wochen nach dem Auftauen erkennbar ist. 

Schutz vor Kälte lohnt sich also. Mit entsprechender Kleidung nach dem Zwiebelschalenprinzip und einer fetthaltigen Creme, die die Haut im Gesicht „dicker" und damit widerstandsfähiger macht, ist der Körper für kommende Eventualitäten gerüstet. (derStandard.at, 29.12.2011)

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