Freuds verschwundene Nachbarn

5. Juni 2003, 20:05
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Ilse Aichinger geht zum 76. Mal auf eine unglaubwürdige Reise

Mit Nachbarn, Hausfrauen, Hausparteien begannen schon früh - an der Hand des schizophrenen "Fräuleins" auf dem täglichen Spaziergang zum Linzer Donauufer oder zur Landesirrenanstalt, aus der sie, vorzeitig entlassen, direkt zu mir und meiner Schwester geraten war - die Versuche, Fragen als Fragen autark zu lassen, unabhängig von den Antworten, die man ohnehin nicht bekam. Was sind Hausparteien? Früh schon wandelten viele davon sich in Vertreibungsparteien.

Die Linzer Luft war zuerst scheinbar noch offen, die netten Irren und die hellen Wiesen auf dem Weg zur Anstaltsmauer, die Herz-Jesu-Kirche und die Bürgerschule. Was ein Bürgerschullehrer war, mussten wir nicht fragen, das war, ehe er die Beiträge für die Schulausflüge in den Kauf der dritten oder vierten Ausgabe von Ibsen, Stelzhamer oder Stifter eintauschte, sehr kurzfristig unser Vater. Der Pfennigberg, der Freinberg und der Pöstlingberg waren die vorläufigen Ziele. Unser Vater ermüdete, blieb auf einer Bank oder ließ sich ins Café Draxl-mayr bringen, und wir blieben unter der Obhut von Emma Schrack, dem "Fräulein", der ersten unbegreiflichen Wächterin.

Was sie mit Sigmund Freuds verschwundenen Nachbarn - jetzt in einer Ausstellung in der Berggasse 19 - gemein hatte, das war schon damals unsere Vorstellung, sie und alle anderen könnten verschwinden. Aber sie blieb eine Weile. Nachbarn gab es nicht, aber viele Gäste, zu lange und zu beschwingte Abende, die noch kein Verschwinden ankündigen wollten und denen wir nicht trauten.

Später wurde unser Vater vorsichtshalber, wegen seiner Bücherschulden, in die Nervenklinik gebracht. Dort halfen ihm damals freundliche Nachbarn, irre Patienten. Und ehe auch sie verschwanden, verschwanden wir aus Linz. Statt der Herz-Jesu-Kirche gab es endlich die Sacré-Coeur-Kirche und die Anstaltskirche der "Töchter der göttlichen Liebe" - neue, erwünschte Nachbarn. Aber wir waren nicht erwünscht, man ging zu "Judenkindern" auf Distanz. Bis man sie und ihre Eltern schließlich aus den Wohnungen vertrieb, zuerst in Massenquartiere wie die Berggasse 19, dann in die Vernichtungslager.

Im Katalog Freuds verschwundene Nachbarn wird der Kontrast zwischen den Erfahrungen, die der Besucher bei seinem Rundgang durch die kahlen Räume heute macht, und den in diese Räume Zusammengepferchten betont. Aus einer Verlautbarung des Leiters der Hauptabteilung Wohnungs- und Siedlungswesen im Frühjahr 1939: "Da der herrschende Mangel an Wohnungen in der Stadt Wien sehr groß ist, wird von der im Gesetz gegebenen Möglichkeit der Unterbringung mehrerer jüdischer Familien in einer größeren Wohnung weitgehendst Gebrauch gemacht werden müssen." - "Werden müssen": scheinheiliges Bedauern von Mördern.

Der nächste Absatz: "Die jüdischen Mieter werden aufgefordert, diese Umsiedlung freiwillig und zwar in kürzester Zeit vorzunehmen, da sonst zur zwangsweisen Umsiedlung geschritten werden müsse." Zuerst innerhalb der Bezirke Wiens, und in welche Existenzweisen dann?

Ob es möglich ist, die ausgelieferten Schwestern Freuds, die aus der Berggasse deportiert wurden, zu Hilfe zu holen? Eine von ihnen, Rosa Graf, sieht man auf einer Fotografie von 1927: Ihre fast majestätische Skepsis kühlt den heutigen Abend entscheidend ab und gibt dem Betrachter eine Hoffnung, die ähnlich unglaubwürdig bleibt wie die der verschwundenen Nachbarn Freuds: Ausreise, Flucht, Leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6. 2003)

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