Auch keine Deppen

18. August 2003, 11:50
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Michael Moosbrugger vom Weingut Schloss Gobelsburg im Kamptal macht einen Grünen Veltliner nach Art der Vorfahren - fast ohne Technik, aber dafür mit viel Gefühl, Geduld und Geschmack

Extremisten gab es diesbezüglich immer schon. Nicolas Joly aus Savennières an der Loire zum Beispiel, der nicht einmal den Traktor akzeptiert und die Weingärten seines legendären Chenin blanc "Coulée de Serrant" mit dem Pferd pflügt. Oder Josko Gravner, Qualitätspionier und ehemaliger High- tech-Winzer im friulanischen Gorizia, der sich seit geraumer Zeit nicht nur wieder autochtonen Sorten widmet, sondern diese auch ganz archaisch in Ton-Amphoren ausbaut. Abkehr von önologischer Hochtechnologie ist durchaus ein Thema,und auch Michael Moosbrugger vom Weingut Schloss Gobelsburg machte sich da nicht nur so seine Gedanken, sondern auch einen Grünen Veltliner, der diesem Anforderungsprofil entspricht und demgemäß "Tradition" heißt.

DER STANDARD: Wie kommt man in Zeiten präziser Hochtechnologie im Weinbau auf die Idee, sich wieder der Technik der Vorväter zu bedienen?
Michael Moosbrugger: Die Idee hatte ich nicht plötzlich, ich habe schon vor drei Jahren zu forschen begonnen, als bei einer Vertikal-Verkostung die Frage laut wurde, ob die lange Lebensdauer dieser Weine nicht zuletzt mit der anderen Ausbautechnik zusammenhänge. Das hat mich dann nicht mehr ausgelassen, ich hab' Wirtschafts-Aufzeichnungen des Klosters zurück bis 1743 gefunden und darin geforscht, begann Fassverzeichnisse und Inventuren der Vergangenheit zu studieren. Und dann wollte ich einfach einmal probieren, wie das wird.

Was unterscheidet diesen Wein von einem vergleichbaren Veltliner?

Beim heutigen Weißwein bevorzugt man ja den "reduktiven" Ausbau, das Erhalten der Primärfrucht. Damals war das ein bisschen anders, da hat man Weißwein noch ein bisschen wie Rotwein gemacht. Der Wein wurde also so oft umgezogen und belüftet, bis er klar war. Der "Tradition" ist im Vergleich mit dem klassisch ausgebauten Veltliner irgendwie hefiger, hat eine andere Struktur, ganz andere Gerbstoffe.

Und auf welche modernen, technischen Hilfsmittel wurde letztendlich verzichtet?

Auf Temperaturkontrolle, auf Reinzuchthefen, auf Entschleimen, auf Stahltanks, auf Schwefelgaben - geschwefelt wurde nur das Fass - und auf schnelles Abfüllen.

Ist das nicht ein bisschen wie Autofahren ohne Airbag und Servobremse, riskant?

Wein wurde über Jahrhunderte hinweg so gemacht, da hatte ich eigentlich gar keine Sorgen. Ich meine, mit den Top-Weinen "Grub" und "Lamm" hätt' ich mich das nicht getraut, aber mit einem eigens dafür vorgesehenen Wein konnte man das Experiment schon machen.

Der 2001er "Tradition" kam jetzt auf den Markt, ein Jahr später als gewohnt. War das auch als Provokation gedacht?

Ja sicher, das ist es schon auch. Derzeit ist es so, dass wir ab Weihnachten Probleme haben, den alten Jahrgang zu verkaufen, nicht zuletzt auch durch die Jungwein-Kampagnen rückt der Zeitpunkt der Abfüllung immer weiter nach vorne. Und wenn man da nicht mitmacht, kann man seinen Wein nicht mehr verkaufen.

Und wie hat die Provokation bisher funktioniert? Werden Sie weiter auf "Tradition" setzen?

Ich werde auf jeden Fall weitermachen, ich möchte auch probieren, Teil-Chargen von anderen Weinen später zu füllen. Ich meine, die damals waren auch keine Deppen, die haben schon gewusst, was sie machen und warum. Vieles ist dann halt wieder in Vergessenheit geraten und wird jetzt dann heute wieder als große, neue Erkenntnis gefeiert. (DerStandard/rondo/Florian Holzer/06/06/03)
Schloss Gobelsburg Grüner Veltliner "Tradition" 2001
Schlossstr. 16
3550 Gobelsburg

Tel.: 02734/2422
und bei Wein & Co
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