Sprechende Panzer

1. August 2003, 00:23
posten

Sie ist eine der unkonventionellsten Stimmen der Mode. Die deutsche Literaturwissenschafterin Barbara Vinken sprach mit Stephan Hilpold über den Reiz von Fetischen, Mode als Theater und die zunehmende Kommerzialisierung der Szene

Mit dem vor nunmehr zehn Jahren erschienenen Band Die Mode nach der Mode hat Barbara Vinken eine der anregendsten Theorien der Mode des ausgehenden Jahrhunderts vorgelegt. In Graz traf DER STANDARD die Hamburger Wissenschafterin am Rande des großen Symposiums über Leopold von Sacher-Masoch und die Welt des Masochismus für ein Gespräch über Mode und ihre aktuellen Tendenzen.
Frau Vinken, die Mode der vergangenen Jahre ist geprägt von Versatzstücken aus der Welt des Fetischs. Womit hat das allgemeine Interesse für SM zu tun?

Barbara Vinken: Praktiken des Sadomasochismus sind schlichtweg Mainstream geworden - deswegen sind SM-Versatzstücke auch für die Mode von besonderem Interesse. Im Bereich der Mode gibt es vor allem einen ausschlaggebenden technischen Aspekt: Stoffe wurden entwickelt, die den Aspekt der zweiten Haut, der im Fetischbereich ja äußerst wichtig ist, auf eine wunderbare Art und Weise imitieren. Zum Beispiel jene Stoffe von Dolce & Gabbana von vor drei Jahren, eine Mischung aus Seide und Latex, die geradezu aussieht wie eine zweite Haut. Dazu kommt ein Aspekt, der mit der Mode als Spektakulum zu tun hat. Modeschauen gleichen immer mehr inszenierten Theatervorstellungen. Der theatrale Aspekt, den der Sadomasochismus hat, trifft sich hier mit der Mode.

Geschichtlich hatte Mode lange die Funktion, den Menschen zu verschönern, ihn zu veredeln. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Fetischmode scheint daran wenig Interesse zu haben.

Der Aspekt der idealen Verschönerung durch die Mode hat tatsächlich abgenommen. Man könnte sogar sagen, dass es gerade diese Idealisierung durch die Mode ist, die heute Modemacher in ihrer Arbeit ausstellen und somit natürlich auch durchkreuzen wollen. Fetische sind Anti-Ideale, denen es weniger um Sublimierung und Erhabenheit geht. Wobei gerade bei Modemachern, die besonders stark mit Fetischen arbeiten, etwa Gaultier, eine sehr starke ironische Distanz zu den Inhalten selbst zu spüren ist. Wenn Mode gut ist, ist Mode nicht einfach Fetischmode, sondern sie schafft einen Raum des Appeals, der Ironie, des Spiels.

Bei diesem Thema ist ein gewisses Spiel mit dem Skandal, mit Tabus zu beobachten.

Ja, eine lustvolle Dramatisierung des weiblichen Körpers. Das Gegenteil von Freiheit, Sport und Natürlichkeit wird ausgestellt. Es war klar, dass es irgendwann zu diesem Gegenschlag kommen musste. Die Korsagen von Gaultier zum Beispiel sind eine surreale Verfremdung der Busen-Shaper der USA, wie es sie zwischen den Fünfziger und Siebzigern gab. Damit kommentiert er einen volkstümlichen Umgang mit Sexappeal.

Mode nimmt sehr schnell Strömungen auf, die auf der Straße da sind.

Es gibt eine ganz bestimmte Verbreiterung bestimmter Vorlieben. Das hat mit den schnelleren Kommunikationswegen zu tun, auch mit einer viel stärkeren Durchkommerzialisierung der Modeszene. Dadurch rücken auch abseitige Praktiken immer weiter in den Mittelpunkt. Es wäre aber falsch zu denken, dass Mode Strömungen nur aufnimmt. Sie nimmt sie auf und tut dann etwas damit.

Was macht sie?

Sie nimmt Reize auf und stellt die Reize in ihrer Reizfähigkeit anders aus, als dies ursprüngliche Verwendungsweisen machen. Zum Beispiel, wenn Helmut Lang auf ein Latexkleid eine Spitze appliziert, dann werden zwei Momente vermischt, die Dissonanzen hervorrufen, die es normalerweise in der Fetischmode eben nicht gibt. Sie haben also auf der einen Seite das Boudoirmodell des 18. Jahrhunderts, die filigrane, zarte Weiblichkeit, und auf der anderen Seite die harte Domina, eine Haut, die etwas von einem Panzer hat, da sie eben nicht durchlässig ist. Das schafft einen Reiz auch auf einer geistigen Ebene. Dass es trotzdem noch gut aussieht, ist wiederum etwas anderes. Gerade hier zeigt sich, wie Mode unsere Assoziationen deutlicher macht.

Sie haben vor mittlerweile zehn Jahren eine Entwicklung konstatiert, die sie mit "Mode nach der Mode" beschrieben haben. Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Würden Sie bei Ihrer Einschätzung auch heute noch bleiben?

Ich bin in dieser Hinsicht einen Hauch desillusioniert. Ich glaube, dass die Neunziger eine Zeit waren, in denen es eine unglaubliche Kreativität gerade auch im Modesektor gab. In den letzten Jahren kam es zu einer großen Konzentration, die Geldgeber haben sich zusammengeballt. Manche Designer konnten sich dem widersetzen, viele sind dieser Kommerzialisierung allerdings zum Opfer gefallen. Vor allem der Esprit ist weg. Die Zeit der großen Experimente ist leider schon wieder vorbei.

Wohin geht der Weg?

Eine Rückkehr zu dem, was vorher war, ist nicht möglich. Die großen Tendenzen bleiben. Aber es wird schwierig sein, das am Leben zu halten. Insofern war dieser Aufbruch in den Neunzigern ein sehr glücklicher Moment.

Das war auch eine Zeit, in der ein gewisser Überbau plötzlich wichtig wurde.

Ja, die Modetheorie entstand damals plötzlich neu. Gerade im Gender-Bereich gab es damals viele Impulse. Es gab einen sehr spannenden Austausch zwischen der Theorie und den Modemachern. Es ist sicher sehr schwer für die, die schneidern können, ihre Arbeiten übersetzbar zu machen, aber einige Leute, die dafür sehr hellhörig waren, haben es geschafft. (DER STANDARD/rondo/06/06/03)
  • Artikelbild
    foto: aus "two much"
Share if you care.