Italien: Ewige rechte Hochburg vor dem Fall

5. Juni 2003, 19:49
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Regionalwahlen in Friaul und Aosta - Stichwahlen in mehreren Großstädten

Pfingsten ist in Italien Wahlwochenende: Am politisch bedeutendsten ist die Wahl des neuen Landeshauptmanns der Grenzregion Friaul. Der Kandidat des Mitte-links-Bündnisses, der Kaffee-Industrielle Riccardo Illy, fordert an diesem Wochenende die Vertreterin der Lega Nord, Alessandra Guerra, heraus. Guerra hatte sich erst nach einer Zerreißprobe in der Mitte-rechts-Koalition durchgesetzt, nachdem das Berlusconi-Bündnis auf römischer Ebene beschlossen hatte, Friaul der Lega Nord zu überlassen. Der bisherige Forza-Italia-Landeshauptmann Renzo Tondo wurde kurzerhand entlassen.

Parteiaustritte und Rücktritte waren die Folge, Forza Italia verlor die gesamte regionale Führungsgruppe, ein abtrünniger Forza-Italia-Landesrat kandidiert am Wochenende sogar gegen die offizielle Kandidatin der Rechten. Selbst die massiven Wahlkampfauftritte aller römischen Spitzenpolitiker unter Führung von Premier Silvio Berlusconi und Vizepremier Gianfranco Fini konnten die Gräben in der Rechten nicht kitten.

Riccardo Illy, der frühere Triestiner Bürgermeister und derzeitige EU-Parlamentarier, hat also gute Chancen, in der "ewigen" konservativen Hochburg den Regierungswechsel hin zu Mitte-links zu schaffen.

Die Region Aosta hat sich - gemäß dem Autonomiestatut - ein eigenes Wahlrecht gegeben, es gibt keine direkte Personen-, sondern eine Listenwahl, der Landeshauptmann wird dann vom Landtag gewählt. Ein Wahlsieg der Autonomistenpartei "Union Valdotaine" gilt als sicher.

Keinesfalls sicher scheint der Wahlausgang in einigen größeren Kommunen zu sein, in denen vor 14 Tagen kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichte. In Brescia etwa könnte der Mitte-links-Kandidat den Sprung auf den Bürgermeistersessel schaffen, in Treviso dürfte die Lega Nord, die im ersten Wahlgang gegen ihre Bündnispartner Forza Italia und Alleanza Nazionale angetreten war, klare Vorteile haben. In Vicenza wieder weigert sich die Lega, im zweiten Wahlgang den Forza-Italia-Kandidaten zu unterstützen.

Für nächste Woche musste Premier Berlusconi eine Krisensitzung seiner Koalition einberufen. Alleanza Nazionale fordert ein Köpferollen und die Zurückdrängung des Einflusses der Lega Nord. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)

Andreas Feichter aus Rom
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