"28 Days Later": Rückkehr der lebenden Toten

23. Juli 2004, 10:39
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"28 Days Later" – ein apokalyptischer Horrorfilm des Briten Danny Boyle

Wien – Die Straßen von London sind menschenleer, nur verstreuter Müll zeugt davon, dass hier noch vor kurzem Leben war. Oder auch eine Tafel am Piccadilly Circus, an der, ähnlich wie im Umkreis des New Yorker Ground Zero, eine Vielzahl von Vermisstenanzeigen angebracht ist.

Die Apokalypse war schon. Der Fahrradkurier Jim (Cillian Murphy) hat sie jedoch im Koma liegend verpasst. 28 Days Later, inszeniert von Danny Boyle (Trainspotting), hält gleich zu Beginn, in einer ernüchternd langen Sequenz, dessen Begegnung mit einer Welt fest, die umso einsamer wirkt, als in ihr alles außer den Menschen unversehrt ist.

Nicht nur mit diesem düster dystopischen Beginn, bei dem die auf Video gedrehten Bilder in diffuse Grautöne zerfallen, schließt Boyle überraschend an ein Horrorkino der späten 70er-Jahre an, das scheinbar längst von dümmlich selbstbezüglichen Teenie-Slasher-Klamotten verdrängt wurde. Auch die Monster – durch einen Virus namens "Rage" mutierte Menschen – gleichen Zombies, jener Spezies, mit der George A. Romero die Moderne dieses Genres einleitete.

Allerdings torkeln die Untoten nicht träge dahin, sondern rasen Blut speiend auf ihre Opfer zu. In solchen Situationen rotten sich die Überlebenden zusammen: Jim bildet mit der Schwarzen Selina (Naomie Harris) eine funktionale Einheit, aus der später noch eine familiärere Truppe wird.

28 Days Later, zu dem Alex Garland (The Beach) das Drehbuch schrieb, kombiniert sehr geschickt unterschiedliche Referenzen. Die Realisierung eines unironischen Horrorfilms mag einerseits der Erfolg von Blair Witch Project motiviert haben, an dessen Videoästhetik der gleichwohl weit teurere Film anschließt.

Die erzählerischen Bezüge zu Romeros Zombie-Trilogie – von der Gruppenzusammensetzung, ihrem Einfall in einen Supermarkt bis zum Finale im Militärcamp – werden wiederum durch Bilder gegenwärtiger Katastrophenszenarien ergänzt: etwa der Erinnerungskultur, die auf 9/11, das kollektive Trauma der eigenen Verwundbarkeit, folgte.

Wohl dosierter Schock

Seine wirksamen Schockmomente setzt 28 Days Later sparsam ein, und Doyles Neigung zu inszenatorischen Mätzchen kommt angenehm selten zum Zug. Als die Überlebenden London verlassen, wird der Film gar zum entspannten Roadmovie durch englische Landschaft, wo beim Anblick frei galoppierender Pferde allmählich auch die Moral wieder steigt.

Diese ist auch dringend nötig für die letzte Station, das Militärlager, in dem Soldaten einen faschistoiden Plan für die Zukunft gefasst haben, der für die Frauen vorsieht, für den Nachwuchs der Menschheit zu sorgen. Die Delegation des Terrors von den Zombies zum Militär, dem pathologischen Rudiment der alten Welt, gelingt jedoch weniger.

Die Figuren geraten zu schematisch, um bedrohlich zu sein, und die Antwort auf ihr Konzept ist kaum weniger konservativ: Denn nur in manischer Rambo-Manier vermag Jim zum Retter zu werden. 28 Days Later und ein paar Tage mehr: Da sind wir entweder alle Zombies, oder wir haben gelernt, anders zu töten. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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28dayslater.de

28dayslater themovie.co.uk

  • Artikelbild
    foto: centfox
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