Vor dem Showdown in Monrovia

6. Juni 2003, 17:21
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Haftbefehl gegen Präsident Charles Taylor - Rebellen marschieren auf Monrovia

Die Republik Liberia ist das Epizentrum des krisengeschüttelten Westafrika. Nach dem Haftbefehl gegen Präsident Charles Taylor und einer geplatzten Friedenskonferenz in Ghana marschieren nun Rebellen auf Monrovia. Ein Blutbad ungeahnten Ausmaßes droht.

Monrovia/Wien - In strömendem Regen fliehen tausende verschüchterter Menschen mit ihren wenigen Habseligkeiten nach Monrovia. Immer wieder ist Gefechtslärm aus den Vorstädten der liberianischen Hauptstadt zu hören. Schwer bewaffnete Regierungssoldaten errichten Barrikaden. Die Rebellen, heißt es, seien nur noch 14 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. - Am Freitag bewegte sich in Liberia, dem berüchtigsten Staat in Afrikas wildem Westen, alles auf einen Showdown zu.

Auslöser für die Eskalation war ein Haftbefehl des UN- Kriegsverbrechertribunals für Sierra Leone gegen den liberianischen Präsidenten Charles Taylor. Der wurde Mitte der Woche ausgestellt und platze ausgerechnet in einen Friedensgipfel, zu dem Taylor und 1000 Liberianer im ghanesischen Accra weilten. Ghanas Regierung, die den Ausgeschriebenen eigentlich festnehmen sollte, setzte ihn in ein Flugzeug Richtung Monrovia. Dort ließ Taylor seinen Vizepräsidenten wegen Putschversuches verhaften und rüstet nun zur Verteidigung gegen die angreifenden Rebellen der "Vereinigten Liberianer für Versöhnung und Demokratie" (Lurd).

Ob der Haftbefehl gegen Taylor ausgerechnet jetzt hatte kommen müssen, bezweifeln viele. Andererseits: Die UNO will nun offenbar Ernst machen und das Epizentrum des Krisenherdes in Westafrika angehen. Waffensanktionen und ein Blutdiamantenembargo gegen das Land bestehen bereits, aller Wahrscheinlichkeit nach wir am 7. Juli auch ein Ausfuhrverbot für Edelhölzer (das wichtigste Exportgut Liberias) folgen. Und soll die Region tatsächlich dauerhaft befriedet werden, muss auch Taylor weg.

Blutdiamanten

Der ehemalige Wirtschaftsstudent in Boston und in den USA flüchtige Gefängnisausbrecher ist nicht nur für 14 Jahre Bürgerkrieg in seinem eigenen Land verantwortlich. Er hatte seine Hände auch im Bürgerkrieg von Sierra Leone, über seine Kontakte zu den Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) war er in den einträglichen Handel mit Blutdiamanten verwickelt.

Auch im Konflikt im wohlhabenden Côte d'Ivoire gehört er allem Anschein nach zu den Drahtziehern. Das Vermögen Taylors wird auf drei Milliarden US-Dollar geschätzt.

So berüchtigt der Präsident ist, so wenig weiß man indes von seinen Kontrahenten. Die Lurd soll von Guinea unterstützt werden, eine ihrer Führer soll der Sekou Conneh sein, der mit einer wichtigen Beraterin des guineischen Herrschers Lansana Conte verheiratet ist. Außerdem hat die Bewegung Beziehungen zur Familie des 1990 gestürzten liberianischen Präsidenten Samuel Doe. Taylors Soldateska schnitt ihm damals die Ohren ab, kastrierte ihn und filmte seinen Todeskampf - das Video wird noch heute in den Straßen von Monrovia feilgeboten.

Allein in den Jahren zwischen 1990 und 1997 sind in Liberia, das 1842 von Sklaven als erste unabhängige Republik Afrikas ausgerufen wurde, 200.000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen. Seither hat sich das bürgerkriegsversehrte Land nicht mehr erholt. Charles Taylor hat inzwischen seinen Rücktritt angeboten, falls "dies meinem Land nützt". Dass er dies tatsächlich tut, glaubt ihm niemand. Ein Blutbad in der gesamten Region droht, warnen Experten. Die UNO wird, meint sie es wirklich ernst, diesmal Soldaten auch nach Liberia und nicht nur in den Kongo schicken müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2003)

Von Christoph Prantner
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    Liberias Staatschef Charles Taylor

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