"Haider hat in der FPÖ keine Mehrheit"

5. Juni 2003, 21:53
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Nicht einmal mehr für eine "kleine Rebellion" hätte er genügend Rückhalt, meint der FP-Historiker Höbelt im STANDARD-Interview

Standard: Das Getöse Jörg Haiders rund um die Pensionsreform könnte ihm genutzt haben. Ist die FPÖ im Aufwind?
Höbelt: Ich bezweifle das. Möglich ist, dass Haider in Kärnten - wo es populär ist, den Wienern die lange Nase zu zeigen - bei seinen persönlichen Werten als Landeshauptmann zulegt. Zumindest, solange seine Gegner Ambrozy und Wurmitzer heißen.

Standard: Steht die Partei noch hinter Haider?
Höbelt: Er hat in der FPÖ keine Mehrheit, die wirklich tut, was er will. Es gibt jedoch eine Reihe von Leuten, die - um es charmant auszudrücken - sehr furchtsam sind.

Standard: Wird Haider nicht ohnehin den Nimbus des Unverletzlichen verlieren, wenn er 2004 bei der Kärntner Landtagswahl eine Schlappe erleidet? Wird er überhaupt antreten?
Höbelt: Na ja, deshalb macht er ja unter anderem die ganzen Geschichten. Die Rückkehr in eine Bundesposition wäre eine Ausrede, nicht antreten zu müssen. Meine Hypothese ist: Er möchte von der Partei den Beschluss, eine Spitzenposition in der Regierung zu bekommen. Das akzeptiert Schüssel nicht und bricht die Koalition. Formal wäre somit Schüssel schuld. Dann hätte Haider wieder ein deutliches Feindbild. Vorsichtig optimistisch meine ich aber, dass die FPÖ da nicht mitgeht. Haider hat nicht einmal die erforderlichen sechs Abgeordneten für eine kleine Rebellion.

Standard: Wäre die Haider-Ära mit einer Kärnten-Schlappe beendet?
Höbelt: Das war von Anfang an die optimistische Lesart der Strategie von Herbert Haupt. Wenn Haider in Kärnten verliert, dann ist die Gefahr, dass er etwas auf die Beine stellt, sehr viel geringer. Bis dahin muss man ihn "umarmen", indem man so tut, als wäre seine Rückkehr in die Bundespartei willkommen.

Standard: Gibt’s überhaupt noch ein ideologisches Fundament der FPÖ?
Höbelt: Ideologisch gibt’s gar nichts. Die Trademark mit der sozialen Masche hat jedenfalls nicht funktioniert. Da mache ich nur der SPÖ eine Rutsche. Das wird man auch bei der Pensionsdebatte sehen - auch das wird wohl kaum der FPÖ zugute gehalten werden.

Standard: In der Nach-Haider-Ära müsste es folglich eine Neuorientierung der FPÖ geben?
Höbelt: Ein Relaunch wird schwer. Momentan gibt’s keine Lücke am Markt. Weil Schüssel nahezu die CSU-Strategie hat: Rechts von uns gibt’s nix mehr. Und Mittelparteien - das hat Heide Schmidt gezeigt - haben keinen dauerhaften Wählerrückhalt. Geht die FPÖ aus der Regierung, dann könnte sie in der Versenkung verschwinden und irgendwann einmal nur mehr als Kärntner Besonderheit vegetieren.(DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)

Das Gespräch führte Martina Salomon.

Zur Person

"Herr Rat, mein Mandant verblödet mir unter den Händen", schrieb Lothar Höbelt vor einem halben Jahr in einem Kommentar im rechten Wochenmagazin Zur Zeit. Gemünzt war das Zitat aus der "Tante Jolesch" auf Jörg Haider. Höbelt, seines Zeichens Professor für neuere Geschichte an der Uni Wien, war Mitautor des freiheitlichen Parteiprogramms und hat sich auch wissenschaftlich mit der FPÖ beschäftigt. Er ist nicht Parteimitglied, betrachtet die blaue Entwicklung aber seit Jahren mit Sorge

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"Höbelt" eingeben und staunen

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