"Keine Deflationsgefahr im Euroraum" - Wim Duisenberg im Wortlaut

5. Juni 2003, 18:17
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Leitzinssenkung als Reaktion auf schwache Konjunktur in der Euro-Zone, gesunkene Inflationsgefahren und Konjunkturriskiken

Frankfurt - EZB-Präsident Wim Duisenberg hat die deutliche Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank mit gesunkenen Inflationsgefahren und der schwachen Konjunktur in der Euro-Zone begründet. Die Erwartungen für die Preisstabilität hätten sich deutlich verbessert, sagte Duisenberg am Donnerstag nach der EZB-Ratssitzung in Frankfurt.

Die Zinssenkung berücksichtige zudem die Abwärtsrisiken für die Konjunktur in der Euro-Zone. Die Wirtschaftsaktivität sei im ersten Quartal gedämpft geblieben. Dies spiegle den negativen Einfluss der Irak-Krise auf die Wirtschaft des Währungsraums und der Welt wider. "Das Wachstum im ersten Halbjahr 2003 wird wahrscheinlich sehr schwach bleiben", sagte Duisenberg weiter. Der private Konsum dürfte sich dann ab dem zweiten Halbjahr erholen.

Keine Deflationsgefahr im Euroraum

Die EZB sehe keine Deflationsgefahr in Euroland. "Es gibt keine Prognose, die das Risiko einer Deflation im Euroraum sieht", sagte Duisenberg. Im gemeinsamen Währungsgebiet werde sich die Inflationsrate mittelfristig auf knapp unter 2 Prozent einpendeln.

Die EZB hatte zuvor den Leitzins für die Euro-Zone um 50 Basispunkte auf ein historisches Tief von 2,00 Prozent gesenkt. Der Schritt war an den Finanzmärkten nach vorherigen Aussagen von EZB-Vertretern über die schwache Konjunktur und den sinkenden Inflationsdruck erwartet worden.

Duisenberg-Zitat zur Zinsentscheidung

"Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass sich der mittelfristige Ausblick für die Preisstabilität seit unserer letzten Enttscheidung, die Zinsen zu senken, beträchtlich verbessert hat. Als Ergebnis haben wir beschlossen, unsere Zinsen um 50 Basispunkte zu senken. Die Entscheidung liegt auf einer Linie mit unserer geldpolitischen Strategie, darunter die Absicht, die Inflationsrate mittelfristig unter, aber nahe bei zwei Prozent zu halten. Gleichzeitig zieht unsere Zinssenkung die Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum in Betracht.

Im Kontext unserer wirtschaftlichen Analyse haben die jüngsten Daten zum realen BIP bestätigt, dass die wirtschaftliche Aktiviät in der Euro-Zone im ersten Quartal verhalten geblieben ist. Dies spiegelt auch den negativen Einfluss des Irak-Kriegs auf die Konjunktur der Euro-Zone und die Weltwirtschaft wider. Jüngste Stimmungsindikatoren für April und Mai zeigen, dass sich auch mit dem Ende des Irak-Konflikts die konjunkturelle Lage nicht sofort verbessert. Die Daten waren bestenfalls gemischt." ... zur Inflationsaussichten

"Unsere wirtschaftliche Analyse (...) deutet derzeit darauf hin, dass die Inflationsraten nach den jüngsten Veränderungen der Wechselkurse und angesichts des schleppenden Wachstums in der Euro-Zone mittelfristig unter zwei Prozent sinken sollten. Unsere monetäre Analyse deutet darauf hin, dass das starke Wachstum der Geldmenge M3 bis auf Weiteres dieser Erwartung nicht entgegen stehen sollte. Beurteilt man die Informationen unserer beiden Säulen, kommen wir zu dem Schluss, dass der mittelfristige Ausblick für Preisstabilität mittelfristig tatsächlich besser geworden ist." ... zu Wachstumsrisiken

"Der EZB-Rat ist sich der anhaltenden Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum bewusst, besonders (...) die rasche Anhäufung makroökonomischer Ungleichgewichte außerhalb der Euro-Zone und die anhaltenden Sorgen hinsichtlich des Sars-Virus. Ferner bleibt eine gewisse Unsicherheit darüber, inwieweit die Unternehmen der Euro-Zone noch Anpassungen vornehmen müssen, um die Produktivität zu erhöhen. Dies hätte auch Folgen für das Stellenwachstum und damit den privaten Konsum." ... zu Deflation

"Es gibt gegenwärtig keine Prognosen, die auf Deflationsrisiken hindeuten. Die Geldpolitik der EZB hat mittelfristig eine Inflation von unter oder nahe zwei Prozent zum Ziel. Die Inflationserwartungen sollten daher bei diesem Niveau verankert bleiben, ungeachtet der kurzfistigen Entwicklung der Preise.

Auf regionalem Niveau, wird die Wettbewerbsfähigkeit einer Region in einer Periode relativ geringer Preissteigerungen oder sogar Preisrückgängen innerhalb des Währungsgebiets verbessert. Doch in einer Währungsunion kann Deflation als Konzept nicht sinnvoll auf einzelne Regionen angewandt werden." ... zum Eurokursanstieg

"Die deutliche und rasche Euro-Aufwertung in den vergangenen Monaten hat die externe Wettbewerbsfähigkeit bei den Preisen gedämpft. Gleichwohl ist das aktuelle Niveau des realen, effektiven Wechselkurses des Euro und damit die Wettbewerbsposition der Exporteure der Euro-Zone sehr nahe an den langfristigen Durchschnittswerten.

Relativ betracht sind die aktuellen Wechselkurse des Euro stimmig mit den ökonomischen Fundamentaldaten und mit unserem Interesse an einer starken und stabilen Währung." ... zu Wachstum

"... Das Wachstum in der ersten Hälfte des dritten Quartals wird wahrscheinlich schwach sein, und die Erwartungen für das Wachstum im Jahresdurchschnitt in diesem Jahr und 2004 müssen nach unten revidiert werden. Gleichwohl erwarten wir weiterhin eine allmähliche Beschleunigung des Wachstums des realen BIP im Laufe dieses Jahres, und diese wird sich im kommenden Jahr mit höherem Tempo fortsetzen. Alle Prognosen spiegeln ebenso wie die jüngsten Reaktionen der Finanzmärkte offensichtlich eine ähnliche Einschätzung wider. (APA/Reuters/dpa)

  • Ein Blick auf das Hauptquartier der Europäischen Zentralbank in Hamburg, wo Donnerstag die erwartete Leitzinssenkung bekannt gegeben wurde

    Ein Blick auf das Hauptquartier der Europäischen Zentralbank in Hamburg, wo Donnerstag die erwartete Leitzinssenkung bekannt gegeben wurde

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    EZB-Präsident Wim Duisenberg bei der Pressekonferenz nach der historischen Leitzinssenkung

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