Ankunftsstädte, ob Ghetto oder Slum, sind dann erfolgreich, wenn sie ihren Bewohnern als Vorzimmer und Sprungbrett für Aufstieg und Integration dienen
Was ist eine Ankunftsstadt? Sie ist der Ort, in dem die Millionen von Migranten, die aus den Dörfern flüchten, ankommen und zu Städtern werden. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist derzeit von dieser Völkerwanderung betroffen. Bis zum Jahr 2050 werden weitere drei Milliarden Menschen vom Dorf in die Stadt ziehen. Die Ankunftsstadt ist somit der wichtigste Ort der Welt. Ob sie funktioniert oder nicht, meint der kanadische Autor Doug Saunders, wird unsere Zukunft bestimmen.
Für sein Buch Arrival City hat er weltweit Ankunftsstädte untersucht, von Mumbai bis Toronto, von Berlin bis Nairobi. Sein Resümee: Ankunftsstädte, ob Ghetto oder Slum, sind dann erfolgreich, wenn sie ihren Bewohnern als Vorzimmer und Sprungbrett für Aufstieg und Integration dienen. Sie sind dann gescheitert, wenn sie zur "Armutsfalle" werden und die Zugewanderten im Zustand der Mittellosigkeit und Abhängigkeit festhalten.
Dabei soll man sich vom äußeren Anschein nicht täuschen lassen. Viele armselige Zuwandererviertel sind trotzdem Erfolgsmodelle, weil ihre Population in steter Bewegung ist. Die, die es geschafft haben, ziehen weiter und machen Platz für Neuankömmlinge.
Autor Saunders und viele Experten haben Kriterien für den Erfolg von Ankunftsstädten herausgearbeitet. Nicht allzu große Häuser mit Zugang zur Straße, die die Möglichkeit für kleine Ladengeschäfte bieten. Ein eigenes Unternehmen ist für viele Zuwanderer der erste Schritt zum Erfolg: ein Geschäft, ein Restaurant, ein Reparaturdienst, ein Internetcafé, ein Reisebüro. Gute Verkehrsverbindungen zur Innenstadt. Wenig Bürokratie. Förderung von Initiativen zur Selbstverwaltung. Im Idealfall entsteht ein Viertel, das eben wegen seiner Buntheit für junge einheimische Familien attraktiv wird und soziale Mischung ermöglicht. Schlecht sind abgelegene Hochhaussiedlungen ohne die Möglichkeit, ein "Dorf in der Stadt" zu bilden.
Die vielgeschmähten "Parallelgesellschaften" müssen dagegen durchaus nicht per se integrationsfeindlich sein. Landsleute bilden Netzwerke, helfen einander, schaffen zivilgesellschaftliche Treffpunkte. Die eine Welle von Zuwanderern bereitet die nächste Welle auf das neue Leben in der Ankunftsstadt vor. Fundamentalisten und Terroristen, das zeigen Studien, kommen fast nie aus eng verwobenen Nachbarschaften, sondern viel eher aus isolierten Milieus. Ein durchgehendes Prinzip: Regierungen sollten mehr auf die Dynamik und Initiative der Neubürger setzen als auf zu viele Regulative.
Wien kommt als Ankunftsstadt in Arrival City nicht vor. Aber nach Saunders' Kriterien schneidet die österreichische Hauptstadt als Integrationsstadt nicht schlecht ab. Es gibt keine Slums und wenig Gewalt. Ottakring kommt dem Modell des aufstrebenden Zuwandererviertels eher nahe als die Pariser Banlieues. Kontraproduktiv sind dagegen die vielen Barrieren beim Zugang zur Arbeit und zur Staatsbürgerschaft, die den sozialen und beruflichen Aufstieg von Zuwanderern hemmen.
"Pflichtlektüre für Politiker" nennt die Financial Times das Buch von Doug Saunders. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)