Sebastian Kurz, bitte lesen!

Kolumne | Barbara Coudenhove-Kalergi, 14. Dezember 2011, 19:04

Ankunftsstädte, ob Ghetto oder Slum, sind dann erfolgreich, wenn sie ihren Bewohnern als Vorzimmer und Sprungbrett für Aufstieg und Integration dienen

Was ist eine Ankunftsstadt? Sie ist der Ort, in dem die Millionen von Migranten, die aus den Dörfern flüchten, ankommen und zu Städtern werden. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist derzeit von dieser Völkerwanderung betroffen. Bis zum Jahr 2050 werden weitere drei Milliarden Menschen vom Dorf in die Stadt ziehen. Die Ankunftsstadt ist somit der wichtigste Ort der Welt. Ob sie funktioniert oder nicht, meint der kanadische Autor Doug Saunders, wird unsere Zukunft bestimmen.

Für sein Buch Arrival City hat er weltweit Ankunftsstädte untersucht, von Mumbai bis Toronto, von Berlin bis Nairobi. Sein Resümee: Ankunftsstädte, ob Ghetto oder Slum, sind dann erfolgreich, wenn sie ihren Bewohnern als Vorzimmer und Sprungbrett für Aufstieg und Integration dienen. Sie sind dann gescheitert, wenn sie zur "Armutsfalle" werden und die Zugewanderten im Zustand der Mittellosigkeit und Abhängigkeit festhalten.

Dabei soll man sich vom äußeren Anschein nicht täuschen lassen. Viele armselige Zuwandererviertel sind trotzdem Erfolgsmodelle, weil ihre Population in steter Bewegung ist. Die, die es geschafft haben, ziehen weiter und machen Platz für Neuankömmlinge.

Autor Saunders und viele Experten haben Kriterien für den Erfolg von Ankunftsstädten herausgearbeitet. Nicht allzu große Häuser mit Zugang zur Straße, die die Möglichkeit für kleine Ladengeschäfte bieten. Ein eigenes Unternehmen ist für viele Zuwanderer der erste Schritt zum Erfolg: ein Geschäft, ein Restaurant, ein Reparaturdienst, ein Internetcafé, ein Reisebüro. Gute Verkehrsverbindungen zur Innenstadt. Wenig Bürokratie. Förderung von Initiativen zur Selbstverwaltung. Im Idealfall entsteht ein Viertel, das eben wegen seiner Buntheit für junge einheimische Familien attraktiv wird und soziale Mischung ermöglicht. Schlecht sind abgelegene Hochhaussiedlungen ohne die Möglichkeit, ein "Dorf in der Stadt" zu bilden.

Die vielgeschmähten "Parallelgesellschaften" müssen dagegen durchaus nicht per se integrationsfeindlich sein. Landsleute bilden Netzwerke, helfen einander, schaffen zivilgesellschaftliche Treffpunkte. Die eine Welle von Zuwanderern bereitet die nächste Welle auf das neue Leben in der Ankunftsstadt vor. Fundamentalisten und Terroristen, das zeigen Studien, kommen fast nie aus eng verwobenen Nachbarschaften, sondern viel eher aus isolierten Milieus. Ein durchgehendes Prinzip: Regierungen sollten mehr auf die Dynamik und Initiative der Neubürger setzen als auf zu viele Regulative.

Wien kommt als Ankunftsstadt in Arrival City nicht vor. Aber nach Saunders' Kriterien schneidet die österreichische Hauptstadt als Integrationsstadt nicht schlecht ab. Es gibt keine Slums und wenig Gewalt. Ottakring kommt dem Modell des aufstrebenden Zuwandererviertels eher nahe als die Pariser Banlieues. Kontraproduktiv sind dagegen die vielen Barrieren beim Zugang zur Arbeit und zur Staatsbürgerschaft, die den sozialen und beruflichen Aufstieg von Zuwanderern hemmen.

"Pflichtlektüre für Politiker" nennt die Financial Times das Buch von Doug Saunders. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)

  • 24.5.2012
    • Menschen im Warteraum [22]

      Ein "Termin" beim Bundesasylamt. Die Asylwerber zittern vor diesen Terminen, denn da geht es um die Schicksalsfrage: abgeschoben werden oder dableiben dürfen

  • 3.5.2012
    • Piraten-Mode [91]

      In Deutschland wurde vor dem Parteitag im Zeichen der Transparenz ein Antrag im Internet diskutiert, die Hauptdiskutanten hießen crackpille und penis

  • 19.4.2012
    • Museum Wien [5]

      Wien ist schön, reich, sicher und hat eine funktionierende Infrastruktur, nur sollte "die Seele der Stadt nicht verkauft werden"

  • 5.4.2012
  • 22.3.2012
    • Staatsdiener alter Schule [25]

      Früher waren Millionäre geehrt, wenn sie mit einem Hofrat oder Minister verkehren durften - Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt

  • 8.3.2012
    • Die Integrationslüge [123]

      Es lohnt sich , den allgegenwärtigen Begriff "Integration" genauer zu betrachten

  • 23.2.2012
    • Kampf um den ORF, Phase 2 [11]

      Nach dem Teilerfolg der Verhinderung eines SPÖ-gestützten Büroleiters für den Generaldirektor geht die Auseinandersetzung jetzt in eine neue Etappe: eine Reform der Gremien, insbesondere des Stiftungsrats

  • 8.2.2012
    • Der Monti-Effekt [28]

      Das italienische Beispiel zeigt: Die Leute haben genug vom Populismus

  • 26.1.2012
    • Demokratie im Zwielicht [50]

      Demokratie ist von allen schlechten Lösungen immer noch die beste, meinte Churchill - Selbst daran wird derzeit gezweifelt

  • 12.1.2012
    • Symbolfiguren [24]

      Wer als Österreicherin in den deutschen Medien die Christian-Wulff-Debatte verfolgt, kann sich eines gewissen Neidgefühls nicht erwehren

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V995
11
15.12.2011, 18:54
ein politiker liest kein buch

des wahnsinns geiler hosenträger
00
15.12.2011, 18:51
ähm...

... ich finde diesen Kommentar durchaus gelungen und stimme der Dame auch zu, aber...
... "Die vielgeschmähten "Parallelgesellschaften" müssen dagegen durchaus nicht per se integrationsfeindlich sein... Fundamentalisten und Terroristen, das zeigen Studien, kommen fast nie aus eng verwobenen Nachbarschaften, sondern viel eher aus isolierten Milieus"

mir ist das mit der Nachbarschaft schon klar - ist eine Parallelgesellschaft aber nicht auch ein "isoliertes Milieus"?

Mostbluzza
00
ja klar, aber wir brauchen doch auch strassengangs

http://www.tagesspiegel.de/meinung/k... 91704.html

Sie sind jung, mutig, mobil, hungrig, risikobereit, initiativ. Solche Menschen braucht das Land.

man kann sich doch alles schönreden oder?
gut, dass es bei uns nicht derartige massenphänomene wie in der brd gibt, unermessliche gewalt an brutalität und ausmass,
hat auch seinen grund. und das ist gut so, vor allem für die demokratie.

nina yankow
00
15.12.2011, 19:48

Die Vorarlberger in Wien haben einen eigenen Verein, sind häufig unter sich (WGs, Fortgehen), und sind dennoch "integriert". ein grund dafür ist auch, dass man ihnen nicht mit vorurteilen entgegenkommt. ein weiterer grund ist das bildungsniveau.
migranten sind in ihren jobs vorwiegend "unter sich", weil diverse jobs fast nur migranten erledigen, bei vielen anderen jobs haben sie (vor allem mit dunklen haaren) keine chance.
Ich hab eine nette, hübsche, fähige u. fleißige Arbeitskollegin aus Osteuropa, die perfekt deutsch spricht, nur mit einem starken akzent. in den letzten monaten bewarb sie sich um andere stellen und wurde oft explizit mit dem verweis auf ihr "schlechtes" deutsch abgewiesen.

absurdistanerin
00
15.12.2011, 18:35
Wien ist nicht der Mittelpunkt der Welt

und für eine Metropole zugegebenermaßen relativ klein. Vielleicht ist das ein Grund, warum Wien bei der Untersuchung nicht in Betracht gezogen wurde. Möglicherweise auch, weil der internationale Ruf vielleicht doch eher ein geschichtlich-kultureller als ein inter-kultureller ist.

santiago69
03
15.12.2011, 14:52
Chapeau

Die Kommentare von Frau Coudenhove sind wie immer Labsal für die Seele. Vielen Dank und ad multos annos!

annabrecht
01
15.12.2011, 12:55
Wer schon einmal richtige Slums

gesehen hat, weiß, dass sowas weder in Wien noch im restlichen Österreich existiert.

spiehsbürger
01
15.12.2011, 17:24

waren sie schon mal im 2. oder 20. bezirk?

Zinnmo
 
01
15.12.2011, 18:39

Ja, war ich, allerdings auch in "richtigen" Slums bzw. in wirklich heruntergekommenen Ausländervierteln. Kein Vergleich. Wir jammern auf hohem Niveau. Klar könnte es besser sein, keine Frage, aber wir haben nirgends Bereiche wo sich weder Busfahrer noch Polizei nachts hintrauen.

E. Pagliacci
00
15.12.2011, 13:33

Klar, man findet immer einen der blöder, hässlicher und fetter ist als man selber. Segen des Benchmarkings.

Club-der-dichten-Toten
01
15.12.2011, 16:46

Da muss man im Vergleich mit Wien aber nicht lange suchen. Schwieriger wird es, eine bessere Stadt zu finden, da gibt's dann nicht so viele...

Schnurz Homunculus
114
15.12.2011, 11:37
es gibt in Wien keine Slums?

und was ist mit der Großfeldsiedlung, Trabrenngründe, Schöpfwerk usw?

Frau Coudenhove sollte diese Aufforderung zum Lesen des Buches besonders an die Verantwortlichen in den Ankunftsstädten (Wien) richten: also an Häupl und die ach so migrationsfreundlichen Grünen inkl. Vassilakou.

Alles was im Artikel als positive Voraussetzung für Ankunftsstäddte beschrieben wird, ist in Wien nicht vorhanden...

Schade

Michael B
00
15.12.2011, 16:47
Schön, wenn man wieder einmal Vorurteile aus den späten Siebzigern zu lesen bekommt!

Da weiß man gleich: "Wien bleibt Wien"....

Club-der-dichten-Toten
05
15.12.2011, 16:46
es gibt in Wien keine Slums? und was ist mit der Großfeldsiedlung, Trabrenngründe, Schöpfwerk usw?

In jeder dieser Gegend gehe ich Abends ohne auch nur das geringste Sicherheitsproblem spazieren.
Ich glaube, Sie wissen nicht, was "Slums" sind...

Gehen's mal in Paris, Berlin, Madrid oder London in entsprechenden Gegenden spazieren. Man darf ruhig auch mal ein bisschen die Augen aufmachen...

Schnurz Homunculus
00
15.12.2011, 17:13
wo Sie überall spazieren gehen...

in all diesen Gegenden würde ich mich nicht unbedingt herumtreiben. Wer dort spaziert (sic!) fühlt sich dort wohl - ich nicht.

Lt. Wikipedia:"Ein Slum (gesprochen sl?m) ist ein verwahrloster, verfallener Teil einer Stadt. Umgangssprachlich werden heute übervölkerte und verwahrloste Elendsviertel von Städten, die gewöhnlich von sehr armen Menschen, oft städtischen Zuwanderern bewohnt werden, als Slum bezeichnet und damit die informellen Siedlungen, das heißt randstädtische Elendsviertel eingeschlossen. Charakteristisch sind eine heruntergekommene Bausubstanz und schlecht ausgebaute Infrastruktureinrichtungen (mangelhafte Anbindung durch öffentliche Verkehrsmittel, zweifelhafte Absteigen, armselige Geschäfte, mangelhafte Müllabfuhr)"

byron sully
12
15.12.2011, 16:38

vergleichen sie doch mal mit ECHTEN slums, da kann sich wien wirklich noch relativ glücklich schätzen.

centerum censeo
04
15.12.2011, 15:00
bitte einmal wien mit madrid vergleichen.

wohlwissend, daß madrid im vergleich mit einer 3.welt-stadt immer noch ein traum ist. aber dann werden ihre urteile über wiener "slums" ein wenig realitätsbezogener.

niewieder nett
 
03
15.12.2011, 13:53

na tschuldigung. wenn sie die großfeldsiedlung mit slums gleichsetzen, dann wissen sie nicht was ein slum ist. ich find wien hat nicht mal was vergleichbares mit pariser aussenbezirken oder auch gegenden in lissabon. da gehts ab.

E. Pagliacci
00
15.12.2011, 20:55

Lebst du in der Großfeldsiedlung?

ei padauz
01
15.12.2011, 12:44

sie verlassen das wiener stadtgebiet nicht gerne, oder?

NobbyNobbs
01
15.12.2011, 12:23
naja

diese gegenden sind für uns vielleicht "slums", aber echte haben wir nicht, muss man doch gestehen, oder? :-)

Wein Franzpolter
10
15.12.2011, 15:08

Vielleicht sind diese Gegenden per definitionem keine "echten" Slums aber für die hiesige Bevölkerung stellt sich viel eher die Frage, ob sich seit dem Einsetzen der Zuwanderungsströme die Lebenssituation verbessert oder verschlechtert hat. Das ist zumindest mein Ansatz als neutraler Beobachter.

nina yankow
01
15.12.2011, 17:54

Die hat sich seit dem Einsetzen der Zuwandererströme definitiv extrem verbessert.

Michael B
01
15.12.2011, 16:49
Was hat die Großfeldsiedlung mit "Zuwanderern" zu tun?

Dort leben zu 90% Leute schon seit 30 Jahren in der selben Wohnung!

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