Im Grunde wollte David Cameron nichts anderes als die Europäer erpressen - Von Anne Applebaum
Natürlich hatte es Cameron nicht darauf angelegt, aus den Verhandlungen beim EU-Gipfel isoliert hervorzugehen. Im Grunde wollte er nichts anderes als die Europäer erpressen: Gebt ihr uns bestimmte Schutzgarantien für den Londoner Finanzplatz, dann kriegt ihr von uns, widerwillig aber doch, die Zustimmung zu einem einem neuen Vertrag bzw. zu ergänzenden Bestimmungen für bereits bestehende Abkommen.
Allerdings waren seine Forderungen zum Teil überzogen, zum Teil hat er sie zu spät und viel zu arrogant präsentiert. "Niemand verstand, was Cameron wollte - niemand", erklärte ein Diplomat der Financial Times. "Wir haben uns bemüht, große Dinge zu beschließen - die Rettung des Euro - und er verlangte Peanuts: zur falschen Zeit und am falschen Ort." Also machten die 26 weiter und ließen Cameron außen vor.
Jedem anderen bei dieser Konferenz ging es primär darum, die europäische Wirtschaft zu retten, und alle waren sie mit der Bereitschaft nach Brüssel gekommen, etwas aufzugeben. Cameron dagegen agierte aus ihrer Sicht wie jemand, dem es vorrangig um die Londoner City ging und der auch noch Forderungen stellt. Oder wie es ein noch etwas undiplomatischerer Diplomat mir gegenüber formulierte: "Ihm sind die Geschäftemacher in der City wichtiger als wir."
Was zweifellos zutrifft. Denn die City bestimmt Großbritanniens Blick auf die Welt nun noch mehr als zuvor. Natürlich hat sich Großbritannien immer schon eher als transatlantischen denn als europäischen Player gesehen. Die Euro-Skeptiker bei den Konservativen haben nun, dank der Eurokrise, die sie schon vor 15 Jahren vorhergesagt haben, Oberwasser. Und auch an den alten Klischees über den Mentalitätsunterschied zwischen Insel und Kontinent ist sicher auch etwas Wahres. Zugleich aber hat sich die britische Haltung in der letzten Dekade noch um ein Stück weiter entfernt: Großbritanniens Rezession, die schlimmste seit Jahrzehnten, ist im Zentrum von London nahezu unsichtbar. Die City hat mittlerweile mehr mit einer Trabantenstadt wie Dubai gemeinsam als mit Paris oder Berlin.
Wendepunkt oder nicht
Niemand ist über die möglichen Konsequenzen dieses Schritts erfreut. Einige halten ihn für einen zentralen Wendepunkt: Das restliche Europa werde daran arbeiten, die Fiskalunion enger zu schnüren und Verträge ohne Großbritannien abschließen - Verträge, an die sich die Briten und ihre Banken halten müssen, wenn sie mit ihren Nachbarn Geschäfte machen wollen. Andere meinen, dass sich die Verhandlungen über die neuen Vetragsvereinbarungen noch eine Zeit lang hinziehen werden, was den Briten noch hinreichend Gelegenheit gibt, wieder ins Spiel zurückzukehren, so sie das wollen.
Aber selbst wenn, wie schon vorher so oft, weitergewurschtelt wird, wird dieser plötzliche Moment der Isolation nicht vergessen werden.
Cameron kehrte nach Haus zurück, die Elogen der britischen Presse zu lesen, die seinen Willen bejubelten, alles zu tun, um die britischen Finanziers zu schützen. - Bejubelungen, die er in sonst keinem anderen europäischen Land hätte lesen können - weil keine andere Hauptstadt so denkt wie London und keine andere Metropole auch jemals so denken wird. (Anne Applebaum, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2011)
ANNE APPLEBAUM, pulitzerpreisgekrönte US-Journalistin, lebt als
Korrespondentin in Warschau und schreibt u. a. für das Online-Magazin
"Slate", "Washington Post" und "New York Times", der dieser Beitrag in
Kurzfassung entnommen ist.