"Mr. No"

Großbritannien auf dem Kriegspfad

Kommentar der anderen | 14. Dezember 2011, 18:51

Im Grunde wollte David Cameron nichts anderes als die Europäer erpressen - Von Anne Applebaum

Natürlich hatte es Cameron nicht darauf angelegt, aus den Verhandlungen beim EU-Gipfel isoliert hervorzugehen. Im Grunde wollte er nichts anderes als die Europäer erpressen: Gebt ihr uns bestimmte Schutzgarantien für den Londoner Finanzplatz, dann kriegt ihr von uns, widerwillig aber doch, die Zustimmung zu einem einem neuen Vertrag bzw. zu ergänzenden Bestimmungen für bereits bestehende Abkommen.

Allerdings waren seine Forderungen zum Teil überzogen, zum Teil hat er sie zu spät und viel zu arrogant präsentiert. "Niemand verstand, was Cameron wollte - niemand", erklärte ein Diplomat der Financial Times. "Wir haben uns bemüht, große Dinge zu beschließen - die Rettung des Euro - und er verlangte Peanuts: zur falschen Zeit und am falschen Ort." Also machten die 26 weiter und ließen Cameron außen vor.

Jedem anderen bei dieser Konferenz ging es primär darum, die europäische Wirtschaft zu retten, und alle waren sie mit der Bereitschaft nach Brüssel gekommen, etwas aufzugeben. Cameron dagegen agierte aus ihrer Sicht wie jemand, dem es vorrangig um die Londoner City ging und der auch noch Forderungen stellt. Oder wie es ein noch etwas undiplomatischerer Diplomat mir gegenüber formulierte: "Ihm sind die Geschäftemacher in der City wichtiger als wir."

Was zweifellos zutrifft. Denn die City bestimmt Großbritanniens Blick auf die Welt nun noch mehr als zuvor. Natürlich hat sich Großbritannien immer schon eher als transatlantischen denn als europäischen Player gesehen. Die Euro-Skeptiker bei den Konservativen haben nun, dank der Eurokrise, die sie schon vor 15 Jahren vorhergesagt haben, Oberwasser. Und auch an den alten Klischees über den Mentalitätsunterschied zwischen Insel und Kontinent ist sicher auch etwas Wahres. Zugleich aber hat sich die britische Haltung in der letzten Dekade noch um ein Stück weiter entfernt: Großbritanniens Rezession, die schlimmste seit Jahrzehnten, ist im Zentrum von London nahezu unsichtbar. Die City hat mittlerweile mehr mit einer Trabantenstadt wie Dubai gemeinsam als mit Paris oder Berlin.

Wendepunkt oder nicht

Niemand ist über die möglichen Konsequenzen dieses Schritts erfreut. Einige halten ihn für einen zentralen Wendepunkt: Das restliche Europa werde daran arbeiten, die Fiskalunion enger zu schnüren und Verträge ohne Großbritannien abschließen - Verträge, an die sich die Briten und ihre Banken halten müssen, wenn sie mit ihren Nachbarn Geschäfte machen wollen. Andere meinen, dass sich die Verhandlungen über die neuen Vetragsvereinbarungen noch eine Zeit lang hinziehen werden, was den Briten noch hinreichend Gelegenheit gibt, wieder ins Spiel zurückzukehren, so sie das wollen.

Aber selbst wenn, wie schon vorher so oft, weitergewurschtelt wird, wird dieser plötzliche Moment der Isolation nicht vergessen werden.

Cameron kehrte nach Haus zurück, die Elogen der britischen Presse zu lesen, die seinen Willen bejubelten, alles zu tun, um die britischen Finanziers zu schützen. - Bejubelungen, die er in sonst keinem anderen europäischen Land hätte lesen können - weil keine andere Hauptstadt so denkt wie London und keine andere Metropole auch jemals so denken wird. (Anne Applebaum, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2011)

ANNE APPLEBAUM, pulitzerpreisgekrönte US-Journalistin, lebt als Korrespondentin in Warschau und schreibt u. a. für das Online-Magazin "Slate", "Washington Post" und "New York Times", der dieser Beitrag in Kurzfassung entnommen ist.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 138
1 2 3 4
Kampfsoletti
00
15.12.2011, 18:48
Wundert mich nicht.

Die Briten waren schon immer gleicher -- siehe Eingandbonus usw.

seapoint
00
15.12.2011, 18:40

I mog den britischen Fußball, oba sunst......

derunbestechliche
01
15.12.2011, 17:48
Cameron sucht nun Verbündete gegen Merkel

Hier sieht, man wie krank die Briten agieren. Sie die wirklich alles und jedes blockieren, von der EU und den €-Ländern außerordentlich profitiert haben, wollen ernsthaft weiter Blockadepolitik betreiben - nur zum Schutz der City und nicht zum Schutz der Briten. Das ist kein engstirniges, egoistisches Insel-/Citydenken mehr, sondern nur mehr verletzter Stolz eines (schizophrenen) Jungen.

Den US-Amerikanern sind die Briten nur dann von Vorteil, wenn sie mit ihnen ihre eigenen Interessen schützen können. Würden sie einmal - zu ihrem eigenen Vorteil - gegen die Londoner Finanzwelt arbeiten wollen, dann würden sie das unzweifelhaft tun.

Jene EU-Länder, welche nicht in €-Zone liegen, tragen das Hemd näher als ihren Rock.

speakers corner
20
15.12.2011, 18:02

Ja glaubst du denn im ernst das der Sarkozy oder die Merkel das alles zum selbstlosen wohle Europas machen?
Den Franzosen gehts um ein möglichst einiges Europa unter ihrer Führung, den Deutschen um ihre Exportwirtschaft.
Die Euro Länder haben den Euro gewollt jetzt sollen sie auch dafür zahlen. Das kann man Cameron nicht verübeln.

Fritz Meyer
01
15.12.2011, 17:47
Und wieder muss man dieses Zitat posten.

Aus der Serie Yes, Minister:

http://en.wikiquote.org/wiki/Yes,... n_the_Wall

Keiner hat es seither besser auf den Punkt gebracht, wie die britische Politik zu Europa steht!

Oceania's "Airstrip One" indeed!

Hanns Ch.1
02
15.12.2011, 17:44
..orden für cameron..

..er hat letztendes der eu einen großen dienst erwiesen,..wenn sein hochverschuldestes land strauchelt, dann hätte das kein noch so großer rettungsschirm auffangen können,..einmal ganz abgesehen, von den sozialen problemen, die in den medien derzeit von der euro aversion überlagert werden,..aber leben in england ist alles andere als ein pilcher roman,..

frankiegoes
12
15.12.2011, 16:23
Eine Fehlkalkulation

kann das durchaus sein. Den Amis ist nämlich The City bestenfalls wurscht, wird wahrscheinlich sogar als unerwünschte Konkurrenz zu den Finanzplätzen New York und Chicago betrachtet.
Stimme auch der Ansicht zu, dass die City mittlerweile auch im eigenen Land eine Trabantenstadt ist.
UK enwickelt sich immer mehr in eine zwei Klassengesellschaft. Die Mitte dünnt aus und die dichter werdende Unterschicht wird immer wütender.
Siehe Krawalle letzten Sommer.

speakers corner
12
15.12.2011, 16:36

Vielleicht wollen sie auch gar nicht zu den Amis gehören sondern einfach ihre Souveränität verteidigen.
In Österreich muss man ja nur mit dem Schlagwort "alternativlos" kommen und schon wird die Souveränität des Parlaments und somit die Demokratie eingeschränkt. Diskussion dazu NULL. Das geht gottseidank bei den Briten nicht so einfach.

Ggg14
10
15.12.2011, 16:53

Das Traurige ist, dass in GB inzwischen nur mehr von "national" irgendwas geredet werden muss und der Durchschnitts-Sun-Leser kriegt feuchte Augen.
GB war bis zum Irak-Krieg dem Kontinent in vielen Hinsichten überlegen, jetzt ist es zu einem rückwärtsgewandten, nationalsozialistischen Staat verkommen, der in Wirklichkeiten in den Händen einiger Finanz- und Medienkonzerne gefangen ist.

speakers corner
00
15.12.2011, 17:04

Sie lesen deutlich zuviel KRONE.

Ggg14
00
15.12.2011, 17:14

Lustige Antwort, wenn auch nicht nachvollziehbar.
Ich kenn das Land ziemlich gut, mag es auch recht gern. Aber leider ist die Entwicklung, die dieses Land seit dem Irakkrieg nimmt, ein sehr unsympathische.

MASCH49
 
32
15.12.2011, 15:25
Nicht erst seit ...

Thatcher und Reagan wäre GB besser als weiterer
US.Staat aufgehoben denn als Mitglied einer euro-
päischen Gemeinschaft.

gays-come-first
30
15.12.2011, 15:24

Britannien wird austreten aus der EU und danach werden sie den vollkommenen status von Puerto Rico einnehmen. Assoziert mit den USA aber nicht stimmberechtigt. Allerdings sprechen sie das schoenere englisch - ist auch schon was. Es wird dem kontinent kaum auffallen ob sie noch da oder schon weg sind. warum haben sie ihre meinung von 1973 geandert?
Groetjes van Nederland

fw190
00
15.12.2011, 17:33
Allerdings sprechen sie das schoenere englisch

Genauso wie die norddeutschen das schönere deutsch

uncertainty principle
 
04
15.12.2011, 14:06
Ergänzung

Vielleicht sollte man hinzufügen, dass Frau Applebaum die Gattin des polnischen Außenministers ist. Da trifft es sich gut, dass sie im Wesentlichen mit ihrem Radek einer Meinung ist. Müssen sie heute abend nicht streiten...

speakers corner
31
15.12.2011, 14:05

Why give control / oversight of national budgets to the EU when they have shown themselves to be incapable of budget growth restraint and haven't been able to sign off their accounts for 16 years because of errors and fraud?

Ggg14
11
15.12.2011, 16:23

Haben Sie das in der "Sun" gelesen?

Dr. Viktor Frankenstein
21
15.12.2011, 14:53
Exactly.

:)

alexS2011
21
15.12.2011, 13:34
Zukunft

Nur die Zukunft wird zeigen, ob Cameron richtig gehandelt hat. Alles andere ist reine Spekulation.
PS: Die Briten machen bei vielen Dingen in Europa nicht mit: Euro, Schengen. Erinnert mich ein bisschen an die Schweiz. Die halten sich auch aus der EU und dem Euro raus und fahren damit ganz gut.

hack in den sack
 
01
15.12.2011, 18:06

jaja die schweiz, die fax-demokratie.

sitzt vor dem faxgerät und wartet darauf, was brüssel kabelt, was umzusetzen ist.

Felix Meritis
15
15.12.2011, 15:37

Die Schweiz ist bei Schengen dabei, Sie Bildungswunder!

alexS2011
00
15.12.2011, 17:37
Danke

Danke fuer die Information. Sie haben natürlich recht.

Nee-Chee
00
15.12.2011, 17:12
und es geht ihr so gut

dass die Zentralbank krampfhaft die Währung untenhalten muss.

MontyBurnes
04
15.12.2011, 14:34
nur oberflächlich betrachtet

... hält sich "die Schweiz aus Europa raus". in der Realität hat die Schweiz das geltende Europarecht weitgehend nach-beschlossen in einer Vielzahl von bilateralen Verträgen ohne jedoch an den Verhandlungen darüber teilnehmen zu können.

Die vermeintliche "Unabhängigkeit" von Europa ist also in der Realität keinesfalls vorhanden... bestenfalls ist es eine gefühlte Unabhängigkeit.

mikromalist
 
12
15.12.2011, 12:38
Manchmal wäre es schlau, selbst

Regeln zu basteln, welche die Partner gerade noch akzeptieren können. Überhaupt, wenn die Partner in der überwältigenden Mehrheit sind.

Sonst bauen nämlich die Partner Regeln, die man selbst nicht akzeptieren kann.

Manchen Politikern ist so eine ko-evolutionäre Denkweise völlig fremd.

Wir könnten von UK viel lernen, aber von Erpressern nicht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 138
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.