Lohn und Versicherung statt Taschengeld

15. Dezember 2011, 06:15
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Menschen mit geistiger Beeinträchtigung fordern für ihre Arbeit einen Lohn samt eigener Sozialversicherung und Pension

Salzburg - Einen offenen und inklusiven Arbeitsmarkt fordern Menschen mit Behinderung beim sechsten Selbstvertreter-Kongress in Salzburg. Auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention sollen Arbeitsformen, samt Lohn und Sozialversicherung, geschaffen werden, die Menschen mit geistiger Beeinträchtigung in den Arbeitsmarkt einbinden.

Zurzeit bekommen Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung als erwerbsunfähig eingestuft werden und als "Beschäftigungstherapie" in einer geschützten Werkstätte untergebracht sind, nur ein Taschengeld für ihre Arbeit. Damit sei Österreich eines der wenigen Kernländer in der EU, in dem intellektuell Beeinträchtigte keine eigene Sozialversicherung und damit auch keine eigene Pension erhalten, kritisierte Albert Brandstätter, Geschäftsführer der Lebenshilfe Österreich. Auch im Erwachsenenalter sind Menschen mit geistiger Beeinträchtigung noch bei ihren Eltern mitversichert. Später erhalten sie eine Waisenpension, deren Höhe nach dem Einkommen der Eltern bemessen wird, unabhängig von der eigenen Arbeitsleistung.

Veraltetes Modell

"Das Modell der familienbezogenen Leistungen ist veraltet", sagt Germain Weber, Präsident der Österreichischen Lebenshilfe. In den 1930er-Jahren sei das Modell sicher richtig gewesen, da die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung niedriger war als heute. Menschen mit Down-Syndrom etwa hatten eine Lebenserwartung von neun Jahren; heute liegt sie bei 64 Jahren.

Die Lebenshilfe möchte künftig als Arbeitgeber auftreten und Menschen mit Beeinträchtigung einen inklusiven Arbeitsplatz mit kollektivvertraglichem Lohn anbieten. Gleichzeitig soll auch die Wirtschaft in die Pflicht genommen werden, Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung zu schaffen. Die Politik müsse zudem Anreize für Unternehmen schaffen, fordert Brandstätter. "Die Inklusion in den Arbeitsmarkt ist für die Länder nicht teurer als ein Platz in der geschützten Werkstätte", betont Guido Güntert, Geschäftsführer der Lebenshilfe Salzburg. In Deutschland etwa gebe es bereits einen fiktiven Kollektivvertrag für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, samt Sozialversicherung. (Stefanie Ruep, DER STANDARD Printausgabe, 15.12.2011)

  • Auch Kellner Thomas Cepin soll für seine Arbeit einen Lohn und eine eigene Sozialversicherung bekommen
    foto: lebenshilfe

    Auch Kellner Thomas Cepin soll für seine Arbeit einen Lohn und eine eigene Sozialversicherung bekommen

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