Conrad Seidl

Das Ende eines Provisoriums

Kommentar | Conrad Seidl, 14. Dezember 2011, 18:40

Mit dem teuren Assistenzeinsatz fällt ein Argument für die Wehrpflicht weg

Abmarsch! Wenn morgen der letzte Assistenzsoldat aus dem Burgenland abzieht, dann kann sich Norbert Darabos gleich doppelt freuen: Erstens hat er es geschafft, mit der weit über jegliche sachliche Begründung hinaus erstreckten Präsenz des Bundesheeres im Grenzland die burgenländische Landespolitik zufriedenzustellen. In der östlichen Provinz hatte man besondere Sorgen um die Sicherheit - und seine Soldaten haben über Jahre jenes Sicherheitsgefühl vermittelt, das seinem Landeshauptmann Hans Niessl stets das größte Anliegen war. 

Dass das Burgenland ohnehin zu den sicheren Gebieten Österreichs gehört, wurde in der landespolitischen Diskussion gerne verdrängt. In der Wiener Kärntner Straße lebt man viel riskanter als in Deutsch Minihof. Aber bewaffnete Soldaten in einer Innenstadt patrouillieren zu lassen wäre denn doch zu absurd - ein Michael Häupl käme wohl nicht auf die Idee, um Militärpräsenz in der City zu bitten. Seinem Landsmann Niessl hat Darabos nachgegeben, das wird ihm vielleicht einmal angerechnet, wenn er sich ins pannonische Ausgedinge begeben sollte. 

Aber daran denkt Darabos wohl noch nicht ernsthaft - auf seiner Agenda steht noch ein großes Projekt: Die Abschaffung der Wehrpflicht soll möglichst rasch kommen. Und das ist dann auch der zweite Punkt, über den sich der Verteidigungsminister freuen kann. Denn ein Assistenzeinsatz des Bundesheeres mit diesem Umfang und dieser Dauer wäre mit einem Berufsheer nicht aufrechtzuerhalten gewesen.
Nachdem sich die Ansicht durchgesetzt hat, dass man den Einsatz an der Ostgrenze nicht braucht, könnte sich auch die Einsicht durchsetzen, dass man die Wehrpflicht eigentlich nicht mehr braucht. Das ist die große Chance des Norbert Darabos. 

Eröffnet wurde sie ihm ausgerechnet von jenen Offizieren, die sich jahrelang für die Wehrpflicht ausgesprochen hatten. Der Assistenzeinsatz war nämlich von allem Anfang an eine Fehlkonstruktion: Man hatte ihn als Provisorium auf zehn Wochen geplant - und dann die Planungen an die Gegebenheiten angepasst.

Diese Vorgangsweise hat rasch zu Problemen geführt. Einsichtige Offiziere haben nämlich schon nach wenigen Monaten festgestellt, dass der Assistenzeinsatz eine enorme Schwächung des Bundesheeres bedeutet. Die Ausbildung der an die Grenze verlegten Grundwehrdiener hat unter dem Wachdienst gelitten - wenn die jungen Männer aus dem Grenzland zu Ungarn und der Slowakei zurückgekommen sind, hatten sie wesentliche Ausbildungsinhalte versäumt. Bald konnte das Bundesheer keine feldverwendungsfähigen Soldaten mehr ausbilden. 

Das militärische Establishment hätte allen Grund zur Sorge haben müssen. Aber es hat sich damit getröstet, dass die Motivation der Grundwehrdiener im Grenzeinsatz hoch war, dass man immerhin Nachtausbildung (für die andernorts keine Überstunden mehr bewilligt wurden) machen konnte und dass man mit dem Einsatz die Wehrpflicht weiter rechtfertigen konnte. 

Diese Rechtfertigung durch ein Projekt, das noch dazu laut Rechnungshof viel teurer war, als es sich das Heer schöngerechnet hat, ist nun dahin. Wer jetzt an der Wehrpflicht festhalten will, muss den Rekruten eine sinnstiftende Ausbildung bieten. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 101
1 2 3
GEMINI-FM
01
16.12.2011, 19:24
Der Tageszeitung Der Standard verdanken wir die wertvolle Erkenntnis,

dass die Selbstmordrate in der Zivilbevölkerung in der gleichen Altersgruppe höher ist als jene unter Grundwehrdienern an der Grenze. In den letzten 20 Jahren begangen 23 Rekruten im Grenzeinsatz Suizid (ein Fall bei AssE/SchE). Laut Untersuchungen waren alle "auf private Probleme" und nicht auf die "enorme psychische Herausforderung" zurückzuführen. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 brachten sich in Österreich 962 Männer um - was einer Rate von 23,7 pro 100.000 Einwohner entspricht (Der Standard, 17.2.2010).

hobsch
13
15.12.2011, 16:35
"... dass die Motivation der Grundwehrdiener im Grenzeinsatz hoch war, ..."

Echt?

Die mir bekannten GWD im Grenzeinsatz berichten was anderes.

Prof. Alois
 
01
22.12.2011, 20:17
Das ist k ein Wunder

Der Mensch ist dort glücklich, wo er angenommen ist.

Es passiert bei uns sehr häufig, dass welche über ihre Wehrdienstzeit in dem einen K reis ganz nostalgisch frohlocken. Um dann in einem ganz anderen Kreis über die negativen Aspekte herzuziehen. Wahlweise erhält man dann jeweils gewünschte Ergebnisse.

Ich war lange Milizoffizier. Ich habe zu viele Wehrpflichtige erlebt, die sich geradzu gegen den übungsmäßigen Einsatz der Waffe sträubten. Um dann, wenn das Ding feuerte, gar nicht mehr aufhören zu können (Was aus Sicht des Kommandanten erheblich unangenehmer ist, weil dann die Kontrolle verloren wird. Kennt man aus Vietnam zur Genüge)

Freud konnte nur bei uns was werden.

Bioberni31
11
15.12.2011, 14:15
Der Assistenzeinsatz war insofern verfehlt

als spätestens im 2ten Jahr ein Bundesgrenzschutz nach deutschem Modell gegründet hätte werden sollen, mit Profis aus Polizei und Zoll. 18jährige und rassistisches Kaderpersonal auf Flüchtlinge loszulassen ist einem mitteleuropäischem Staat im 20. und 21. Jhdt nicht gerecht gewesen.

Die diversen Selbstmorde und Unfälle an der Grenze wurden sowieso verschwiegen.

Und was die mangelnde Ausbildung angeht, die schaut doch nach der Grundausbildung so aus das der Dienst in der Funktion darin besteht in der Kaserne zu sitzen und darauf zu warten das Dienstschluss irgendwann kommt, dazwischen ein wenig Autowaschen und Gerätputzen. Und ich war nicht in einer Schreibstube sondern Vermesser bei den Panzerhaubitzen...

GEMINI-FM
00
16.12.2011, 19:23
Auch Inlandseinsätze fordern leider ihre Opfer!

In 17 Jahren Einsatz sind von 334.903 eingesetzten Soldaten 49 Soldaten verstorben. Todesursachen waren 22 Selbstmorde, 13 Verkehrsunfälle in der Zeit ohne geplante dienstliche Inanspruchnahme, 3 Verkehrsunfälle in Heeres-KfZ und 11 Unfalltote.

armin delmenhorst
 
00
15.12.2011, 14:37
Teilweise Zustimmung

Ein Bundesheer, dass keine Lizenz zum Schießen hat, ist nur ne Geldvernichtungsmaschine und ein Geschenk an die Schleppermafia.

Zudem gab es auch das Problem der Überforderung von vielen Grundwehrdienern. Die Eltern sollten sich bei den beiden Regimeparteien bedanken.

Die von Ihnen konstatierte Fehlkonstrukt setzt meiner Meinung viel früher an. Der Gedanke eines profesionellen Grenzschutzes mit erstklassiger Ausrüstung ist zwar richtig. Dieser müsste aber gemeinsam mit Ungarn erfolgen (gemischte Patrouillien).Der Fehler wurde bereits bei der Ostöffnung gemacht. Länder wie BUL und RO hätten in diesem Zustand nie aufgenommen werden dürfen! Wie A langssam an die EU heranzuführen wäres es gewesen.

Resümee: Geld weg, "Flüchtling" hier

Stefan Nadler
02
15.12.2011, 12:30
Die sinnvolle Ausbildung...

...für Grundwehrdiener scheitert am Geld, dafür bräuchte man in erster Linie Kaderüberstunden und Sprit. Und am Geld würde auch das Berufsheer scheitern, denn mit dem Bettel, den man in Darabos'-Modelle als Bezahlung für die prekär angestellten "Berufs"-Soldaten (denn nach ein paar Jahren müsste man sie rausschmeißen und neue Junge suchen), werden sich nicht genug finden.

world-citizen
22
15.12.2011, 11:32
Ein österreichisches Militär .............

.......... braucht ohnehin niemand in Europa mehr. Wenn etwas vonnöten ist, dann eine gemeinsame europäische Krisenwehr.

http://the-worldcitizen.blogspot.com/2011/05/m... immen.html

sledgehammer44
02
15.12.2011, 09:33
wissen sie jetzt auf welcher seite sie sind?

"Das militärische Establishment hätte allen Grund zur Sorge haben müssen. Aber es hat sich damit getröstet, dass die Motivation der Grundwehrdiener im Grenzeinsatz hoch war, dass man immerhin Nachtausbildung (für die andernorts keine Überstunden mehr bewilligt wurden) machen konnte und dass man mit dem Einsatz die Wehrpflicht weiter rechtfertigen konnte. "
Wie sehr muss man an den Fingern saugen, damit sowas rauskommt? Im Heer war meinem Verständnis nach kaum wer für den Assistenzeinsatz, eben weil dadurch unverhältnis mässig viele Mittel gebunden waren.

Sepp Maier
35
15.12.2011, 08:35
Welche (vernünftige) Gründe FÜR die Wehrpflicht, bitte?

Lazarus Long
02
15.12.2011, 23:18
funktioniernde Landesverteidigung

ausreichende Mannstärke bei Katastrophen
qualitativ und quantitative ausreichendes Reservoir für internationale Kriseneinsätze
keine "Staat im Staat" Bildung wie bei Berufsarmeen
demokratische Kontrolle des Militärs
über den Zivildienst Aufrechterhaltung des Sozialsystems
Aufrechterhaltung der personellen Reserven bei Terrorbedrohung
usw. usw. usw.
Um mal ein paar zu nennen.
Mit Berufsarmee ist keines davon umsetzbar und schon gar nicht mit dem geringen Verteidigungsbudget Österreichs

sledgehammer44
00
16.12.2011, 08:33

jo, für pensionszuschüsse geht ca 3x soviel auf wie fürs heer. dafür funktionierts eh noch erstaunlich gut.
und bei so eine abwehrjägerkauf provitiert möglicherweise sogar wer aus der regierung oder umgfeld persönlich. ist nur meine unterstellung, es gilt natürlich die unschuldsvermutung.

more more
01
15.12.2011, 16:14

Die militärische Landesverteidigung.

Thomas Felder1
30
15.12.2011, 16:52

dafür gibts berufsheere

more more
00
17.12.2011, 10:01

Wenn in Ö nicht einmal ein Assistenzeinsatz ohne GWD und Milizsoldaten möglich ist, ist ein Einsatz zur militärischen LV erst recht unmöglich.
Hinter der Berufsarmee-Idee steckt reiner Populismus.
Verantwortung sieht anders aus.

Zynami
00
16.12.2011, 06:37
... fast gratis

halar
02
15.12.2011, 12:12

Sollte es zum Kriegsfall kommen, habe ich lieber schon eine grundlegende Ahnung an welchem Ende man ein Gewehr anfasst....

Thomas Felder1
31
15.12.2011, 11:07

keine

Roter Baron
20
15.12.2011, 12:23

stimmt.
abschaffen
und all die entachers und darabosche entsorgen.

roter baron

sledgehammer44
01
15.12.2011, 13:57

für die ansage haben sie den falschen nickname

Werner F, der Inserator
13
15.12.2011, 10:00
zwei.

1.) Kosten. Da kann der Darabos rechnen soviel er will, das wird nie und nimmer billiger, das freiwillige Sozialjahr kann er sich aufmalen und die Organisationen, die auf Zivildiener angewiesen waren, werden eben FTE einstellen müssen.

2.) Es hat schon auch Vorteile, wenn das Heer mit Rekruten aus allen Bevölkerungsschichten besetzt ist. Berufsheere werden eher bedingungslos Generälen dienen während sich unser Heer wohl eher auf die seite des Volkes schlagen würde.

Punkt 2. ist für mich dzt kein realisitisches bedrohungsszenario, aber mansollte bedenken, dass sich selten die grossen Humanisten fürs Bundesheer begeistern.

wenn man bei Punkt 1 mal die tatsächlichen kosten feststellen würde, dann wäre eine Entscheidung Pro/Contra leichter

Thomas Felder1
20
15.12.2011, 16:53

Berufsheere werden eher bedingungslos Generälen dienen während sich unser Heer wohl eher auf die seite des Volkes schlagen würde.

das ist ein wunschtraum

Sepp Maier
21
15.12.2011, 12:15

zu 1. Wenn schon billiger Jakob, dann sollte es ALLE treffen, nicht ausschließlich junge Männer!

zu 2. Das 34-Jahr ist eine alter Hut, wir schreiben bald 2012 im vereinten Europa!

Orjares
01
15.12.2011, 14:55

Ich hoffe, Europa bleibt vereint. Aber mittlerweile (was man sich vor einem Jahr nicht einmal zu Denken gewagt hätte) besteht die Chance, dass die EU in kleinere Teile (z.B. Nord- und Südeuro als eine Möglichkeit) zerbricht.

Ich wage nicht abzuschätzen, was in einem, zwei, drei Jahren geschehen wird. Sie?

sledgehammer44
12
15.12.2011, 09:35

wenn sie so fragen lassen sie entweder nicht viel gelten oder haben keine ahnung. möglicherweise sogar beides.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 101
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.