Heute endet der Assistenzeinsatz des Bundesheeres, der im September 1990 für zehn Wochen geplant war
Es war der 4. September 1990, als in Lienz der Alarm ausgelöst wurde. Umgehend wurde das Jägerbatallion 24 in Marsch gesetzt. Auch Raimund Fröhlich saß auf. Die 680er Steyr, die sich mittlerweile wohl nur noch im Heeresgeschichtlichen Museum finden, waren zwei Tage lang unterwegs. "Dann haben wir Mörbisch erreicht und die ersten Tage einmal auf dem 680er geschlafen", erzählt Raimund Fröhlich Anfang Dezember 2011, mittlerweile Oberstabswachtmeister und Kommandant des in Siegendorf/Cindrof stationierten Zuges.
Wie oft Raimund Fröhlich schon im Burgenland war seither, kann er gar nicht genau sagen. "34-, 35-mal sicher." Er war unter den Ersten, jetzt ist er der, der sozusagen das Licht abdrehen muss. "Ich räum jetzt zusammen und pack ein." Heute, Donnerstag, schickt er die allerletzte Patrouille in den Einsatz. Am Freitag marschieren alle vors Eisenstädter Landhaus, und dann wird der umstrittenste Einsatz des Bundesheeres endgültig Geschichte sein.
Eine sehr österreichische Geschichte, eine, die vor allem über die Langlebigkeit von Provisorien erzählt. Denn ursprünglich - deshalb hatten Raimund Fröhlich und seine Kameraden sich gar nicht umgeschaut um was Winterfestes in Mörbisch - hat das Wiener Innenministerium um Hilfe für zehn Wochen gebeten. Die gehen jetzt, nach 1112 Wochen und somit mehr als 21 Jahren zu Ende.
Im Kasino der Eisenstädter Kaserne wird in diesen Tagen auch die Bilanz gezogen. Oberstleutnant Wolfgang Gröbming - auch er ein alter 1990er, damals im Nirgendwo zwischen Nickelsdorf und Deutsch Jahrdorf - lenkt dabei die Aufmerksamkeit vor allem auf einen Umstand. "Es hat in all den Jahren keinen einzigen Schusswaffengebrauch gegeben." Unfälle ja, und Selbstmorde auch, die aber "nicht überm Durchschnitt", 23 waren es insgesamt. "Aber auf Grenzgänger ist nie geschossen worden."
Gröbming führt das vor allem auf zwei Faktoren zurück. Erstens seien die Rekruten offensichtlich gut vorbereitet und ausgebildet worden - man dürfe nicht vergessen, dass die jungen Buben da schwer bewaffnet durchs stockfinstere Grenzland marschiert seien. Zweitens aber "sind die Grenzgänger zumeist aus Ländern gekommen, wo das Militär ganz anders zur Sache geht".
Alter König
Im Eisenstädter Kasino hängt immer noch - wie augenzwinkernd - der alte Kaiser, der hier, in Kismarton, natürlich der alte király ist. Und es mag durchaus sein, dass dieses pannonische Feeling - dass man da eine Grenze von jener Seite aus bewacht, auf die man erst vor 90 Jahren gewechselt ist - etwas abgefärbt hat auf die beinahe 400.000 Soldaten, die hier ihren Dienst versehen haben. Und dadurch das Burgenland und das niederösterreichische Marchland kennengelernt haben.
Mit manchmal überraschenden Einsichten. Eine der letzten Fußstreifen durch Siegendorf machen der Oberwachtmeister Peter Hörtner bei seinem 20. Einsatz und der ihm zugeteilte Rekrut Dino Nisiæ bei seinem ersten. Der junge Kärntner mit bosnischen Wurzeln war bass erstaunt, dass er mit den Siegendorfern in seiner Muttersprache reden konnte.
Manche haben das Burgenland nicht nur kennen-, sondern quasi auch lieben gelernt. Zahlen über die Dagebliebenen gibt es klarerweise genauso wenig wie über die Scheidungsgründe, die es natürlich auch gab. Aber gehört hat ein jeder schon davon. Wolfgang Gröbming weiß von "drei bis vier Unteroffizieren", die sich in Burgenländerinnen verliebt hätten. Er selbst, Steirer mit Kärntner Wurzeln, sei aus nämlichem Grund ins nahe Niederösterreich gesiedelt.
Es sind dies die netten Geschichten, die es halt auch gegeben hat in diesen zwei Jahrzehnten, in denen Österreich sich und sein Heer mit ebendiesem Grenzeinsatz oft genug zum Gespött und Ärgernis gemacht hat. Weil die Politiker - hauptsächlich jene des Burgenlandes und Niederösterreichs - die Soldaten zu einer Art Schaulaufen des Sicherheitsgefühls missbraucht haben.
Vor allem nach dem 21. Dezember 2007, als die östlichen Nachbarn allesamt dem Schengenraum zugewachsen sind. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)