Wirtschaftskammerpräsident Leitl tritt vehement für Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen ein
Cambridge/Wien - Joe Paradiso sitzt vor einem riesigen Flatscreen und erklärt seinen Besuchern die schöne neue Welt. Im Bild ist die Animation des MIT Media Lab zu sehen: Blinkende Messstellen der Klimatisierung, Tweets der Mitarbeiter, Meetings, der elektronisch überwachte Eingang. Sensoren aller Art, sagt der Professor in Schlabberpulli, abgewetzter Jeans und Turnschuhen, das sei das kommende Thema im Umgang der Menschen mit Technik. "Sei es in Gebäuden oder auf der Kleidung - Sensoren werden die Wahrnehmung der Menschen ausdehnen. Sie schaffen das, was Marshall McLuhan die Ausweitung des zentralen Nervensystems durch elektronische Medien nennt."
Sein Lab sieht wie eine chaotische Rumpelkammer aus, und Paradiso selbst wirkt von einer Jam-Session, die er vor wenigen Stunden hier mit seinen Studenten und Synthesizern gespielt hat, noch etwas mitgenommen. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass es diesem Burschen Spaß macht, mit der Zukunft zu spielen. Hier am Massachusetts Institute for Technology (MIT) gibt es keine Grenzen - weder im Denken noch in den Entfaltungsmöglichkeiten. Und genau das unterscheidet die US-Elite-Uni von ihren österreichischen Schwesterinstituten. Nur eine Vergleichszahl: Am MIT kommen 1000 Lehrende auf 10.000 Studenten, an der TU Wien sind es knapp über 300 auf rund 25.000 Studierende.
Leitl: "Wir haben Talente, wir müssten sie nur fördern"
"Massen-Unis werden uns nicht auf den Weg zur Weltspitze führen", beklagt Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl dementsprechend nach seinem Besuch am MIT und an der Harvard University. Es habe Zeiten in Österreich gegeben, wo das Land im Vergleich zur Bevölkerungsgröße enorm viele Nobelpreisträger gehabt hat. "Wir haben die Talente auch heute, wir müssten sie eigentlich nur fördern."
So sehr das österreichische System der Berufsausbildung, weltweit Bewunderung finde, so sehr hapere es im Hochschulbereich. Leitl: "Jenseits jeder Ideologie und aller parteitaktischen Überlegungen muss endlich klar werden, dass wir den Anschluss an die Weltspitze verlieren. Das würde Österreich langfristig enormen Schaden zufügen."
Deswegen tritt Leitl vehement für Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren ein. "Was weltweit selbstverständlich ist, nämlich dass man für seine höhere Bildung bezahlt und dadurch später ein höheres Einkommen generiert, sollte auch in Österreich möglich werden. Es gilt, ideologische Eierschalen abzuwerfen." Er kann sich auch vorstellen, Unis nach US-Vorbild über Stiftungen zu finanzieren: "Wenn jemand für die Bildung etwas tun will, sind die Unis der ideale Ort dafür." (Christoph Prantner, DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2011)