Morden mit der Bohrmaschine

14. Dezember 2011, 17:27
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Die Britin Katie Mitchell inszeniert die Uraufführung von Manfred Trojahns Oper "Orest" als zeitgenössischen Thriller. Hinter der (groß)bürgerlichen Fassade ortet sie elementare Seelenverwüstungen

Mag sein, dass unsere Zeit den großen Stoffen und dem hohen Ton günstig ist. Selbst wenn es nur die Sehnsucht nach etwas Tiefgang bei all dem herrschenden Triumph der Oberfläche ist. Nachdem Wolfgang Rihm im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen mit der Uraufführung seines Dionysos einen durchschlagenden Erfolg hatte, zog der deutsche Komponist Manfred Trojahn jetzt am Het Muziektheater in Amsterdam nach.

Trojahn hat zu seiner Variante der Orest-Geschichte das Libretto selbst verfasst, sich dabei nicht nur gegen das Vorgängerstück im Geiste (Strauss' und Hofmannsthals Elektra) gestemmt, sondern auch, wie sein Kollege Rihm, auf Nietzsches Dithyramben zurückgegriffen. Sein 80-minütiges "Musiktheater in sechs Szenen" setzt ungefähr da ein, wo Hofmannsthal und Strauss enden.

Was vordergründig wie eine Blutrache-Endlosstory aussieht, umkreist in Wahrheit Fragen nach den seelischen Folgen der Fremdbestimmtheit des Handelns sowie dem Umgang mit, wenn man so will, schuldloser Schuld. Die in ihrem Rachefuror fundamentalistische (hier weiterlebende) Elektra ficht derlei nicht an. Sie ist das eine Extrem in der Albtraumwelt des Muttermörders Orest - der Gott, den er sich bei Trojahn gleich als Apollo-Dionysos-Zwitter imaginiert, das andere.

Doch der Ausweg, den dieser verheißt - sich mit Menelaos zu verbünden und die nach dem Trojanischen Krieg weithin gehasste Helena umzubringen, weil sie am gesamten Schicksalsschlamassel schuld ist -, erweist sich als Sackgasse. Erst als er der Versuchung widersteht, Helenas Tochter Hermione umzubringen und sie stattdessen ansieht, glimmt ein Fünkchen Hoffnung auf.

Die Musik hebt aus der Stille an mit den raunenden Orest-Rufen der Frauenstimmen in seinem Kopf. Und mit einem gellenden Schrei. Doch schnell findet Trojahn zu einer sinnlich-tonalen, suggestiv raunenden, immer wieder auch mit dramatischer Wucht ausbrechenden, manchmal explodierenden Sprache. So hört man es beim Nederlands Philharmonisch Orkest unter seinem Chef Marc Albrecht, der vor allem die vokale Lust und szenische Dynamik ausspielt. Bei ihm profitieren die dunklen Bläsergruppen und Streicher und das dosierte Schlagwerk zudem von einer präzisen Transparenz. Durch die Teilnahme des Komponisten am gesamten Einstudierungsprozess ist seine Musik, inklusive der für ihn neuen Bandzuspielungen, optimal in den Raum eingepasst und ausbalanciert.

Spurensicherungen am Tatort

Maßgeschneidert auch die Inszenierung der britischen Regisseurin Katie Mitchell, die hinter der bürgerlichen Fassade von heute nach den elementaren Seelenverwüstungen sucht. Es spricht für die Risikobereitschaft des Amsterdamer Intendanten Pierre Audi, dass er diese Uraufführung als ambitionierte heutige Interpretation und nicht in antikem Gewand über die Bühne gehen lässt.

Der britische Bühnenbildner Giles Cadle hat ein angeschnittenes zweistöckiges Wohnhaus auf die Bühne gesetzt, samt Blick auf den rieselnden Schnee draußen; mit bombastischem Treppenhaus, großem Salon mit metaphorischer Couch unten und einem Schlafzimmer und Badezimmer oben. Im Hause Orest sind das alles Tatorte. Hier wurde schließlich erst ein König, Vater und Ehemann im Bade erschlagen und dann die Mutter und ihr Liebhaber auf dem Lotterbette gemeuchelt.

Bei Mitchell ist denn auch ständig die Spurensicherung bei der Arbeit. Ihre Szene unterschlägt allenfalls die nachvollziehbare Verwandlung von Apollo in Dionysos. Wenn dann Orest zur Bohrmaschine greift, um Helena zu ermorden, gibt's unfreiwillige Lacher, obwohl gerade da die Musik besonders subtil auf den Ernst der Lage hinauswill. Im Ganzen aber funktioniert dieser Blick in den (groß)bürgerlichen Seelenabgrund als kammerspielartiger Thriller hervorragend.

Das liegt nicht zuletzt an den Protagonisten. Dietrich Henschel hat für diesen Orest genau die Eloquenz des Leidens, die seine Zerrissenheit glaubwürdig macht. Sarah Castle ist eine imponierend düster-fundamentalistische Elektra. Trojahn komponierte für sie, Romy Petricks Hermione und Rosemary Joshuas Helena ein betörendes Terzett von beinahe Strauss'schem Format. Dass Finnur Bjarnason zwar nicht von seiner Doppelrolle als Apollo und Dionysos, wohl aber von deren Höhen etwas überfordert war, glich der machtvoll polternde Johannes Chum als Menelaos wieder aus. Das Publikum reagierte freundlich, für die Begeisterung, die am Platze wäre, bleibt dann bei der ersten deutschen Nachinszenierung in Hannover genügend Spielraum.   (Joachim Lange aus Amsterdam   / DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2011)

Nächste Vorstellungen: 16., 17., 19., 20., 21. 12.

  • Wohn- und Schlafgemächer, verbunden durch einen opulenten Treppenaufgang: Ein zweistöckiges Haus (Bühnenbild: Giles Cadle) ist in "Orest" Tatort für Mord und Totschlag.
    foto: baus

    Wohn- und Schlafgemächer, verbunden durch einen opulenten Treppenaufgang: Ein zweistöckiges Haus (Bühnenbild: Giles Cadle) ist in "Orest" Tatort für Mord und Totschlag.

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