Viele Privatanleger wollen an bald fälliger griechischer Staatsanleihe trefflich verdienen - Ihr Kalkül: Der Schuldenschnitt verschont sie
Dass die Banken vor der Finanzkrise 2008 ein zu hohes Risiko eingegangen sind, ist hinlänglich bekannt. Doch wie sieht es mit der Risikobereitschaft der Privatanleger aus? Letzter Anlassfall: eine griechische Staatsanleihe, die umgangssprachlich "My Big Fat Greek Bond" genannt wird. Sie läuft in vier Monaten aus und verspricht 100 Prozent Gewinn in 100 Tagen. In Deutschland sollen Scharen von Anlegern diesen Titel kaufen. Wette oder ein Investment mit Kalkül?
"Es ist sicherlich eine Wette", so Gernot Mayr von Raiffeisen Capital Management im Gespräch mit derStandard.at. Der Manager verwaltet Anleihenfonds, in die institutionelle Investoren wie Pensionskassen investieren. Griechenland ist für ihn schon seit einigen Monaten kein Thema mehr. Es gebe nur noch den einen oder anderen Spezialkunden, der dieses Risiko eingehen möchte.
Viele wollen ihren Einsatz verdoppeln
Diese Investoren dürften sehr optimistisch sein. Denn bei hellenischen Bonds steht ja bekanntlich ein Schuldenschnitt an. Er soll bis Ende Jänner ausverhandelt sein und rund 50 Prozent betragen. Bei der oben erwähnten Anleihe, am 20. März 2012 fällig und fast 15 Milliarden Euro schwer, rechnet die Börse daher aktuell mit einer 50-prozentigen Abschreibung. Der Kurs lag am Mittwoch bei 47 Prozent. Kauft man also einen Titel mit einem Nennwert von 1.000 Euro, dann muss man nur 470 Euro dafür bezahlen. Anspruch hat man aber natürlich auf den ganzen Tausender inklusive Zinsen (4,3 Prozent).
Dass der Tausender auch wahr wird, damit rechnen in den letzten Tagen wieder mehr Menschen. So ist der Kurs nach dem EU-Gipfel letzter Woche, der die Aussicht auf strengere Defizitregeln für 26 der 27 EU-Länder mit sich brachte, um rund zehn Prozent gestiegen. Auch die täglich gehandelte Menge ist nun größer. Der Nennwert der gekauften Papiere ist dabei sehr unterschiedlich. Mal sind es 250.000, mal 100.000 Euro. Zuletzt fällt aber auf, dass sehr viele Orders für 1.000 bis 10.000 Euro abgegeben werden. Es scheint, als ob hier auch von Kleinanlegerseite spekuliert wird.
Fallstrick Politik
Der Grund, warum einige Anleger zugreifen, dürfte daran liegen, dass der Schuldenschnitt primär für Banken und Versicherungen ausverhandelt wird. "Für den Privatanleger gilt daher theoretisch Freiwilligkeit", so Mayr. Rein theoretisch ist das für den Fondsmanager deshalb, weil die Griechen rechtlich einen Schuldenschnitt erzwingen könnten. Er denkt hier an eine Sondersteuer in der Höhe von 50 Prozent auf den Tilgungsbetrag oder dergleichen mehr. Dabei helfe auch der Umstand, dass die Anleihe nach hellenischem Recht begeben wurde. "Das würde das Abschöpfen für die Griechen einfach machen", meint der Kapitalmarktexperte.
Wenige Glücksritter haben größere Chancen
"Es ist sicher eine sehr spekulative Anlage", meint auch Martin Bohn von der Bawag P.S.K. Invest. Die institutionellen Anleger, für die er arbeitet, würden nicht mehr in solche Geschäfte investieren wollen. Daher sei dieser Deal für ihn als Leiter des Anleihenfonds-Managements tabu. "Als Privatmann habe ich es mir aber auch schon überlegt", gibt Bohn zu.
Die Idee sei aus mehreren Gründen gut, wenn auch risikoreich. Zunächst betreffe der auszuhandelnde Schuldenschnitt nach heutigem Wissensstand keine Privatanleger. Zudem sei nur ein kleiner Teil der Milliardenanleihe in deren Händen. Warum auch das eine Rolle spielt, erklärt sich Bohn aus reinem Kostenkalkül. Solange nur ein kleiner Teil der Anleihe in Kleinanlegerhänden liegt, tun sich die Hellenen beim Schuldenbegleichen leichter. In diesem Fall wird ja der aushaftende Betrag durch den Schuldenschnitt quasi halbiert.
1,2,3...vorbei
Erst wenn Kleinanleger große Teile der Anleihe in ihr Eigentum gebracht haben, könne sich das ändern. "Je mehr das machen, desto fantasievoller wird Griechenland werden", meint Bohn lapidar. Womit wir wieder bei der Steuer oder anderen Maßnahmen wären. Im Moment spreche aber nicht viel dafür. Helfen würde zudem, dass in Hellas keine Neuwahlen anstehen. "Eine neue Regierung könnte populistisch agieren und mit der Schuldenproblematik ganz anders verfahren", macht sich der Experte schon seine Gedanken. Grübeln über eine Investition heißt aber eben auch: "Das ist gar nichts für den Sparbuch-Sparer."
Denn Risiko bleibt Risiko. Im Glücksfall hat man im März seinen Einsatz verdoppelt. Kommt aber der Schuldenschnitt auch für Private, steigt man aktuell bei quasi Null aus. Und geht Griechenland letztlich doch Bankrott, kann es Jahre dauern, bis wieder Geld fließt. Als Argentinien 2001 zahlungsunfähig war, hat das Land Zahlungen an Investoren für einige Jahre eingefroren. Erst 2005 bekamen sie Geld, allerdings nur 37 Prozent der ausstehenden Summe. Für sie hieß es "Aus Drei mach Eins". (sos, derStandard.at, 15.12.2011)