Studiengebühren sind gerechtfertigt

Interview15. Dezember 2011, 15:07
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Der Bildungsexperte erklärt, warum ein sozial verträgliches Darlehensmodell die beste Lösung ist

"Perfekte Lösungen gibt es wohl nicht. Die jetzt von der SPÖ zur Sprache gebrachte Darlehenslösung ist diejenige, die am besten ausbalanciert ist", sagt Hans Pechar, stellvertretender Leiter des Instituts für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Alpen Adria Universität.

derStandard.at: Sollte der Staat gänzlich für die Bildungskosten aufkommen?

Pechar: Ich glaube, dass Studiengebühren gerechtfertigt und auch notwendig sind.

derStandard.at: Wie könnte das perfekte Studiengebührensystem aussehen?

Pechar: Perfekte Lösungen gibt es wohl nicht. Die jetzt von der SPÖ zur Sprache gebrachte Darlehenslösung ist diejenige, die am besten ausbalanciert ist. Es ist aber völlig klar, dass Studiengebühren auch immer Nachteile mit sich bringen. Mit einer vernünftigen Lösung kann man die Nachteile aber so gering halten, dass die Gebühren sowohl gerecht, als auch effizient und somit vertretbar sind.

Eine Darlehenslösung würde dem Umstand Rechnung tragen, dass Studierende während ihres Studiums zu den Einkommensschwächsten gehören, aber die meisten nach dem Abschluss jedenfalls im oberen Einkommensdrittel sind. Allerdings zählen nicht alle zu dieser Gruppe. Da sich das Studium ökonomisch gesehen für einige nicht lohnt, ist ein einkommensabhängiges Darlehen eine vernünftige Lösung. So würde das Risiko in eine schwierige ökonomische Situation zu kommen für Studierende ohne guten Verdienst minimiert.

derStandard.at: Also wäre das von Bundeskanzler Faymann angedachte australische Modell, bei dem Studierende die Gebühren über ein Darlehen vom Staat finanzieren, ein gutes Vorbild?

Pechar: Entscheidend sind die Parameter eines Systems, also die Höhe der Gebühren und die Konditionen der Rückzahlung. All das sind komplizierte Fragen. In Sachen der grundsätzlichen Architektur eines Gebührensystems ist ein Darlehensmodell sinnvoll. In England kann man aber zum Beispiel nicht von einem positiven Beispiel reden, da dort die Gebühren voriges Jahr in einer nicht akzeptablen Weise verdreifacht wurden.

derStandard.at: Zurück zum australischen Modell. Dort müssen Studierende für unterschiedliche Studien auch unterschiedlich viel zahlen. Ist das gerecht?

Pechar: Das ist zu den pragmatisch zu entscheidenden Fragen zu zählen. Wenn wir jetzt in Österreich beginnen ernsthaft über Studiengebühren nachzudenken, sollte man es möglichst einfach halten. Fakt ist, dass es in fast allen Ländern die wirklich Erfahrung mit Studiengebühren haben gestufte Modelle gibt, wobei aber jeweils sehr unterschiedliche Kriterien herangezogen werden. Also beinahe im ganzen angelsächsischen Raum und in Teilen Asiens.

In den USA reflektiert die Höhe der Gebühren einerseits die tatsächlichen Ausbildungskosten. So ist etwa ein Medizinstudium verhältnismäßig teuer. Andererseits spiegeln die Gebühren auch die künftigen Einkommenschancen. Rechtswissenschaften oder Financial Studies sind dort auch kostspieliger als etwa Geisteswissenschaften.

Das sind Entscheidungen, die gut durchdacht sein müssen und bei denen man auch auf das Nachfrageverhalten achten muss und darauf, ob es in bestimmten  Fächern ein Defizit an Absolventen gibt. Das würde ich aber derzeit aus der ganzen Diskussion ausklammern.

derStandard.at: Grundsätzlich sollten Studiengebühren also einheitlich gestaltet werden?

Pechar: In der derzeitigen, extrem emotional aufgeladenen Situation, glaube ich nicht, dass man gut daran tut, die Diskussion durch diese Frage zusätzlich zu komplizieren.

derStandard.at: In den USA sind die Gebühren auch ganz stark vom Ruf der Universitäten abhängig. Können sie sich vorstellen, dass man in Österreich eine Eliteuniversität durch höhere Studiengebühren finanziert?

Pechar: Diese Frage stellt sich derzeit nicht. Alle Universitäten des Landes sind formell auf gleicher Augenhöhe. Dass es informelle Reputationsunterschiede gibt ist bekannt, aber die spielen eine geringe Rolle. Man kann sich natürlich vorstellen, den einzelnen Rektoren die Höhe der Gebühren zu überlassen. Dann wird man sehen, ob sich da eine Differenzierung herausstellt. Ähnliches hat ja auch Wissenschaftsminister Töchterle angedacht. Die Mehrheit der Rektoren ist aber nicht sehr erfreut darüber und ich persönlich verstehe das. Derzeit würde man die Unis in eine schwierige Situation bringen, wenn man ihnen diese Entscheidung überlässt. Das sollte eine Entscheidung der Politik sein. Allerdings muss man ein System so einführen, dass auch die Möglichkeit besteht, in den nächsten Jahren Änderungen vorzunehmen.

derStandard.at: Studiengebühren in Darlehensform, die dann ab einer bestimmten Einkommensgrenze bezahlt werden müssen, hören sich fast an wie eine zweckgebundene Vermögenssteuer...

Pechar: Der Unterschied zwischen einer Akademikersteuer und einem Darlehen ist, dass sie die Steuer ihr Leben lang zahlen. Das Darlehen muss nur so lange bezahlt werden, bis es getilgt ist. Es sei denn sie verdienen zu wenig. In Australien gibt es zum Beispiel immer noch einige Frauen, die nach dem Studium heiraten, nie erwerbstätig sind und auch nie etwas zurückzahlen. Diese Fälle müssen von vornherein mit einkalkuliert werden. Bei einem sozial verträglichen Darlehensmodell können nicht alle Darlehen eingebracht werden.

derStandard.at: Der Kärntner SPÖ-Vorsitzende Peter Kaiser hat vorgeschlagen, Uni-Absolventen sollten ihr ganzes Erwerbsleben 20 Euro pro Monat einzahlen.

Pechar: Das ist aber etwas anderes als das australische Modell. Ein Darlehensmodell ist besser, weil damit der Anreiz gesetzt wird, ökonomischer mit den Ressourcen der Universität umzugehen. Man hat ja schon bei den geringen Gebühren die bis 2008 eingehoben wurden gesehen, dass zielgerichteter studiert wurde. Bei einer Akademikersteuer wäre dies wahrscheinlich nicht der Fall.

derStandard.at: Es gibt Einwände, laut denen ein Darlehensmodell negative Anreize schaffen würde. Viele würden dann gar nicht mehr studieren oder nach ihrem Abschluss ins Ausland abwandern.

Pechar: Das ist ein praktisches Problem, von dem ich glaube, dass es Möglichkeiten gibt, den überwiegenden Teil solcher Darlehen einzutreiben. Man kann ja auch kein Bankdarlehen aufnehmen und es dann einfach nicht zurückzahlen. Die Einbringung des Darlehens ist aber bestimmt eine komplizierte administrative Angelegenheit.

Dass ein negativer Anreiz besteht überhaupt ein Studium aufzunehmen, glaube ich nicht. Da müssten die Österreicher völlig anders ticken als es in Ländern wo es Studiengebühren gibt der Fall ist. Die Zahl der Studienanfänger wird nach Einführung einer Gebühr vielleicht kurzfristig zurückgehen, sich aber nach ein bis zwei Jahren wieder normalisieren.

derStandard.at: Laut einer Studie des Wissenschaftsmagazins „Science" sind in Großbritannien Absolventen mit durchschnittlich 43.000 Pfund (ca. 51.000 Euro) verschuldet. Wie kann man so etwas verhindern?

Pechar: Ich kenne diese Zahlen aus England nicht, weiß aber, dass es in den USA inakzeptabel hohe Verschuldungen eines großen Teils der Absolventen gibt. Das hängt natürlich mit der Höhe der Gebühren zusammen. Da gibt es mittlerweile einen Konsens darüber, dass diese Gebühren außer Kontrolle geraten sind. Man weiß nur nicht, wie man sie wieder einfängt. Ich glaube aber nicht, dass so eine Entwicklung eine notwendige Folge der Einführung von Studiengebühren ist.

derStandard.at: Zusätzlich zu den Studiengebühren kommen auch noch die Lebenserhaltungskosten der Studierenden.

Pechar: In Schweden, das als Paradies des gebührenfreien Zugangs gilt, sind die Studierenden relativ hoch verschuldet, weil sie sehr großzügige Darlehen für die Lebenserhaltungskosten bekommen. Unter diesen Bedingungen haben viele Studierende schon den Lebensstil erwerbstätiger Erwachsener. Das führt natürlich dazu, dass man mit einer hohen Verschuldung ins Berufsleben hineingeht. Derzeit wird aber die Frage der Lebenserhaltungskosten in Österreich nicht als die Frage der Verschuldung diskutiert. Ich kann mir aber ein Darlehensmodell zur Finanzierung dieser Kosten sehr gut vorstellen.

derStandard.at: Sollte man sein Studium abschließen können, ohne währenddessen arbeiten zu müssen?

Pechar: Das wäre sehr gut, aber ist in Österreich derzeit nicht der Fall. Die Forderung einiger Studentengruppen nach einem Studentengehalt ist zum Beispiel ein frommer Wunsch ans Christkind, der sich in näherer Zukunft nicht erfüllen wird. Ein Darlehenssystem für die Lebenskosten wäre optional. Denjenigen, die es annehmen, muss aber klar sein, dass sie es irgendwann zurückzahlen müssen. Aber auch hier ist eine sozial verträgliche Rückzahlung möglich. Vor allem wenn ich das Darlehensmodell an Stelle der Familienbeihilfe setze, die ja sowieso eine merkwürdige Angelegenheit ist. In anderen Ländern werden Studierende ja nicht bis zum 25. Lebensjahr als Kinder behandelt, die eine Kinderbeihilfe bekommen. Es sollte eine Förderung geben, die dazu dient von der Familie unabhängig zu werden. Das derzeitige System stärkt die Abhängigkeit der Studierenden zu ihren Eltern ja noch.

derStandard.at: Also keine Familienbeihilfe mehr für Studierende?

Pechar: Es sollte besser ein sozial verträgliches Darlehenssystem geben. Dieses würde der öffentlichen Hand annähernd soviel kosten wie die Familienbeihilfe, da es entweder zinsenfrei, oder sehr gering verzinst sein müsste und ein Teil der Darlehen nicht einbringbar wäre. Es ist aber bestimmt nicht gerecht, dass ein Lehrling ab 17 keine Beihilfe bekommt und Studenten bis 25.

derStandard.at: Viele sprechen in Österreich davon, Studiengebühren seien nichts als ein Symbol, welches das eigentliche Finanzierungsproblem nicht lösen würde. Demnach würden Studiengebühren „nur" 115 Millionen Euro bringen, obwohl eine Milliarde nötig wäre.

Pechar: Es hat sich gezeigt, dass schon mit den alten Studiengebühren 300 Millionen Euro eingenommen wurden. Wie hoch die Gebühren sind, ist eine entscheidende Frage und ich glaube schon, dass Studiengebühren einen relevanten Beitrag zur Finanzierung leisten können. Es ist aber völlig richtig, dass sie nicht die öffentliche Hand von ihrer Verantwortung entlasten dürfen, mehr zu investieren. Das eine schließt das andere nicht aus. (derStandard.at, 15.12.2011)

  • Hans Pechar ist Befürworter von Studiengebühren.
    foto: der standard/christian fischer

    Hans Pechar ist Befürworter von Studiengebühren.

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