Vertonung

Briefe, die Geschichte beleben

14. Dezember 2011, 16:03

Schüler vertonen Korrespondenzen jüdischer Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg

Wien - Melancholische Klavierklänge erfüllen den Saal. Doch stand vergangenen Mittwoch nicht die Musik im Mittelpunkt der Veranstaltung im Gymnasium Stubenbastei, sondern das geschriebene Wort. Die Teilnehmer des Wahlpflichtfachs "Centropa" beschäftigten sich mit wiederentdeckten Briefen ehemaliger jüdischer Schüler, die während des Zweiten Weltkriegs vertrieben wurden. Im Rahmen des Festaktes wurde neben einigen der insgesamt 600 Briefe auch eine von den Schülern aufgenommene CD präsentiert, auf der Auszüge aus den Schreiben nachzuhören sind.

Weite, verschlungene Wege

Um die Vertriebenen, die sich im Jahre 1938 am Schwedenplatz das letzte Mal sahen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wurden im ganzen Schulhaus Gedenktafeln angebracht. Anhand dieser lassen sich die Wege der Schüler nachvollziehen, die von Wien bis nach Schanghai oder Chicago führen.

Die Rundbriefe, die zuerst von der Germanistin Jaqueline Vansant von der University of Michigan-Dearborn erforscht wurden, geben einen Einblick in die aufregenden Geschichten der jüdischen Emigranten. Sie erzählen von ihren Sorgen und Problemen mit den Behörden, aber auch von ihrem Alltag. So schreibt etwa Friedrich Urbach: "Wenn man einen Ausflug machen will, muss man zuerst fünfzig bis sechzig Meilen (achtzig Kilometer) weit fahren, dann kann man zwei Stunden in der Ebene hatschen."

Ein anderer eifriger Briefschreiber war Jacob Hermon, dessen Sohn beim Festabend in der Stubenbastei zu Gast war. "Im Talmud steht geschrieben, für drei Dinge muss man beten: einen guten König, ein gutes Jahr und einen guten Traum", eröffnete er seine Ansprache. Er sagte, dass es 1938 keinen guten König gab, es kein gutes Jahr war und sein Vater und dessen Freunde vermutlich keinen guten Traum gehabt hätten. Hermon setzt viel Vertrauen in die Schüler von heute, damit "sich so etwas wie der Holocaust nie wieder wiederholt". Auch der ehemalige Direktor der Stubenbastei, Karl Hecht ,lobt das Projekt. Er selbst organisierte 1986 die Verleihung der Ehrenmatura an sechs ehemalige jüdische Schüler.

Paul Gulda, Sohn Friedrich Guldas, selbst bekannter Pianist und Vorsitzender des Vereins RE.F.U.G.I.U.S., der sich um die Aufarbeitung der NS-Zeit im Burgenland bemüht, war selbst Schüler des GRG 1. In seiner Rede betonte er die Wichtigkeit des Engagements der Schüler: "Ich glaube nicht, dass wir in langweiligen Zeiten leben, die Zustände in Österreich und Europa lassen zu wünschen übrig." (DER STANDARD-Printausgabe, 14. Dezember 2011, datif, bsb)

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