"Die junge Literatur führt ein Schattendasein"

14. Dezember 2011, 16:04
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Literatur von Jugendlichen - nicht zu verwechseln mit Jugendliteratur - findet hierzulande kaum Beachtung

Wien - Auch wenn man es nicht mitbekommt, viele Jugendliche schreiben - von einfachen Gedanken über Kurzgeschichten bis zu ganzen Romanen. Doch verkümmern diese meistens am Computer und finden ihren Weg nicht in die Buchläden. Der Großteil der Verlage bringt schon aus Prinzip keine Bücher von Jugendlichen heraus.

Laut Ernst Seibert, der sich am Institut für Germanistik der Uni Wien mit Neuerer deutscher Literatur beschäftigt, liegt das daran, dass unerfahrene Jungautoren für die Verlage ein Risiko darstellen.

Eine andere Begründung der Verlage liegt in der Behauptung, Jugendliche würden nur Fantasy schreiben. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt etwa die 15-jährige Schülerin Leonore Lewisch. Ihr Roman Schicksalssucht handelt von Drogensucht und wirft die Frage auf, wie damit umzugehen ist.

Der lange Weg zum Verlag

Man sollte aber auch Fantasy-Romane nicht von vornherein als reines Unterhaltungsgenre für Jugendliche abtun. "Die ältesten Geschichten der Menschheit sind fantastische Geschichte, Allegorien auf die Realität oder Märchen, die versuchen, auf einfachem Wege komplexe Dinge zu erklären", so die 23-jährige deutsche Bestsellerautorin Jenny-Mai Nuyen. "Man kann an einem Genre nicht festmachen, ob Bücher gut oder schlecht sind. Leider werden Fantasy-Texte aber meistens so vermarktet, als hätten sie nur Unterhaltungswert", fährt sie fort.

Auch Nuyen hatte, nachdem sie im Alter von dreizehn Jahren ihren ersten Roman verfasste, Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden, der ihre Geschichte drucken wollte. Sie schickte ihr Manuskript an alle Verlage, die sie finden konnte, bekam jedoch nur Absagen. Einige Jahre und mehrere Romane später schaffte sie es schließlich, mithilfe eines Agenten, ihr erstes Buch zu veröffentlichen - es wurde ein Bestseller. Im Nachhinein erkennt Nuyen, dass ihre ersten Geschichten noch nicht wirklich gut waren und sie das Schreiben erst lernen musste. Laut Literaturwissenschafter Seibert lerne man dies am besten durch Lesen. Er meint zudem, dass sich Jugendliche von der Vorstellung lösen müssten, ein Buch zu schreiben und dieses dann sofort zu veröffentlichen. Das sei meistens auch nicht der erfolgreichste Weg.

Ein österreichischer Verlag, der sich auf Jungautoren spezialisiert hat, ist Novum Eco. Dieser publiziert die Manuskripte vieler Jugendlicher, so auch Schicksalssucht von Leonore Lewisch. Sie musste sich jedoch mit einem - besonders für Schüler - hohen Kostenbetrag beteiligen.

Eine weitere Hürde lag in der Korrekturarbeit: "Ein Lektor hätte zusätzlich gekostet. Darum habe ich meinen Roman immer wieder durchgelesen und so selbst korrigiert", erinnert sich Lewisch.

Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem junge Schriftsteller zu kämpfen haben. Als Antwort auf die Behauptung, Junge könnten nicht schreiben, weist Nuyen auf den Unterschied zwischen Büchern für und von Jugendlichen hin: "Erwachsene schreiben Jugendliteratur in dem Bewusstsein, dass die Leser jünger sind und noch nicht so viel von der Welt wissen." Jedoch hätten junge Menschen Erwachsenen genauso viel zu sagen wie umgekehrt.
Richtiger Zugang fehlt

"Die junge Literatur führt ein Schattendasein", sagt Seibert. "In den skandinavischen Ländern oder auch in der Schweiz hat Literatur einen anderen Stellenwert. In Österreich wird zu wenig in Bildung investiert." Hier würde der richtige Zugang zur Literatur weder in der Schule noch auf der Universität vermittelt. Das sollte, meint Seibert, über gute Kinder- und Jugendliteratur erfolgen. Er rät jungen Schreibern, sich mit ihren Geschichten an erfahrene Autoren zu wenden, um so das literarische Netzwerk zu nutzen. Dazu zählen auch Schreibwerkstätten, Literaturwettbewerbe und -zeitschriften. Nuyen rät jungen Schriftstellern außerdem, sich jemanden zu suchen, der sie vertritt: "Ohne Agent kommen heutzutage auch etablierte Autoren, die schon Verträge hatten, meistens nicht klar." (DER STANDARD-Printausgabe, 14. Dezember 2011 Annika Althoff, Tarek Diebäcker)

 

  • "Die ältesten Geschichten sind Märchen, die komplexe Dinge auf einfachem Weg erklären", verteidigt Jenny-Mai Nuyen das Fantasy-Genre, das keinen guten Ruf habe. Die Bestsellerautorin schrieb ihren ersten Roman mit 13.
    foto: fotolia

    "Die ältesten Geschichten sind Märchen, die komplexe Dinge auf einfachem Weg erklären", verteidigt Jenny-Mai Nuyen das Fantasy-Genre, das keinen guten Ruf habe. Die Bestsellerautorin schrieb ihren ersten Roman mit 13.

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