Rücktritt von Generalsekretär Lindner schockt die geschwächte Partei - Rösler-Vertrauter Patrick Döring soll nachfolgen
Christian Lindner, ansonsten einer der Eloquenteren in Berlin, ist an diesem Mittwoch äußerst wortkarg. Seine dürre Rücktrittsmitteilung liest er vom Blatt ab. Es gebe einen Moment, "in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen", sagt der 32-Jährige, der seit zwei Jahren Generalsekretär ist, in der Berliner FDP-Zentrale.
Die meisten Anwesenden schauen ratlos drein, der Rücktritt Lindners kommt völlig überraschend, und seine Erklärung lässt mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ein Grund dürften Spannungen mit Parteichef Philipp Rösler gewesen sein. Lindner, der noch von Röslers Vorgänger Guido Westerwelle als Generalsekretär eingesetzt wurde, wollte die FDPprogrammatisch öffnen, sie nicht bloß auf das Thema Wirtschaft und Steuern reduzieren. Von Rösler soll er sich zu wenig unterstützt gefühlt haben.
Nach einer Serie von Wahlniederlagen in diesem Jahr war Lindners größte Sorge zum Jahresausklang zudem der nun beendete Mitgliederentscheid in der FDP. Diesen hatte der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler initiiert. Er wollte, dass die Mitglieder - im Gegensatz zur Parteispitze - die Ausweitung des Eurorettungsschirms ESM ablehnen.
Das Ergebnis der am Dienstag beendeten Befragung ist offen, es soll erst am Freitag bekannt gegeben werden. Am Wochenende zeichnete sich aber bereits ab, dass die "Eurorebellen" das Quorum nicht erreichen. Rösler bezeichnete den Mitgliederentscheid daraufhin schon vorab als gescheitert - was für erhebliche Unruhe in der FDPsorgte. Lindner musste Rösler verteidigen. Viele sagen, dies habe er mit geballter Faust in der Tasche getan. Aber Lindner musste sich auch vorwerfen lassen, den Entscheid nicht gut organisiert zu haben.
Schatzmeister rückt auf
Rösler jedenfalls bedankt sich am Mittwoch kurz bei Lindner und versichert: "Jetzt werden wir nach vorne schauen." Das Unbehagen ist ihm dabei deutlich anzusehen. Nach einigen Stunden tritt er am Abend noch einmal vor die Presse und hat diesmal den neuen Generalsekretär gleich mitgebracht: Patrick Döring, der bisherige Schatzmeister. Er stammt wie Rösler aus Niedersachsen und gilt als dessen Vertrauter.
Der 38-Jährige ist seit zwanzig Jahren FDP-Mitglied und Röslers Erwartungen an ihn sind klar: "Die Basis wieder mobilisieren." Döring verspricht, "die Kampagnenfähigkeit der Parteizentrale schnellstmöglich wiederherzustellen", dann treten die beiden auch schon wieder ab, Fragen sind, wie schon bei den anderen Auftritten zuvor, auch diesmal nicht zugelassen.
Ganz offen über das Dilemma spricht die liberale Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Lindners Rücktritt sei "ein Schock für die FDP". Der ehemalige Innenminister und Alt-Liberale Gerhart Baum sagt: "Die Partei ist in einer Lebensgefahr wie nie zuvor." Das verlange "radikale Entscheidungen" .
Was Baum damit meint, ist allen klar: Auch der glücklose Rösler soll gehen. Die Opposition höhnt ohnehin schon vom "Bauernopfer Lindner", das Rösler noch ein wenig das Überleben sichere. Und schon schwirren wieder Spekulationen durch Berlin:Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle, einer der "Alten", könnte nach dem Scheitern der Jungen doch noch die gequälte Partei übernehmen, Leutheusser-Schnarrenberger Westerwelle als Außenminister beerben. (DER STANDARD Printausgabe, 15.12.2011)