Islamischer Lagerkampf: Gülen vs. Erdogan

13. Dezember 2011, 21:46
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Der Bruch innerhalb der türkischen Regierungspartei AKP wegen eines betrügerfreundlichen Fußballgesetzes bringt einen alten Gegenspieler des Premiers wieder auf den Plan

Wenn es eine Wahl zum Wort des Jahres in der Türkei gäbe, dann hieße der Gewinner „şike“ (schikke), also „Schiebung“, „ausgemachte Sache“, „Täuschung“. Das wird vor allem dem Präsidenten von Fenerbahce, Aziz Yildirim, und seinem Kompagnon Olgun Peker von Giresunspor, einem Zweitligisten in der türkischen Fußballwelt, zur Last gelegt. Yildirim wiegt nach staatsanwaltlicher Einschätzung derzeit 149 Haftjahre. Der Fener-Chef ist 59; das geht sich also nicht mehr recht aus.

Geld, natürlich

Yildirim und seine Millionärsfreunde vom runden Leder sollen Spielergebnisse in der Süperlig gegen Geld (natürlich) arrangiert, dazu noch bestochen, betrogen und gelogen haben, aber auch gleich eine kriminelle Vereinigung zu diesem Behuf gegründet haben. Insgesamt stehen 93 Funktionäre, Spieler und Schiedsrichter vor der 16. Großen Strafkammer in Istanbul, 23 sind in Untersuchungshaft, darunter auch Yildirim und Peker. Die 400 Seiten lange Anklageschrift von Sonderstaatsanwalt Mehmet Berk ist Anfang des Monats gleich nach der Vorlage angenommen worden. Hier beginnt der zweite Teil der „şike“.

Schiebung, vermutet

Denn das Publikum innerhalb und außerhalb der türkischen Fußballstadien vermutet eine weitere Schiebung, dieses Mal auf der politischen Bühne. In seltener Einmütigkeit und mit geradezu raketenhafter Geschwindigkeit modelten die Regierungspartei AKP und die beiden Oppositionsparteien CHP – die säkular-sozialdemokratische Republikanische Volkspartei – und MHP – die rechtsgerichteten Nationalisten – ein Sportgesetz um, das sie vor acht Monaten erst beschlossen hatten. Dabei senkten sie das Strafmaß bei Betrugsfällen von bisher maximal zwölf Jahren Haft auf nunmehr drei Jahre. Die Abgeordneten des Kurdenbündnisses im Parlament machten nicht mit, und auch Staatspräsident Abdullah Gül fiel der zeitliche Zusammenhang zwischen der Massenanklage in Istanbul gegen die Fußballschickeria und der Gesetzesnovelle auf. Gül unterschrieb das Gesetz nicht und schickte es zum Parlament zurück. Das Ganze hieß dann „şike vetosu“, also das Veto gegen das Schiebungs-Gesetz.

Für die türkische Innenpolitik und in erster Linie für die von Gül mitgegründete Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) war das ein erheblicher Vorgang. Zusammen mit Gül nahmen auch andere AKP-Politiker gegen die von der konservativ-muslimischen Partei initiierte Gesetzesänderung Stellung: Vizepremier Bülent Arinç, die Nummer drei der AKP, Energieminister Taner Yildiz, Handelsminister Hayati Yazici, der AKP-Abgeordnete Şamil Tayyar aus Gaziantep. Der Fraktionsvorsitzende der AKP im Parlament trieb dennoch – auf Anweisung des genesenden Regierungschefs Tayyip Erdogan – vergangenen Samstag eine neuerliche Abstimmung des Gesetzes an, ohne jede Veränderung, die zumindest Gül das Gesicht wahren ließ.

Hakan Şükür hatte keine Zeit

Wie unangenehm den AKP-Politikern der für jedermann sichtbare Dissens ist, ließ sich am Stimmergebnis ablesen: 73 Abgeordnete der Fraktion blieben der Abstimmung vorsichtshalber fern, auch die drei Minister und Şamil Tayyar hatten am Samstag anderes vor, der AKP-Abgeordnete Halil Ürün stimmte als einziger in der Fraktion mit Nein, ein AKP-Abgeordneter aus Trabzon enthielt sich der Stimme. Hakan Şükür, legendärer Stürmer und jüngster Politikereinkauf Erdogans für seine Parlamentariertruppe, ließ wissen, dass auch er gegen die Strafminderung gestimmt hätte, wenn er nur Zeit gehabt hätte.

Seither sind interessante Absetzbewegungen zu erkennen, denn Abdullah Gül gilt als Gefolgsmann des einflussreichen Predigers Fethullah Gülen. Der ist die moralische Neben- oder sogar Überinstanz zu Erdogan. Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes und ein Sprachrohr Gülens, zeigte sich empört und schrieb von „Frustrationen“ in der AKP. Bülent Keneş, Chefredakteur der englischen Ausgabe von Zaman, warnte vor einer Entfremdung zwischen der Partei und ihren Wählern, die sehr wohl verstünden, dass das Gesetz über den Betrug im Fußball „potenzielle Kriminelle“ beschützt. Keneş gab bekannt, dass er niemals wieder die AKP wählen wird (wen auch immer das interessiert), schloss aber mit einer düsteren Voraussage: „Ich habe Bedenken, dass diese Partei – die ich in dem Glauben unterstützte, dass sie versucht, eine saubere und gerechte Partei zu sein, wie es ihr Name angibt – nun zunehmend eine der gewöhnlichen Parteien der korrupten politischen Szene in der Türkei wird.“

Fast wie eine Eloge auf Kardinal Schönborn

Die liberale Aufdecker-Zeitung Taraf wiederum überraschte mit einer eine ganze Seite füllenden Eloge auf Fethullah Gülen aus dem Keyboard der Kolumnistin Ayşe Hür. Sie legte Punkt für Punkt die Ansichten und Eingebungen des Imam dar zum Laizismus, der Kurdenfrage, der Familie, den Aleviten, dem Islam in der Welt ... Es wäre ungefähr so, als ob der Standard an einem beliebigen Montag mit einer Zeitungsseite zu den Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn erschien, welche durchaus fruchtbar und anregend sein mögen, aber in keinem Verhältnis zur redaktionellen Aufgabe einer liberalen Tageszeitung stehen. Radikal, die andere liberale meinungsbildende Tageszeitung der Türkei, wartete wiederum mit einem höchst interessanten Interview mit drei jungen Muslimen auf – den Begründern des Internetforums IHL Sözlük (IHL steht für die islamischen Gymnasien „Imam Hatip Lisesi“) – die über die Spaltung junger Muslime in Gegner und Befürworter der AKP berichten: „Viele junge Muslime fühlen sich unbehaglich, wenn sie politische Macht bekommen. Sie sagen: Wir waren ehrlicher und besser, bevor wir an die Macht kamen. Unsere Bruderschaft war stark, jetzt aber tun wir Dinge, die wir gestern nicht mochten.“

Wie hat man sich das also vorzustellen? Gülen lebt seit Ende der 1990er-Jahre im Exil in Pennsylvania, manche sagen, er sei vor einem Steuerverfahren geflüchtet, andere, er sei nach dem „weichen Putsch“ gegen den islamistischen Premier Necmettin Erbakan 1997 einer vom Militär initiierten Anklage zuvorgekommen. Ruft eine graue Eminenz von Gülen beim Taraf- Herausgeber Ahmet Altan an? Weiß der Chefredakteur von Radikal, Eyüp Can, ohnehin schon, was von ihm erwartet wird? Kritik aus dem islamischen Lager an Erdogan, die – abgesehen von der türkischen Ausgabe von Zaman – in sehr kleinen Zeitungen lanciert wird (Radikal und Taraf haben Auflagen zwischen 20.000 und 30.000 Stück, die englischsprachige Zaman angeblich um die 6.000) ersetzt schwerlich eine politische Auseinandersetzung innerhalb der AKP. Bülent Keneş' Prognose scheint wichtiger: Die Selbst-Kompromittierung der AKP durch die Kumpanei mit den angeklagten mutmaßlichen Fußballbetrügern – man könnte an anderer Stelle auch Baukonzerne oder die Ausschreibung von Kraftwerksprojekten nennen – verstört einen Teil der konservativ-islamischen Wählerschaft. Gülen ist ihr Sprachrohr wie ihre Leitfigur.

  • Cover der Satirezeitung Leman: "Nimm den Hodscha und geh!", fährt Regierungschef Erdogan seinen Parteifreund, den Staatspräsidenten Gül an. Der gilt als Gefolgsmann des "Hodscha", des einflussreichen Predigers Fethullah Gülen. Erdogan ist mit diesen Worten berühmt geworden. In Mersin, im Südwesten der Türkei, herrschte er einmal einen Bauern an, der sich beklagte – "Nimm deine Mutter und geh nach Hause!"
    foto: scan

    Cover der Satirezeitung Leman: "Nimm den Hodscha und geh!", fährt Regierungschef Erdogan seinen Parteifreund, den Staatspräsidenten Gül an. Der gilt als Gefolgsmann des "Hodscha", des einflussreichen Predigers Fethullah Gülen. Erdogan ist mit diesen Worten berühmt geworden. In Mersin, im Südwesten der Türkei, herrschte er einmal einen Bauern an, der sich beklagte – "Nimm deine Mutter und geh nach Hause!"

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