Wissenschafter des Naturhistorischen Museums Wien wiesen auf 20 Millionen Jahre alten fossilen Überresten von Seepocken Abdrücke von Schildkrötenpanzer nach
Wien - Seepocken sind eine Krebsart, die jeder Mittelmeerurlauber
kennt. Uferfelsen und Muscheln sind von kleinen Kegeln übersät. Schon als
Larven verankern sich die Tiere fix auf ihrem Platz und filtern das Wasser nach
Nahrung. Manche Seepocken-Arten setzen sich auch auf der Haut von Walen oder dem
Panzer von Meeresschildkröten fest. Im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) haben
Wissenschafter nun auf einem Fossil die älteste bisher bekannte Seepockenkolonie
auf einem Schildkrötenpanzer entdeckt und damit nachgewiesen, dass die Tiere
schon vor 20 Millionen Jahren die Weltmeere als blinde Passagiere durchpflügten.
Die Vorfahren der Seepocken entstanden bereits vor mehr als 500 Millionen
Jahren, jene der Schildkröten vor über 200 Millionen Jahren. Ab wann die Krebse
die Schildkröten als Transportmittel nutzten war bisher unbekannt. Den ältesten
Nachweis dieser Verbindung haben nun Mathias Harzhauser, Leiter der
Geologisch-Paläontologischen Abteilung am NHM, und Seepockenspezialisten des
Scripps-Institute of Oceanography in Kalifornien (USA) gefunden und ihre
Ergebnisse im Fachblatt "Journal of Systematic Palaeontology" veröffentlicht.
Unscheinbares Fossil
Entdeckt wurde die tierische Verbindung auf einem unscheinbaren Fossil, das
sich seit mehr als 20 Jahren in der Sammlung des NHM befindet. Geborgen wurde es
damals bei einer Notbergung bei Pucking (Bezirk Linz-Land, OÖ) und war "zunächst
nur Beifang zu einem spektakulären Fund, dem größten je entdeckten fossilen
Mondfisch", wie Harzhauser erklärte.
In ganz anderem Zusammenhang ist der Wissenschafter wieder auf die nur rund
zehn Zentimeter große Gesteinsplatte gestoßen. Auf dieser finden sich die
fossilen Überreste von sechs Seepocken, die vor über 20 Millionen Jahren auf den
schlammigen Boden des Paratethys-Meeres sanken. Zu dieser Zeit erstreckte sich
quer durch das heutige Alpenvorland ein tiefes Ozeanbecken. Den Wissenschaftern
gelang es in detektivischer Arbeit, die Unterseite der Tiere frei zu
präparieren. "Abdrücke zeigen dort eindeutig, dass die kleine Seepocken-Kolonie
einst auf dem Panzer einer Meeresschildkröte aufsaß", so Harzhauser, "definitiv
der älteste Hinweis" auf diese tierische Verbindung.
Viel früher dürften die Seepocken noch nicht huckepack auf große Fahrt
gegangen sein. Denn Verwandte der nun beschriebenen Seepocken, die rund 50
Millionen Jahre alt sind, "schauen deutlich anders aus", erklärte der
Wissenschafter. (APA, red)