Klischees im Klassenzimmer

  • Schüler diskutieren die Inhalte ihrer Bücher: Sie gehen oft an der Lebensrealität der Kinder vorbei.
    foto: christan würth

    Schüler diskutieren die Inhalte ihrer Bücher: Sie gehen oft an der Lebensrealität der Kinder vorbei.

Von "Rasse" und "Buschmännern": Schüler hinterfragen, wie Migranten in Schulbüchern dargestellt werden

"Flüchtlingsströme", eine "Flut", die in die "Festung Europa" drängt: Wenn Schulbücher Migration aus südlichen Ländern vermitteln, wird gern auf ein Vokabular zurückgegriffen, das an Naturkatastrophen erinnert. Geht es jedoch um Menschen, die aus Ländern kommen, die innerhalb der (heutigen) EU-Grenzen liegen, ist schlicht von "freiem Personenverkehr" die Rede.

"Was in den Schulbüchern steht, hat oft wenig mit der Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler zu tun", sagt Heidi Weinhäupl über die ersten Eindrücke aus dem Forschungsprojekt "Migration(en) im Schulbuch". Die Jugendlichen und ihre Perspektiven auf Migration stehen im Mittelpunkt des Projekts, das im Rahmen des Programms Sparkling Science vom Wissenschaftsministerium gefördert wird.

Unter der Leitung von Christiane Hintermann veranstalten Weinhäupl und Christa Markom vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit jeweils drei Workshops in sechs Wiener und Salzburger Schulen. Insgesamt 162 Schülerinnen und Schüler aus acht Klassen (KMS, AHS, HTL und HAK) analysieren und diskutieren gemeinsam mit den Wissenschafterinnen, wie Menschen mit Migrationshintergrund in ihren Schulbüchern dargestellt werden. Dabei werden nicht nur Geografie- und Geschichtebücher durchforstet, sondern auch Unterrichtsmaterial zu Religion, Musik, Biologie, Psychologie, Englisch oder Wirtschaftskunde betrachtet.

"In einem Biologiebuch wird noch immer der 'Rasse'-Begriff verwendet", schildert Markom ein Beispiel. "Bei den Workshops hat sich dann gezeigt, dass auch die meisten Schüler davon überzeugt waren, dass es Menschenrassen gibt." Auch "Volk", "Schwarzafrika", "Buschmänner", "Indianer" und "Eskimo" sind nach wie vor gängig - wenn auch oft mit kritischen Erklärungen versehen, wie die Kultur- und Sozialanthropologinnen betonen.

Angstbesetzte Sprache

Ebenso finden sich in vielen Schulbüchern Verallgemeinerungen, besonders wenn es um Menschen vom afrikanischen Kontinent geht. Es wird kaum zwischen verschiedenen Ländern differenziert und meist ein Bezug zu den Themen Armut, Aids und Krieg hergestellt. "Es gibt die Tendenz, dass Migration nach Österreich mit Problemen in Verbindung gebracht wird", fasst Weinhäupl zusammen. "Auch wenn Migranten positiv dargestellt werden, herrscht oft eine angstbesetzte Sprache vor."

Stereotype manifestieren sich insbesondere auf der Bildebene: Die Frau mit Kopftuch und Kinderwagen gehöre zu den typischen Illustrationen von Migranten. Die Schüler seien in den Workshops auch oft überrascht, dass es mehr deutsche als türkische Einwanderer gibt. Die Jugendlichen würden jedenfalls teilweise eine regelrechte "Reflexionswut" an den Tag legen, berichten die Forscherinnen.

Dabei schlüpfen die 11- bis 19-Jährigen in Rollen, erarbeiten Migrations-Zeitleisten und debattieren konkrete Beispiele aus den Schulbüchern. "Auf lange Sicht ist die Darstellung von Migration vielfältiger geworden, positivere Blickwinkel sind eingeflossen", sagt Projektleiterin Christiane Hintermann, die seit Jahren zum Thema arbeitet. "Trotzdem gehen viele Bücher an der Lebensrealität der Schüler vorbei."

An die Mehrsprachigkeit vieler Kinder werde etwa zu wenig angeknüpft. "Ein Schüler hat gesagt: Ich denke auf Tschetschenisch, rechne auf Russisch, spreche mit meinen Eltern Deutsch und mit meiner Schwester Englisch", erzählt Markom. "Das müsste in den Klassen eine größere Rolle spielen." In dem zweijährigen Projekt, das noch bis Frühjahr 2013 läuft, sollen kritische Diskursanalysen der Schulbücher genauso wie die Ergebnisse aus den Workshops sowie die Sicht der Lehrenden erfasst werden. Ziel ist es schließlich, den Schulen didaktisches Material zur Verfügung zu stellen, das hilft, verhärtete Klischees aufzubrechen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2011)

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21 Postings
i bin immer voll happy

wenn im elternverein stundenlang über gendern, and and and parliert wird
aber keiner der wortführerInnen den h... hochkriegt wenn es darum geht lehrerInnen im unterricht zu unterstützen oder die kinder mit anderen umgangssprachen als deutsch mal zum üben nachhaus einzuladen-
am treffensten argumentieren zumeist eltern deren kinder die eine american oder ähnlich exclusive privatschule besuchen

Das eigentlich traurige an diesem Unsinn ist ja, dass ein Begriff wie Rasse, Volk etc. auf ein Wort reduziert wird, das dann böse ist. "Rasse" ist ein negativ besetzer Begriff, den man also nicht verwenden sollte, weil? Die Lehrer den vollen Umfang, die ganzen Fachgebieten die dieses Wort einschließt, den Schülern nicht näher bringen können?

Man müsste wirklich dafür Sorgen, dass umfassende Bildung in diesem Land einen höheren Stellenwert beigemessen bekommt, damit diese Auswüchse ein Ende finden. Lebensrealität lässt sich nicht mit Büchern vermitteln, aber Begriffe ändern, oder ein Wort zu verteufeln, weil man es nicht besser weiß, kann der Sinn der Sache nicht sein.

was ist am ra**e-begriff so schlimm?

biologie verwendet ihn ohne probleme

und in der medizin hatte er in den 90ern ein revival und wird mit entwicklung von genanalysen und der individuellen medizin inzwischen immer wichtiger.

zu leugnen dass es beim menschen ra**en gibt kann logisch nur auf einen primitiven psychischen abwehrmechanismus zurück geführt werden.

beim Menschen kann von klar voneinander abgrenzbaren Rassen keine Rede sein,

weshalb der biologische Rassenbegriff einfach falsch ist.

Trotzdem hat er in der Medizin eine gewisse Berechtigung, da es bei verschiedenen Gruppen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestimmter Muster gibt.

Bei einer individuellen Genanalyse für eine individuelle Medizin ist der Rassenbegriff aber obsolet, da hier nur die individuelle Kostellation zählt und nicht mehr der auf Grund einer Rasse zu vermutende Normaltypus.

Möglicherweise ist Ihr Abwehrmechanismus gegen die Abkehr vom Rassenbegriff selber primitiv?

"beim Menschen kann von klar voneinander abgrenzbaren Rassen keine Rede sein,
weshalb der biologische Rassenbegriff einfach falsch ist."

"Trotzdem hat er in der Medizin eine gewisse Berechtigung, da es bei verschiedenen Gruppen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestimmter Muster gibt."

Also was jetzt? Gibt es nun so etwas wie "Ra**en" oder nicht? Etwas nicht Existentes kann auch in der Medizin keine Bedeutung haben.

Ich denke, der einzige Grund für dieses offensichtlich schizophrene Haltung zum Ra**e-Begriff ist einfach der, dass man sich in der Medizin - anders als in der Anthropologie - das Festklammern an ideologische Dogmen nicht leisten kann.

ein Beispiel aus der Physik:

dort wird in manchen Berechnungen die Erde als homogene Kugel angesehen - obwohl jeder Physiker weiß, dass das Unsinn ist.
Genauso läuft das mit Rasse und Medizin.

Rassen sind natürlich existent (so wie Kugeln existieren). Es ist nur so, dass sich verschiedene Menschengruppen nicht sinnvoll als Rassen definieren lassen (so wie sich die Erde nicht sinnvoll als homogene Kugel definieren lässt).

Es gibt einen winzigen Zweig der Medizin der sich mit "rassischen" Unterschieden beschäftigt - von "die Medizin" kann da keine Rede sein.
Die Medizin beschäftigt sich ja kaum mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern oder zwischen den verschiedenen Altersklassen, umso weniger mit den Unterschieden verschiedener Herkünfte.

"zu leugnen dass es beim menschen ra**en gibt kann logisch nur auf einen primitiven psychischen abwehrmechanismus zurück geführt werden."

Ich denke, dass hat einfach damit zu tun, dass in den Humanwissenschaften seit den 60er-Jahren bestimmte ideologische Strömungen dominierend geworden sind, und sich etwas gebildet hat, was Jonathan Haidt eine "moral tribal community" nennt:

http://people.virginia.edu/~jdh6n/po... tisan.html

"Auch "Volk", "Schwarzafrika", "Buschmänner", "Indianer" und "Eskimo" sind nach wie vor gängig"

Was für ein lächerlicher PC-Wahn.

Welche Formulierung soll denn statt "Eskimo" verwendet werden? "Angehöriger eines arktischen Volkes im nördlichen Polargebiet"? Ist vielleicht ein bisserl umständlich, außerdem kommt da ja wieder das Wort "Volk" vor, das neuerdings scheinbar ebenfalls zum Unwort erklärt worden ist. Da hilft es dem Volk wohl auch nicht, dass es in Art 1 unserer Verfassung steht.

Und wenn nun sogar der Begriff "Schwarzafrika" pfui gack ist, heißt das dann, dass man auch die dunkelhäutigen Menschen, die von dort stammen, nicht mehr als Schwarzafrikaner bezeichnen darf?

Die euphemistische Tretemühle dreht sich inzwischen so schnell, dass da eigentlich kaum noch jemand mitkommen kann - schon gar nicht die Schulbuchverlage.

Schon mal was vom Wort "Inuit" gehört?

stark pigmentierte menschen ;-)

das mit den pc-wörtern geht mir auch am keks - als wenn sich etwas ändern würde, wenn man ein neues genehmeres wort verwendet.

man darf ja auch nicht mehr verhaltensauffällig sagen - das klingt zu negativ: verhaltenskreativ.

einfach lächerlich.

wie wär es mit Inuit für Eskimo?

Die Inuit sind nur eine von mehreren Volksgruppen, die vom Sammelbegriff Eskimo umfasst werden.

und können Sie mir auch erklären wozu das gut sein soll?

Inuit ist übrigens auch nicht politisch korrekt - es müsste heißen "Inuit, Yupik und Aleuten".

Wobei Sie als politisch korrekter Mensch schon einen schweren Fehler begehen wenn Sie "ein Inuit" oder "zwei Inuit" sagen - das ist nämlich eine ungeheure Missachtung der indigenen Grammatik.

Wollen Sie sich das alles wirklich antun?

was an Buschmännern, Eskimo, Volk oder Schwarzafrika so übel sein soll

kann ich nicht nachvollziehen.

Ist es ein Problem Ethnien nicht nach ihrer Eigenbezeichnung zu benennen? Warum protestieren dann weder Finnen noch Iren, weder Griechen noch Ungarn?

Statt Begriffe in rein und unrein einzuteilen sollte man den Schülern besser beibringen, dass mit Begriffen vorsichtig umgegangen werden muss, da sie mit den verschiedensten Problemen beladen sein können, dass es den sauberen Begriff aber nicht gibt.
Menschen denken nun einmal nicht sauber.

also, dass Schwarzafrika eine Eigenbezeichnung ist, müssen sie auch zuerst mal nachweisen
(hallo: schon mal was von Kolonialgeschichte gehört)

für Sie wiederhole ich es gerne:

"Ist es ein Problem, wenn wir bei Schwarzafrika, Buschmännern oder Eskimos nicht die Eigenbezeichnung verwenden? Bei Griechen, Finnen und Ungarn tun wir das doch auch nicht!"

Alles klar jetzt?

ah, ok hab ich nicht ganz richtig gelesen
und ja, es ist ein Problem, aber ob ihnen das jemals klar zu machen sein wird...

doch, doch, das Problem ist ja völlig klar!

Ich leide auch wie ein Hund darunter, dass die Tschechen mich als "Rakusan" bezeichnen und meine Sprache diffamieren als "nemecky"- also "Stummerlsprache".
Das ist eine Ungeheuerlichkeit und macht mich ganz krank!

Auweh, ein hochpolitisches Thema!

Wer denn diese Schulbücher eigentlich für welche Verlage verfasst. Und welche Parteien dann entscheiden, dass man mit diesen Büchern dann die Jugend "belehren" soll.

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