Staatsschulden

Schuldenbremse führt ins Desaster

Kommentar der anderen | 13. Dezember 2011, 19:11

Wenn der Staat seine Ausgaben kürzt, gehen auch seine Einnahmen zurück - Von Erhard Götzl

Ja, die hohen Staatsschulden müssen rasch abgebaut werden, weil unser Wirtschaftssystem immer rascher auf einen Zusammenbruch zusteuert. Wir dürfen aber doch um Himmels Willen nicht den Fehler der 1930er-Jahre in Deutschland wiederholen und glauben, dass man Schulden durch gesamtwirtschaftliches Sparen zurückzahlen kann. Das führt geradewegs in die Katastrophe. Frau Fekter und Frau Merkel müssen endlich begreifen, dass die Volkswirtschaft insgesamt weder wie der Privathaushalt von Frau Merkel noch wie die Schottergrube von Frau Fekter funktionieren. Eine Ausgabenreduzierung kann nämlich, allgemein gesagt, nur dann zu einer Schuldenreduzierung führen, wenn dabei die Einnahmen gleich bleiben. Und genau das gilt eben für eine Volkswirtschaft nicht, denn dort sind die gesamten Einnahmen immer gleich hoch wie die gesamten Ausgaben. Oder, um es mit Prof. Flassbeck auf den Punkt zu bringen: Wenn der Staat seine Ausgaben kürzt, gehen auch seine Einnahmen zurück.

Fatalerweise zielt die gängige öffentliche und politische Meinung zur gegenwärtigen Krise auf drei gegenläufige Grundannahmen: Die gegenwärtige Krise ist eine Staatsschuldenkrise; "Schuldenbremsen" sind das geeignete Mittel zur Beherrschung der Krise; der Euro ist nicht in Gefahr. - Um so erfreulicher zu lesen, was Flassbeck dieser verhängnisvollen Position mit wohlbegründeten Argumenten entgegenhält:

1. Das Wesen einer Währungsunion besteht darin, dass alle Teilnehmer die gleiche Inflationsrate haben müssen, weil sie nicht mehr die Möglichkeit zu selbstständiger Geldpolitik haben.

2. Die Ursache der gegenwärtigen Krise sind die unterschiedlichen Inflationsraten in den Euroländern. Die EZB hat zwar das Inflationsziel von zwei Prozent im Mittel erfolgreich erreicht, aber einerseits haben die Südstaaten eine durchschnittliche Inflationsrate von etwa drei, Deutschland dagegen nur etwa ein Prozent.

3. Ohne die Möglichkeit einer eigenständigen Geldpolitik kann diese Differenz nur über die Lohnpolitik und nicht über öffentliche Ausgaben beeinflusst werden, weil die öffentliche Güternachfrage im Vergleich zu den Lohneinkommen und damit der privaten Güternachfrage nur einen verschwindenden Anteil darstellt.

4. Daher kann die Krise nicht über Schuldenbremsen, sondern nur über eine koordinierte europäische Lohnpolitik gelöst werden, d. h. plakativ gesagt: stark steigende Löhne in Deutschland und nur schwach steigende Löhne in Südeuropa. Will man die Anpassung auf diese Weise rasch ermöglichen, wäre sogar eine Erhöhung des europäischen Inflationszieles auf drei Prozent sinnvoll.

5. Die gegenwärtige Krise ist eine Krise des Euro, weil die Politik das Wesen einer Währungsunion nicht verstanden hat und daher Maßnahmen setzt, die die Krise verschärfen werden und den Euro zum Zerfallen bringen werden.

Ich kenne kein fundiertes ökonomisches Argument gegen diese Analyse. Daher gibt es zur Bewältigung der akuten europäischen Krise als wichtigste Maßnahme zur Wiederangleichung der Inflationsraten m. E. nur: eine an der Produktivität orientierte Lohnpolitik in der EU. Und diese produktivitätsorientierte Lohnpolitik muss analog zu den Maastrichtkriterien in der EU verbindlich durch Verträge geregelt werden.

Wir, die Österreicher und vor allem auch die Deutschen, haben Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den anderen EU-Ländern. Wir und die Deutschen haben also in Summe mehr produziert, als wir konsumiert und investiert haben. Wir haben also nicht über, sondern unter unseren Verhältnissen gelebt. Die Währungsunion kann aber nur dann stabil sein, wenn alle genau ihren Verhältnissen entsprechend leben. Primär nicht aus Gerechtigkeitsgründen, sondern um die Stabilität der EU zu sichern, sind in Österreich und Deutschland höhere Lohnabschlüsse zwingend nötig. Andernfalls ist ein europäisches Desaster vorgezeichnet. (Erhard Glötzl, DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2011)

ERHARD GLÖTZL ist Vorstandsdirektor der Linz AG i. R. und Lektor für Finanzwirtschaft an der Dona-Uni Krems.

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kleinerpinguin
01
17.12.2011, 16:22
Ablenkung

Selbst wenn alles im Kommentar in dieser Form stimmen würde, ist das noch lange kein Grund:

*) 8 Mrd aus dem allgemeinen Budget in die Pensionskassen zu stecken, um diverse Zuckerl und Privilegien zu finanzieren;
*) eine Verwaltungsreform (Einsparung bis zu 2,5 Mrd) weiter aufzuschieben;
*) das Gesundheitssystem durch Kompetenzenwirrwarr weiterhin zu verteuern;
*) alle Steckenpferde der Landeshauptleute mit Subventionen zu überschütten;
*) Großgrundbesitzer Agrarförderung zu geben;
*) wahrscheinlich 5 Mrd für einen Tunnel zu bezahlen, der nur die Hälfte Wert ist;
*) sehr hohe Ausgaben im Pflichtschulbereich bei schlechten Ergebnisse;

Dazu kommen noch Parteienförderungen, der Bundesrat und vieles mehr.

wien 1220
 
10
17.12.2011, 17:59

Eine Verwaltungsreform spart allerdings erst dann Euro ein, wenn Sie die entsprechende Zahl an Beamten entlassen, die dann allerdings kein Einkommen mehr haben und daher auch nichts konsumieren können. So sie andere AN an anderen Arbeitsplätzen verdrängen, ändert das in Summe nichts.

kleinerpinguin
01
17.12.2011, 18:29

1.) Vom Konsum fließt aber ein Teil wieder an den Staat, insgesamt kommt es zu Einsparungen.
2.) Im Gegensatz zu Bürokratien sind die Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft keine Konstante. Solange es profitabel ist, werden zusätzliche Leute angestellt.
(=> Die Wirtschaft wächst, es wird mehr produziert.)
D.h. qualifizierte Personen werden immer einen Arbeitsplatz finden, Hauptschulabrecher haben es beim österreichischen Lohnniveau schwer.
3.) Der volkswirtschaftliche Schaden durch Bürokratie wird reduziert.

wien 1220
 
00
17.12.2011, 18:51

Übrigens noch eine einfache Rechnung: Um 2,5 Mrd jährlich einzusparen, müssen ca. 50000 Beamte entlassen werden.

wien 1220
 
00
17.12.2011, 18:45

Es werden weniger Leute angestellt, als Arbeitsplätze benötigt werden, sonst würde die Arbeitslosenquote sinken. Das gilt umso mehr für die Privatwirtschaft. Gerade am Arbeitsmarkt herrscht ein veritabler Verdrängungswettbewerb.

Eine Lohnhöhe, die mit der 3. Welt konkurrieren kann, muss zwangsläufig zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führen. Die Folgen wären z.B. Slums rund um die großen Städte mit all ihren Konsequenzen.

Aber immerhin scheinen Sie mir zuzustimmen, dass "Verwaltungsreform" in vielen Diskussionen als Synonym für Massenentlassungen zu verstehen ist.

Frodo Der Hobbit
00
17.12.2011, 04:21

die regierung handelt ja so, auch aufgrund von ausländischem druck...

Gossert
11
15.12.2011, 17:34
So leid es mir tut

So eine verdrehte Argumentation.

Es stimmt zwar, dass die Länder mit dem Euro quasi eine Fremdwährung haben und sich so über die Inflation nicht mehr entschulden können.

* Eine Entschuldung ist aber nur dann notwendig wenn man zuviel Geld ausgegeben hat und zuwenig investierte

Und es stimmt auch, dass Deutschland mehr in den Euroraum exportiert als importiert wodurch ein Ungleichgewicht entsteht.

* Dabei sollte aber für die anderen Euroländer Deutschland als Vorbild dienen und nicht umgekehrt. Ansonsten bewegen wir gegenüber dem Rest der Welt zurück.

Was die Löhne betrifft, haben wir ohnehin schon wegen der Globalisierung das Problem, dass Konzerne in Länder wie China oder Indien abwandern.

Die Chance ist eine mächtige EZB!

Gossert
21
15.12.2011, 17:43
PS:

"Erhard Glötzl ist Vorstandsdirektor der Linz AG" heißt übersetzt Glötzl ist ein OÖ. Sozi, der fleißig politische Artikel schreibt.

Denn sonst hätten ihn seine Genossen nie und nimmer zum Vorstandsdirektor gemacht.

Ich denke das sagt dann auch alles zu dieser merkwürdigen Argumentationslinie.

jacques05
10
14.12.2011, 19:14
ja, den kommentar kann man zustimmen...

nur vergißt der autor, dass es ja gerade der sinn und der zweck ist, den staat völlig handlungsunfähig, oder besser völlig abhängig von den kapitalisten zu machen.
und somit selbst die derzeitige "quasi demokratie" gänzlich aus zu schalten.
weiters vergißt der autor, wenn der staat die finanzhoheit abgibt, also die nationalbanken praktisch
privatisiert, es zuläßt, dass auf alles mögliche spekuliert werden kann, sogar auf die pleite eines staates, wenn sich dieser staat, oder eben die eu durch außenhandels abhängigkeiten von irgendwelchen gekauften lemuren erpressen läßt, dann ist das ned amal kapitalismus, dann ist das die organisierte kriminalität wider der demokratie, dem rechtsstaat und jeder moral.
das system ist kriminell.

politisch verfolgt
25
14.12.2011, 18:17
in einer schulklasse

soll es erreicht werden, daß alle einen 3er schreiben. im durchscnitt ist das bereits erreicht, aber leider schreibt schüler deutschland lauter einser, während die schüler aus den südländern lauter 5er schreiben. lösung laut herrn glötzl und anderen: der schüler deutschland muß schlechter werden. wenn auch er lauter 5er schreibt, ist die klasse endlich homogen. das ziel, die klasse auf 3 zu bringen, wurde dann zwar nicht erreicht, aber wurscht. hauptsache, alle gleich.

Helmut Hromadnik21
 
00
14.12.2011, 17:52
Ich finde die argumente von herrn glötzl schlüssig.

Zaphod Beeblebrox III
00
16.12.2011, 10:27
Stimmt...

Schlüssig in sich ist auch die Argumentation von Herrn HC Strache, oder die von Herrn Vladimir Putin.

Eine in sich schlüssige Argumentation zeigt nur, dass der Argumentierende nur diejenigen Argumente zulässt, die in sich schlüssig sind, und andere ablehnt...

Helmut Hromadnik21
 
00
14.12.2011, 17:59
Ich finde die argumente von herrn glötzl schlüssig.

Wenn dies stimmt, was herr götzl sagt, DANN TUT UNSERE REGIERUNG GENAU DAS FALSCHE !

Wundern würde mich das nicht, denn politiker machen so lange karriere, bis sie in einer position landen, für die sie unqualifiziert sind.

Helmut Hromadnik21
 
00
14.12.2011, 17:51
Schuldenkrise :

WER sind jene, denen der staat schuldet ?

Wer geld verleiht trägt auch das risiko, dass er es nicht mehr zurück bekommt, es sei denn er hat sich durch sachwerte oder immobilien abgesichert.

Wenn ich auf die bank gehe und sage ich will eine million euro, wird man mir sagen, was haben sie als gegenwert zu bieten ? Eine villa dieses wertes, oder ein gemälde vom michelangelo.

Wenn ich sage, ich verdiene 1200€ im monat und habe eine mietwohnung, wird man mich OHNE die million wegschicken.

Kann jemand kompetenter die fragen beantworten ?

</ lustig>
00
14.12.2011, 18:02
Pensions- und Anlagefonds.

Wollen Sie diese enteignen?

Helmut Hromadnik21
 
00
14.12.2011, 19:56
Und sonst niemand ???

Hauptschüler
00
14.12.2011, 20:14
Wer sind jene ???

Der name jener steht auf den etiketten oder

klebern deiner konsumgüter !!!

Reinsh
00
14.12.2011, 17:45
Entwicklung der Staatsschulden in % des BIP

Für alle die immer noch Glauben die Staatsschulden sind explodiert weil wir über unsere Verhältnisse gelebt haben:

Schuldenstand des Staates in % des BIP (1995 bis 2010) :

Österreich 68,3(1995) 68,3 64,4 64,8 67,3 66,5 67,3 66,7 65,8 65,2 64,6 62,8 60,2 63,8 69,5 71,8(2010)

Euroraum 72,1(1995) 73,8 73,3 72,9 71,7 69,2 68,2 68,0 69,1 69,5 70,1 68,5 66,4 70,2 79,9 85,5(2010)

Die Staatsverschuldung ist also in Ö und der Eurozone bis zur Krise gesunken und hat dann um 10 bzw 20 Prozentpunkte zugenommen!

</ lustig>
00
14.12.2011, 18:07
Sie sind Wiederholungstäter.

Schon einmal etwas von Deficit Spending gehört?

Der Staat hat in der Krise massiv die Konjunktur gestützt, damit die Unternehmen nicht Leute entlassen. Kurzfristig billiger, als ein Arbeitslosenheer zu unterhalten.

Die Bankenhilfspakete haben etwa um die 3 Prozentpunkte gekostet. Bedenken Sie aber, dass das meiste zurückgezahlt wurde und ebendiese Banken erheblich zum Steueraufkommen beigetragen haben.

</ lustig>
00
14.12.2011, 16:34
Niedrige Löhne und wenig Regulierung

führen zu hoher Beschäftigung.

Hohe Löhne und viel Regulierung führen zu hoher Arbeitlosigkeit.

Also: Lohnniveau, Regulierung und Jobs stehen in einem Gleichgewicht. Das sollte man einfach als Wahrheit akzeptieren.

Jetzt die Preisfrage:

Wo drückt der Schuh am meisten?

.) Arbeitslosenrate
.) Niedriglohnsektor

Danach sollte die Regulierung ausgerichtet werden.

Und dass jetzt bitte kein Schlaumeier kommt und höhere Löhne bei weniger Arbeitslosen verlangt.

Hans Hosendonner<<3
01
14.12.2011, 17:49

das wusste bereits henry ford besser als sie:

wie sollen denn die unternehmen ihre produkte verkaufen wenn die angestellten niedrige löhne haben, die nicht einmal für das notwendigste reichen?

und was haben die leute von einer arbeit wenn sie zu wenig loh dafür bekommen? was soll dabei der nutzen für die gesellschaft sein?

von alleine reguliert der "markt" da leider nicht die dinge zum besten

</ lustig>
11
14.12.2011, 17:59
Henry Ford's Arbeiter

haben auch nicht die Kohle abgegriffen und sich 4 Wochen All-Inclusive in die Dom.Rep. verdrückt. Oder sich ein Auto aus Japan zugelegt. Oder den Flatscreen aus Korea. Oder den Computer aus Taiwan. Oder...

In einer exportorientierten Wirtschaft spielt der Binnenmarkt nur eine untergeordnete Rolle.

Die Löhne in Österreich sind zu hoch. Solange das so bleibt, wird auch fest aus Asien importiert und bei uns krepiert eine Industrie nach der anderen.

Helmut Hromadnik21
 
00
14.12.2011, 20:05
.........."Die Löhne in Österreich sind zu hoch. Solange das so bleibt, wird auch fest aus Asien importiert und bei uns krepiert eine Industrie nach der anderen."...........

Dagegen gäbe es eine einfache lösung:

FREIHANDEL NUR mit staaten mit etwa gleichem sozialen standard und umweltauflagen.

Doch das wäre einigen profiteuren des EU-systems gar nicht recht.

Wir brauchen ja die EU unbedingt, damit die reichen nicht verarmen !

</ lustig>
01
14.12.2011, 23:37
Sehr schlau.

Schutzzoll 100% auf Unterhaltungselektronik aus Asien.
Freut sich der Konsument?

Ah, Sie meinen lokale Produktion? Die wäre aber gleich teuer.

Nur: der Parksheriff oder die Friseuse verdienen deswegen auch nicht mehr...

Vom freien Handel profitiert vor allem der Konsument.
Ohne Asien würde es Flatscreen für alle nicht spielen...

Reinsh
00
14.12.2011, 17:36
Höhere Löhne führen zu MEHR Beschäftigung und MEHR Staatseinnahmen

dies gilt insbesondere für den Niedriglohnbereich, weil dort der weitaus überwiegende Teil des Lohneinkommens direkt in den Konsum fließt.
Die Nachfrage steigt also, damit die Produktion usw.

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