Düringer und die Wutrede: Da hat etwas eingeschlagen
Wonach klingt das? "Wir sind all jene Systemtrottel, die es schön langsam
satt haben, im Hamsterrad zu laufen und all jenen, die vom System fest
profitieren, den Deppen zu machen."
Oder: "Wir sind wütend, ziemlich wütend, weil diese Politmarionetten offenbar
ihre Aufgabe vergessen haben, nämlich uns, der Gemeinschaft zu dienen und nicht
gemeinsam mit Banken und den Konzernen über das Volk zu herrschen".
Leserbrief in der Krone? Jungsozialisten? Oder H.-C. Strache? Könnte
all das sein.
Der Text stammt aus dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger"
(Ecowin-Verlag) der Autoren Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan. Der
erste ist nach Selbstbeschreibung "Philosoph und realistischer Idealist", der
zweite "Wirtschaftsphilosoph". Ihr Buch erhielt jetzt einen gewaltigen
Aufmerksamkeitsschub, nachdem Roland Düringer sozusagen als Abgesang der
Donnerstag Nacht im ORF Passagen (darunter auch die beiden Zitate oben)
aufsagte. Das ging wie ein Tsunami durch die Social Media und ein
Standard-Interview mit Düringer dazu verzeichnet sehr hohe Zugriffs-und
Postingraten.
Da hat etwas eingeschlagen. "Das System ist am Ende", sagt Düringer. "Wir
alle bewegen tagtäglich die Rädchen im System ... wir spüren die unerklärliche
Unzufriedenheit, die anschwellende Wut", sagen die Autoren. Und: "Bleiben Sie
kein konsumgelenkter 'Systemtrottel', holen Sie sich ihr Leben zurück!"
Ja, gut, aber wie jetzt genau? Die Autoren haben mit Strache und "rechten
Primitiv- Lösungen" nichts am Hut, das ist einmal wichtig. Sie sind auch keine
altlinken Umverteiler ("Die Mehrheit der Menschen sind heute
Nettotransferleistungsbezieher, d. h. sie beziehen ihr Einkommen aus den
Steuerzahlungen der Minderheit."). Nur zu schnell, zu unüberschaubar, zu
fremdbestimmt ist ihnen alles geworden.
Sie empfehlen daher den (Teil-)Ausstieg, den bedingten Rückzug. Im
Politischen wird das ein bisschen haarig: "Die größte politische Lüge ist wohl
das Märchen, wir würden in Demokratie und Rechtsstaat leben." Im Gegensatz zur
antiken Athener Demokratie, die eine "kleine, reale Gemeinschaft, die sich von
einem Hügel zur Gänze überblicken lässt", war.
Das Stichwort ist "kleine Gemeinschaft". Die Autoren raten, sich in seinen
"Garten" zurückzuziehen: "Im Kleinen solche realpolitischen Herausforderungen im
eigentlichen Sinn zu meistern (z. B. das friedliche Zusammenleben mit anderen zu
praktizieren - Anm.), ist der einzig gangbare Weg." Wahrscheinlich wäre es auch
günstiger, würden sich viel mehr Menschen darauf konzentrieren, ganz einfach
ihren Lebensbereich positiv zu gestalten. Aber ist es das, was die Menschen, die
sich von Roland Düringer elektrisieren ließen, wirklich wollen?
Die Donnerstag-Nacht- und die Internetgemeinde, meist jüngere Leute am
Karrierebeginn oder gar Mitglieder des Prekariats, wollen wohl, dass sich an den
Umweltbedingungen für sie etwas ändert; dass es fairer, offener, intelligenter
zugeht. Ob der Rückzug in den "Garten" das bringt? (DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2011)