Systemtrottel, Wutbürger und der eigene Garten

Kolumne | Hans Rauscher, 13. Dezember 2011, 18:45

Düringer und die Wutrede: Da hat etwas eingeschlagen

Wonach klingt das? "Wir sind all jene Systemtrottel, die es schön langsam satt haben, im Hamsterrad zu laufen und all jenen, die vom System fest profitieren, den Deppen zu machen."

Oder: "Wir sind wütend, ziemlich wütend, weil diese Politmarionetten offenbar ihre Aufgabe vergessen haben, nämlich uns, der Gemeinschaft zu dienen und nicht gemeinsam mit Banken und den Konzernen über das Volk zu herrschen".

Leserbrief in der Krone? Jungsozialisten? Oder H.-C. Strache? Könnte all das sein.

Der Text stammt aus dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" (Ecowin-Verlag) der Autoren Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan. Der erste ist nach Selbstbeschreibung "Philosoph und realistischer Idealist", der zweite "Wirtschaftsphilosoph". Ihr Buch erhielt jetzt einen gewaltigen Aufmerksamkeitsschub, nachdem Roland Düringer sozusagen als Abgesang der Donnerstag Nacht im ORF Passagen (darunter auch die beiden Zitate oben) aufsagte. Das ging wie ein Tsunami durch die Social Media und ein Standard-Interview mit Düringer dazu verzeichnet sehr hohe Zugriffs-und Postingraten.

Da hat etwas eingeschlagen. "Das System ist am Ende", sagt Düringer. "Wir alle bewegen tagtäglich die Rädchen im System ... wir spüren die unerklärliche Unzufriedenheit, die anschwellende Wut", sagen die Autoren. Und: "Bleiben Sie kein konsumgelenkter 'Systemtrottel', holen Sie sich ihr Leben zurück!"

Ja, gut, aber wie jetzt genau? Die Autoren haben mit Strache und "rechten Primitiv- Lösungen" nichts am Hut, das ist einmal wichtig. Sie sind auch keine altlinken Umverteiler ("Die Mehrheit der Menschen sind heute Nettotransferleistungsbezieher, d. h. sie beziehen ihr Einkommen aus den Steuerzahlungen der Minderheit."). Nur zu schnell, zu unüberschaubar, zu fremdbestimmt ist ihnen alles geworden.

Sie empfehlen daher den (Teil-)Ausstieg, den bedingten Rückzug. Im Politischen wird das ein bisschen haarig: "Die größte politische Lüge ist wohl das Märchen, wir würden in Demokratie und Rechtsstaat leben." Im Gegensatz zur antiken Athener Demokratie, die eine "kleine, reale Gemeinschaft, die sich von einem Hügel zur Gänze überblicken lässt", war.

Das Stichwort ist "kleine Gemeinschaft". Die Autoren raten, sich in seinen "Garten" zurückzuziehen: "Im Kleinen solche realpolitischen Herausforderungen im eigentlichen Sinn zu meistern (z. B. das friedliche Zusammenleben mit anderen zu praktizieren - Anm.), ist der einzig gangbare Weg." Wahrscheinlich wäre es auch günstiger, würden sich viel mehr Menschen darauf konzentrieren, ganz einfach ihren Lebensbereich positiv zu gestalten. Aber ist es das, was die Menschen, die sich von Roland Düringer elektrisieren ließen, wirklich wollen?

Die Donnerstag-Nacht- und die Internetgemeinde, meist jüngere Leute am Karrierebeginn oder gar Mitglieder des Prekariats, wollen wohl, dass sich an den Umweltbedingungen für sie etwas ändert; dass es fairer, offener, intelligenter zugeht. Ob der Rückzug in den "Garten" das bringt? (DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2011)

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dakakadu
00
20.2.2012, 02:39
Taghizadegan schreibt für die zeitschrift "Smart Investor"

da findet man in der Sonderausgabe "Gutes Geld" "Der Nebel um den Zins – Ein Gespräch mit Rahim Taghizadegan und Gregor Hochreiter"

Er ist ein Verteidiger der Zinswirtschaft.
Das sollte man wissen wenn man die Wutbürger-Rede analysiert.

leckfettn
00
19.12.2011, 21:26
Es genügt nicht, als Mensch geboren zu werden, man muss lernen, als Mitmensch zu leben

Harry Y.
 
00
18.12.2011, 01:53
Der eigene Garten,

das erinnert mich an den Biedermeier. Natürlich bleibt, wenn man nix ändern KANN, nur das private Glück. Das hätten aber viele der Mächtigen sehr sehr gerne. Wir dürften unsere Macht als Masse nicht vergessen, man schaue nach Asien bzw. Afrika.

Kleine Gemeinschaften wären aber dann interessant, wenn sie sich mit anderen zusammenschließen und so eine Art Widerstand gegen was auch immer sich formiert, in dem Fall wohl gegen die Herrschaft des kapitalistischen Wirtschaftstaates über uns.

Peter Sichrovsky
11
15.12.2011, 20:11
Rumpel-Journalusmus

Wenn Journaisten inzwischen vor Polit-Rumpelstilzchens ehrfurchtsvoll den Hut ziehen und beeindruckt der Wut der Sprachlosen lauschen, so sind sie das genaue Spiegelbild jener angeblich impotenten Politikergeneration. Ein paar mal Aufstampfen macht zwar Lärm, bietet jedoch keine Lösungen - die wir von Politikern, jedoch auch vom sogenannten kritischem Journalismus erwarten.

Harry Y.
 
00
18.12.2011, 01:37
??

Der Sprachlosen???
Welche meinen Sie?

Die Wut der 'Sprachlosen' ist eher unter FP-Wählern zu finden: ihnen fehlen deswegen die Worte und Argumente, weil sie bildungsfern sind.

Lösung, Weg zur Veränderung sind für mich ein bedingungsloses Grundeinkommen - Wegwendung von möglichst hohem Profit als oberste Priorität. Wieso erwarten Sie Lösungen und Visionen von unseren Politikern? Die Parteien leben meist sehr gut davon, dass sie die Bevölkerung spalten.

Karl Camus1
00
15.12.2011, 18:06
Vom Wuttrottel zum Systembürger

Die Diskussion geht auf Facebook weiter. Diskutiert wird auch über den Blog eines gewissen Hugo Valerian: http://hugovalerian.wordpress.com/2011/12/1... temburger/

TomTom33
01
14.12.2011, 19:31
wie sagte schon

eine frau aus sachsen kurz nach der wende, was bringen mir demokratie und freiheit wenn ich jetzt arbeitslos bin. Daran sieht man die Prioritäten der (meisten) Menschen. Schon allein deshalb haben politiker vom rechten und auch linken rand chancen an die macht zu kommen.

Harry Y.
 
00
18.12.2011, 01:40

Ja aber bitte, warum behandelt man denn seine Arbeitslosen so? Würden sie besser behandelt und bekämen BGE, gäbe es keine so unmittelbaren Gründe, nach ultrarechts oder ultralinks zu wandern.

Dr. Ehrlich
00
15.12.2011, 09:25
oder: demokratie kann man nicht essen.

daStrunknschädl
00
14.12.2011, 19:19

vieleicht sollten wir einfach aufhören darauf zu warten daß andere für uns die Lösungen herbeizaubern
um die Bewegung von Planeten zu begründen entwickelte Newton die Infinitesimal-/Differentialrechnung. die hat ihm auch keiner eingeflüstert, er sah das Problem und ging es an. sowas wurde uns völlig ausgetrieben bzw. auf Erwerbstätigkeiten beschränkt.

also entwickeln wir unsere eigenen Problemlösungsstrategien anstatt darauf zu warten dass der nächste Schrumpfgermane sich unserer annimmt...

Lilith Boessse
 
00
14.12.2011, 19:16
über den inhalt kann man diskutieren,

aber mir wirkt der düringer so, als wär er einer jener VIELEN (!) die gerne hätten, dass irgendwer daherkommt und sagt: an jenem ort, um die uhrzeit treffen wir uns, und tun endlich unseren unmut kund.

wo sind denn die demos/demonstrant_innen?

gibt es die wutbürger gar nicht?

was muss noch geschehen, damit die österreicher_innen auf die straße gehen oder passt eh alles?

gegen was genau sollen wir den auftreten? (vor einigen jahres war es klar gegen die beteiligung einer rechten partei an der österr. regierung).
gegen was/wen wenden wir uns eigentlich jetzt mit unserer wut? (und ist das so schwierig, oder warum gehen wir nicht schon längst auf die straße?)

sociovation
12
14.12.2011, 18:42
Rein mathematisch sind die größten "Nettotransferbezieher"

unter weniger als 1% der Bevölkerung zu finden - die restlichen zahlen sich dumm und dämlich.
Blöd nur, dass diese 1% halt auch jene sind, welche 99% der "Leistung" erbringen - wenn man Rauscher und Co. glaubt.
Ich glaub das nicht.
Ich glaube nämlich, dass diese 1% Nettotransfernutznießer dies nicht aufgrund von Leistung sind sondern aufgrund von Machtverhältnissen.
Ich glaube nämlich, dass es EXTREM unredlich ist, Geldtransferströme nicht nur auf staatlichen Sektor zu beschränken und den Rest der wirtschaftlichen Realität vollkommen auszublenden.
Nein, es ist nicht unredlich - es ist schlichtweg Manipulation.

Mensch0815
10
14.12.2011, 19:28

Die Wirtschaft ist tabu! Ui, Kritik! Da käme man ja in den Dunstkreis kommunistischer Umtriebe! Wann machen sich die Leute frei von diesem Schubladendenken. Oder sind es vielleicht Abhängigkeiten? So nach dem Motto, dessen Brot man isst..... Wann erkennt man z.B. die Notwendigkeit regulierter Benzinpreise? Ui das würde ja wieder das Dogma des Allheilmittels "freie Marktwirtschaft" verletzen. Diese Ideologen gehen mir so was auf den Geist. Kommt mir so vor wie in den ehemals kommunistischen Ländern - Dogma vor Sachverstand und volkswirtschaftlicher Notwendigkeit. Lauter Pseudo-Ideologen, die gut davon leben - auch die kommunistischen Kader haben in ihren Systemen gut gelebt und ihre Ideologie als "Wissenschaft" verkauft. Ebenso die Nazis!

LiTaiPe
04
14.12.2011, 19:22
also die realität... ist ja diese:

wenn ich von Vlbg nach Wien fahre und nach den 99% leidenden, ausgebeuteten und verarmten massen suche die von den bösen 1% ausgebeutet werden, dann sehe ich nur einfamilienhäuser, ländliche besitzidylle, und youngsters die kaum 20 sind und mich in 5er BMWs oder Mercedes E-class überholen, ich sehe funktionierende infrastruktur und sicherheit..

all das habe ich nicht gesehen, die letzten 20 jahre die ich überwiegend in "entwicklungsländern" verbracht habe. nun, nach vielen jahren und durch arbeit reich geworden, blicken diese länder etwas verständnislos nach westen und verstehen nicht ganz warum leute die in ihrem gartenhäuschen sitzen und die tage zur frühpension zählen sich als ausgebeutet ansehen und via IMF um mehr kredite betteln..!

saphre
00
14.12.2011, 23:44
bravo 100 %ige zustimmung!

elizabeth
00
14.12.2011, 18:38
prekär

Mitglieder des Prekariats wollen wohl per se aus dem sog. Prekariat raus, wütend oder nicht. Es hapert oft nur an der Artikulation der Umstände die zu der prekären Lage geführt haben. Und dafür hat man ja Kabarettisten.

Almi66
01
14.12.2011, 18:21
Donnerstagsdemos....

Die Wut der Bürger hat sich vor gut zehn Jahren in wöchentlichen Umzügen durch Wien entladen. Gut, dass es diese Demos gab, auch wenn man einwenden möge, dass sich direkt wohl nichts verändert hat.

Indirekt hat sich aber damals eine Mehrheit in diesem Land (bis tief in die Stammtische) gegen eine "Dritte Republik" ausgesprochen. Manchmal ist Sensibilisieren in diesem Land auch schon ein Erfolg....

Kon01
12
14.12.2011, 19:01

Sorry, aber das waren damals Idioten.

Natchez
20
14.12.2011, 22:50

Sorry, die Idioten waren ja wohl eher die, die dem Staatsstreich Schüssels schweigend zugesehen haben.

Kon01
00
14.12.2011, 23:52

Staatsstreich? Diese Aussage ist dermaßen lächerlich und offensichtlich blödsinnig, da möchte ich gar nicht mehr dazu sagen.

Fantastic Fox
03
14.12.2011, 18:08
Zu Ihrem letzten Absatz, Herr Rauscher,

sei Ihnen gesagt, dass auch Unternehmer, Spitzenmanager, reiche Privatiers und andere, die wirtschaftlich auf der Zuckerseite leben, sich den links-linken Dorfer ansehen (wenngleich mit gemischten Gefühlen; aber der Hofnarr darf bei uns in gelebter Tradtion so einiges...), im Internet surfen und in ihrem Forum posten.

Wir sind auf das politische System nämlich auch wütend.

Weil es nicht mehr den Menschen dient, sondern sich selbst und vor allem anderen den Parteien.

Fantastic Fox
00
14.12.2011, 18:04
Mit dem nicht mehr Wählen-Gehen,

verlangt Düringer das Richtige.

Noch besser wäre die Möglichkeit, am Stimmzettel "Gegen alle Kandidaten" ankreuzen zu können. Davon würde die überwiegende Mehrheit der Bürger umgehend Gebrauch machen; die Wahlbeteiligung würde ebenfalls dramatisch steigen.

Kann das nicht endlich jemand einführen?

saphre
00
14.12.2011, 23:47
ka stimmzettel und was dann?

hamsterrad schmieren?

kritik üben okay - aber wo sind die fakten zum besseren?

pubertierendes weltverbessern hat man eigentlich mit 18 abgeschlossen - tut leid - so sehe ich das!

G. B. Corner
04
14.12.2011, 17:27
"Im Gegensatz zur antiken Athener Demokratie ..."

Es wäre doch nett, wenn die Leute, die sich Gedanken über unsere Politik machen, auch ein wenig besser in der Geschichte bewandert wären. Weil da nämlich ein großer Schatz an bereits gemachten Erfahrungen liegt, den man recht einfach heben könnte. Die Athener Demokratie ist als Vorbild für uns nämlich eher ungeeignet.

</ lustig>
00
14.12.2011, 17:27
Wenn diejenigen,

die ohne Unterstützung nicht einmal den eigenen Lebensunterhalt sichern können, den großen Wurf des Gegenmodells zum herrschenden System anpreisen, frag' ich mich, was mich das wieder kosten wird.

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