VP-Obmann Juraczka führte bereits vor Wochen Gespräche mit FP
Wien - "Profil" sei das kritische Schlüsselwort in Bezug auf den am Montag gewählten Wiener ÖVP-Obmann Manfred Juraczka. Denn, so der Politologe Peter Filzmaier im Standard-Gespräch, dieser sei noch ein komplett unbeschriebenes Blatt.
Es werde schwierig für Juraczka, sich ein klares Image mit Ecken und Kanten zuzulegen. "Die namentliche Unbekanntheit wird sich schnell lösen, aber wofür steht er?", fragt sich Filzmaier. Die Position des nicht amtsführenden Stadtrates, die Juraczka seit September innehat, sei "die eines besseren Frühstücksdirektors ohne Kompetenzen".
Zudem sei die Wiener ÖVP eine Kleinpartei, die derzeit in Umfragen bei maximal zehn Prozent liegen würde. Juraczka verkündete, die ÖVP zum "bürgerliche Gegenmodell" in der Hauptstadt machen zu wollen. Dafür müsste sich die Oppositionspartei vor allem um die Themen Wirtschaft und Sicherheit bemühen - Sozialpolitik ist mit Rot-Grün breit besetzt, die zusammen auf rund 60 Prozent der Stimmen kommen.
"Rein rechnerisch steckt die ÖVP in einem Dilemma. Die FPÖ als andere Oppositionspartei ist doppelt so groß und steht seit vielen Jahren bei Mitte-rechts-Themen im Vordergrund", so der Politologe.
Gegen die FP würde die VP derzeit nicht ankommen, eventuell aber gemeinsame Sache machen: Juraczka habe sich schon vor Wochen bei ihm vorgestellt, bestätigt Johann Gudenus, Klub-Chef der Wiener FP. "Wir hatten ein gutes Gespräch über den einen oder anderen Bereich, in dem wir uns Zusammenarbeit durchaus vorstellen können", so der Freiheitliche.
Filzmaier attestiert der ÖVP eher ein Management- denn ein Kommunikationsproblem: "Allein, dass er sechs Stellvertreter ernannt hat, deutet auf einen Kompromiss in den eigenen Reihen hin und lässt nicht vermuten, dass Jurazcka volle Personal- und Budgethoheit als Chef hat." Um auch wirklich etwas erreichen zu können, bräuchte der schwarze Obmann zentrierte Macht. "Mittelfristig hat er nur geringe Chancen, etwas zu gewinnen, das ist der undankbarste Job der Republik", so Filzmaier.(Julia Herrnböck, DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2011)