Vertrauen

Anwälte sehen "Rechtsstaat in Gefahr"

13. Dezember 2011, 18:24
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    foto: apa/techt

    Auch im Wiener Landesgericht beherrschen Aktenberge immer noch den Alltag. Rechtsanwälte drängen auf den elektronischen Akt, der Verfahren beschleunigen und Kosten senken könnte.

Die Rechtsanwaltskammer will helfen, das Vertrauen in die Justiz wieder zu heben - Davor legen die Anwälte eine Liste vor, die finanzielle, rechtsstaatliche und strukturelle Mängel aufdecken soll

Wien - In Österreich gibt es 4517 Rechtsanwälte und 1001 Rechtsanwältinnen. Was ihnen während des Jahres im Umgang mit der öffentlichen Verwaltung alles unterkommt, wird in regelmäßigen Wahrnehmungsberichten veröffentlicht. Der jüngste, am Montag im Büro des Rechtsanwaltskammertages (Örak) in der Wiener Innenstadt präsentiert, bietet neben Einzelfällen von Fehlleistungen der Justiz auch allgemeine Tendenzen. Und letztere sind aus Sicht des ÖRAK-Präsidenten Rupert Wolff nicht gerade rosig: "Unser Rechtsstaat ist in Gefahr."

  •  Husch-pfusch-Gesetze: Die Anwälte kritisieren unter anderem, dass Gesetze immer schneller ohne ausreichende Begutachtungsfrist beschlossen werden. Im Jahr 2010 hatten es die Kammer mit insgesamt 193 Gesetzesentwürfen und Verordnungen zu tun. In vielen Fällen habe die kurze Begutachtungsfrist nicht ausgereicht, eine detaillierte Bewertung einer Novelle abzugeben. Negativer Rekordhalter: das Universitätsgesetz (Studienzulassung) mit einer Prüffrist von nur vier Tagen. "Das ist nicht gelebte Demokratie", wettert Wolff und fordert Nationalratsabgeordnete auf, in derartigen Fällen eine Beschlussfassung im Parlament zu verweigern. Mindestdauer für Begutachtungen sind für ihn vier Wochen.
  • Gebührenfalle: Das Justizministerium hat jüngst Gerichtsgebühren zum Teil drastisch angehoben. Und das obwohl die Justizverwaltung (ohne Strafvollzug) "zu 110 Prozent kostendeckend arbeitet und somit Geld ins allgemeine Budget einspielt", wie Wolff anmerkt. In anderen europäischen Ländern betrage diese Kostendeckung maximal 40 Prozent. Als Beispiel für die üppigen Einnahmen nennt Wolff das Verfahren, das die Bawag gegen die Stadt Linz angestrengt hat. Der Streitwert von 400 Millionen Euro ergibt allein in erster Instanz Gerichtsgebühren von 4,8 Millionen Euro.

Aber auch im Kleinen bittet die Justiz ihre Kunden ordentlich zur Kasse: 1,10 Euro pro kopierter Seite aus einem Gerichtsakt. "Das kann sich nicht jeder leisten und auf diese Weise wird der Zugang zum Recht auf fiskalische Weise beschnitten." Wolff fordert die sofortige Abschaffung dieser "verfassungsbedenklichen Zweiklassenjustiz".

  • Die Akte E: Auch der strukturelle Verbesserungsbedarf ist aus Sicht der Anwälte mannigfaltig. Der schon vor langem versprochene elektronische Strafakt sei immer noch nicht Wirklichkeit. Ohne die digitale Übermittlung von Akten sei es aber beispielsweise für einen Anwalt aus Graz unmöglich, einen Mandanten aus Wien zu übernehmen. Denn es sei unzumutbar, allein fürs Blättern im Akt sechs Stunden im Zug zu sitzen. Der elektronische Akt würden wesentlich dazu beitragen, Verfahren zu verkürzen und Kosten zu sparen, ist Vize-ÖRAK-Präsident und Strafrechtler Josef Weixelbaum überzeugt.
  • Recht auf Beistand: Das Recht auf Rechtsbeistand ab der ersten Verdachtslage in Strafverfahren sei ebenfalls noch ausbaufähig. Rund 1700 Personen haben den seit 2008 existierenden Verteidiger-Journaldienst (0800/37 63 86) genutzt, um von Anfang an rechtlichen Beistand kostenlos zu erhalten. Viele Betroffenen verzichten aber freiwillig - und bereuen es im Nachhinein. Die Forderung der Anwälte, dass Verdächtige erst nach einem verpflichtenden Gespräch mit einem Anwalt den Rechtsbeistand ablehnen können, dürfte sich bald erfüllen.

Auch auf EU-Ebene soll der ehestmögliche Rechtsbeistand verbessert werden. Marcella Prunbauer-Glaser, die ab Jänner den Vorsitz im Rat der Europäischen Anwaltschaften (CCBE) in Brüssel übernimmt, warnt davor, dass die vorherrschende Finanzkrise die Unabhängigkeit der Justiz und damit die Freiheitsrechte der Bürger beeinträchtigen könnte.(Michael Simoner, DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2011)

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Posting 1 bis 25 von 38
1 2
Cuchullain
01
17.12.2011, 21:30
"... Anwälte sehen "Rechtsstaat in Gefahr"..."

Ach nein, wiiirklich?

Das habe ich gar noch nicht bemerkt!

Cyniker
23
14.12.2011, 14:22
Wer ist denn heutzutage noch so dumm zu glauben, dass es einen sogenannten Rechtsstaat gäbe?

Recht hat, wer Geld hat.

War das vielleicht in der ganzen Menschheitsgeschichte schon jemals anders?

Bitte sehr, etwas weniger Naivität würde dem Durchnittsbürger schon ganz gut tun.

manto bamminger
00
14.12.2011, 14:06
Ist euch schon mal aufgefallen

daß unter derr rubrik inland, eigentlich fast ausschließlich blödsinn zu finden ist.
Liebe Redaktion, gibts da ned die eine oder andere Geschichte die, die Menschen da draußen wissen sollten???
Ist das alles was es über unser schöne land zu berichten gibt???

Tailändische Zeitungen wissen scheinbar mehr über Österreich als sie.
Ein bisschen mehr engagment, wär doch schön...vielleicht würd ich mir ihre Zeitung dann sogar mal kaufen,...oder meinen sie ich soll mir die zeitung zuerst kaufen damit sie nicht mehr abhängig von den politischen zahlungen sind????

Andreas W
01
14.12.2011, 14:06
Rechtsstaat in Gefahr? Seit wann dürfen wir uns in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischen?

Oder meinen die tatsächlich unsere Korruptionshochburg? Wie kann etwas in Gefahr sein, was schon lang nicht mehr existiert?

An alle geistig etwas Schwerfällige: oben Ironie und Übertreibung, bisserl zumindest.

Sonata
06
14.12.2011, 12:28
Die Schadenersatz-Regelung über Leistungen des Staates an den Bürger gehört sofort reformiert...

Es kann nicht sein, daß man, obwohl im Recht, wirtschaftlich ruiniert sein kann weil der Staat nur max. 1.200 € Schadenersatz leisten muß. Natürlich kommt diese Regelung Politikern entgegen die über die Staatsanwaltschaft hintenherum einen Unliebsamen fertig machen wollen. Ein erschreckendes Beispiel ist hier der Tierschützerprozeß.

Der mit der Glaskugel spricht
00
14.12.2011, 11:30
Oh sorry...

*sakasmus off*

Der mit der Glaskugel spricht
71
14.12.2011, 10:27
Das Rechtssystem funktioniert -

allein die Medien betreiben Justiz-Bashing!

Jeder Österreicher ist gleich und kann auf Recht und Gerechtigkeit zählen.

Fredl Wurbala
00
14.12.2011, 13:19

war nützt die Gleichheit vor dem Recht, solange es keine Gleichheit vor dem Geld gibt?

Wer über die nötigen Resourcen verfügt, kann leichter sein Recht einfordern, und durchkämpfen(lassen).

Dormouse
03
14.12.2011, 10:54

erzähl das der glaskugel...

Mann40
03
14.12.2011, 08:50

"1,10 Euro pro kopierter Seite aus einem Gerichtsakt."

das ist wirklich eine Zumutung, jeder weiss, dass so ein Akt schnell einmal 100 Seiten umfassen kann...
für "Normalverdiener" wird die Justiz bald unleistbar.

Michail Bakunin
03
14.12.2011, 10:02

100 Seiten sind eh Pipifax. Tierschützerprozess in Wr. Neustadt: weit über 200.000 Seiten Aktenmaterial. Da ist es dann schon fast egal, ob man freigesprochen wird oder nicht...

1., 2. und 3.
20
14.12.2011, 13:22
Übertreiben nützt auch nicht.

Erstens hatten die in WN Verfahrenshilfe und haben gar nichts für Kopien bezahlen müssen. Nur damit das klar ist. Zweitens braucht man nicht jedes Blattl Berichte etc kopiert, sondern höchstens ein paar. Drittens: Wenn es zB 5 Beschuldigte sind, reicht einmal kopieren, damit sind die Kosten auch schon bei einem Fünftel. Drittens: Wenn einer ganz allein als Beschuldigter einen 200.000 Seiten-Akt produziert, dann ist er garantiert kein Normalverbraucher.

Mann40
00
14.12.2011, 11:24

bei 200 000 Seiten ist die Existenz sowieso perdu

Rudi Ratlos4
01
14.12.2011, 07:35
In Österreich gibt es 4517 Rechtsanwälte und 1001 Rechtsanwältinnen.

Ist der Unterschied das wichtig, ob Männlein oder Weiblein?

Eins von Gottes Ebenbildern
02
14.12.2011, 10:07

Ja, der Unterschied ist wesentlich, weil Rechtsanwälte für sich gesondert keine Juristenbälger produzieren können.

lg mensch

Kritiker1A
01
14.12.2011, 12:11
Wie vermehren sichn dann Rechtsanwälte, wenn es nur so wenige Weibchen gibt ?

Sind die vom Aussterben bedroht ?

Eins von Gottes Ebenbildern
00
14.12.2011, 14:11

Wie vermehren sich Rechtsanwälte?

So wie die Igel,
sehr vorsichtig!

lg mensch

down under in vienna
21
14.12.2011, 07:41

wenn mehr als 50% der StudienabgängerInnen Frauen sind, ist es jedenfalls erstaunlich, wie wenige Anwältinnen es gibt.

Faka Zulu
01
14.12.2011, 09:25

Dürfte an den armseligen Arbeitsbedingungen liegen- vor allem als Rechtsanwaltsanwärter...

Simba
00
14.12.2011, 13:51
ja, das wirds sein...

als Frau kann ich dir aber sagen - der Grund ist ein anderer und hat was mit Kindern zu tun. Weder Anwälte noch Anwältinnen können es sich erlauben auch nur zwei Monate in "Karenz" zu gehen. Die dies doch tun, waren mal PartnerInnen und können danach eh beim Magistrat oder der GKK anfangen....

goiserer97
00
18.12.2011, 10:10
Aber JuristenInnen...

müssten es WISSEN, dass es ein Verbrechen ist in unseren "Unrechtsstaat" noch Kinder zu setzen bzw. zu zeugen.

Fritz Meyer
10
14.12.2011, 03:39
Ihr seid's spät dran...

aber immerhin.

blauwal
 
50
13.12.2011, 23:36
scherzkekse

überdenken die manchmal ihre urteile mit dem gesunden hausverstand ??? eher nicht, und jetzt jammern das euch justizkasperln keiner mehr ernst nimmt. ihr habt doch selbst mit euren urteilen den niedergang von recht u. gerechtigkeit eingeleitet.

Eins von Gottes Ebenbildern
00
14.12.2011, 10:08

Wussten Sie, dass Rechtsanwälte nicht Teil der Justiz sind?

lg mensch

Bürgerüberwachungs- und Totengräberindustrie
110
13.12.2011, 23:13
Das was die ÖVP in den letzten Jahren in die Wege geleitet hat, ist in der Tat antidemokratisch und läuft den Interessen eines freien und mündigen Menschen diametral zuwider.

Nicht umsonst haben die Menschen die ÖVP bei den letzten Wahlen eindeutig abgewählt. Sie hat es trotzdem geschafft, durch zähes und gewieftes Taktieren weiterhin im Amt zu bleiben und alle staatsrelevanten Ministerien zu beherrschen.

Inzwischen wird ein Bürgerüberwachungswahnsinn und ein Abbau der Grundrechte auf Schiene gebracht, über den Honecker und Ceaucescu ihre helle Freude gehabt hätten.

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