H.C. Artmann nicht willkommen?

Kommentar der anderen13. Dezember 2011, 18:24
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Betrifft: Berichte über den Umgang von Skylink mit einer Installation des "Österreichischen Wörterbuchs" - Von Christian Ide Hintze

Wer immer die Idee hatte, die Passagiere am Flughafen Schwechat mit österreichischen Wörtern zu begrüßen: vor den Vorhang! Die Aktion tut, was eigentlich die Touristeninformation tun sollte: Sie informiert die Landesunkundigen über die Sprache der Hiesigen.

2. Wer immer die Idee hatte, diese Wörter dem von Astrid Wintersberger unter beratender Mitarbeit von H.C. Artmann herausgegebenen Wörterbuch zu entnehmen: vor den Vorhang! Das Hosen- und Handtaschenbuch mit dem roten Einband ist weder "für" noch "gegen" etwas, es propagiert nichts und bekämpft auch nichts, es zählt lediglich einige Wörter auf, gibt ihnen eine literarische, eine augenzwinkernde Note und eignet sich als Türöffner für labyrinthische Sprachspiele jeglicher Art.

3. Wer immer die Idee hatte, diese Wörter ins Englische zu übersetzen: vor den Vorhang! Die Ambition, ihre Eigenart und Schönheit einem internationalen Publikum bekanntzumachen, eröffnet die Möglichkeit, in Zukunft vielleicht auch etwas mehr über ihre - großteils unerforschte - internationale Herkunft und linguistische Fremdenfreundlichkeit zu erfahren. (Artmann selbst hat Gespräche oft nur deshalb unterbrochen, um das Gegenüber darauf hinzuweisen, dass ein soeben verwendetes Wort aus dieser oder jener Sprache stammt. "Des waasd oba scho, dass ,Schinakl‘ wos Ungarisches is" .)

4. Wer immer die Idee hatte, die Wörter "Futlapperl" und "wischerln" zu zensurieren, mit Packpapier zu verhängen und damit besonders hervorzuheben: vor den Vorhang! Die beiden Wörter sind geradezu prädestiniert für Phantasien über etymologische oder lautmalerische Zusammenhänge.

5. Wer immer die Idee hatte, die Zensurmaßnahme mit dem Argument, es sei "unerlässlich, dafür Sorge zu tragen, dass Passagieren keine potenziell fremdenfeindlichen, diskriminierenden, frauenfeindlichen oder religiöse Gefühle verletzenden Inhalte aufgezwungen werden" , zu rechtfertigen: runter von der Bühne! Bierernst trifft die Sache ebenso wenig wie die Verwechslung von lexikalischen Begriffen mit Inhaltsangaben oder Botschaften. (Und dass in Schwechat der einzige Flughafen der Welt stehen sollte, der im Rang einer Pflichtschulanstalt mit Lesezwang steht, ist bisher auch noch eher unbekannt gewesen.)

6. Wer immer die Genehmigung zur Aufstellung dieser Wörter gegeben, dann wieder zurückgezogen bzw. beschränkt hat, muss irgendwann einmal - vielleicht zum allerersten Mal überhaupt - angefangen haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

7. Ich ziehe meinen Hut vor Artmanns Fähigkeit, über seinen Tod hinaus das p.t. Publikum, auch das pressesprecherische, mit Fragen zur Sprache zu beschäftigen. (DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2011)

Nachlese

Autor

Christian Ide Hintze, Poet und Leiter der Schule für Dichtung in Wien.

  • Ide Hintze wundert sich über "verletzte Gefühle".
    foto: standard/andy urban

    Ide Hintze wundert sich über "verletzte Gefühle".

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