Wackelkontakte im Gefüge der Logik

13. Dezember 2011, 17:35
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Daniil-Charms-Abend im 3raum-Anatomietheater Wien

Wien - In den Theaterszenen des russischen Absurden Daniil Charms (1905-1942) wird die menschliche Vernunft härtesten Zerreißproben ausgesetzt. Auf eine möglichst unsinnige Äußerung ("Ich bin ein Prinz") folgt als Replik ein Ausdruck des ungläubigen Staunens: "Du und ein Prinz!" Bei jedem anderen Autor käme der Dialog spätestens an diesem Punkt zum Erliegen: Warum sollte die Person, die am leeren sowjetischen Mittagstisch Kohldampf schiebt, auch wirklich ein Prinz sein?

Doch so einfach kommt man im Wiener 3raum-Anatomietheater natürlich nicht davon. Die drei Buster-Keaton-Figuren der Gruppe Aggregat Valudskis entstammen einem mechanischen Ballett: Sie könnten aus einem Eisenstein- oder Wertow-Film verduftet sein und sich querfeldein in die Büsche geschlagen haben. Die Dame und die beiden Herren mit den gefrorenen Schminkmasken erinnern aber auch an Fotos der Leningrader "Oberiuten", die in den frühen 1920er-Jahren mit gesucht alogischen Darbietungen auf Kabarettbühnen den jungen Sowjetstaat herausforderten.

Aus Prinz wird Schwein

"Und was folgt daraus, dass ich ein Prinz bin?", setzt Sprecher 1 (Markus Kofler) den von ihm eröffneten Dialog fort. "Dass ich dich jetzt mit Suppe vollspritze", erwidert Sprecher 2 (Martin Bermoser). Man kommt immerhin soweit überein, dass man feststellt, aufeinander "pfeifen" zu können. Oder das Gegenüber besitze "keinerlei innere Haltung". Es folgen diverse Beleidigungen, von flackernden Blicken aus kohlrabenschwarz umrandeten Augen unterstrichen. Am Schluss betteln die mittlerweile drei Diskutanten förmlich darum, für ein Schwein angesehen zu werden.

Aus der famosen Sketchparade Das ist eigentlich alles (Regie: Arturas Valudskis) lässt sich mehrerlei lernen. Erstens: Es soll noch immer Leute geben, die die wie absichtslos hingeworfenen Szenen, Haarspaltereien und Prosaminiaturen des großen Daniil Charms kaum oder gar nicht kennen. Sie alle muss man zum Erwerb der vierbändigen, ebenso formschönen wie sorgfältig edierten Werkausgabe im Berliner Galiani-Verlag nachhaltig ermuntern.

Zweitens: Es gibt Augenblicke, da man das "Vorhandensein des Abhandenseins" als seinsphilosophische Tatsache anerkennen muss - Charms' sei Dank.

Drittens: Mit dieser vorweihnachtlichen Produktion ist dem 3raum-Anatomietheater, dessen Seziersaal wie geschaffen scheint für eine absurde Darbietung, ein echter Coup gelungen. Ohne sich jemals nach der Decke der Zeitgenossenschaft zu strecken, manipulieren die beiden Herren und die Dame das Gefüge der Logik. Sie erwecken aber auch die gefrorenen Posthorntöne der historischen Avantgarde zum Leben: Stehen wie paralysiert unter dem Schock einer Einsicht, die für Charms und seine Kollegen nichts Gutes verhieß. Man prügelte die Avantgardisten unter Stalin tot oder ließ sie, wie Charms, im Leningrader Kerker verhungern. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2011)

  • Im Banne der Leningrader Avantgarde: v. li. Markus Kofler, Julia Schranz und Martin Bermoser ("Aggregat Valudskis").
    foto: daniel wolf

    Im Banne der Leningrader Avantgarde: v. li. Markus Kofler, Julia Schranz und Martin Bermoser ("Aggregat Valudskis").

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