Eine kabarettistische Einlage zeigt auch, wie gefährlich die derzeitige Stimmungslage ist
Über 20.000 Abrufe auf youtube, 1.000 Postings auf derStandard.at: Egal, ob man die Wutbürger-Rede des Kabarettisten Roland Düringer gut oder schlecht findet, sie ist doch ein Phänomen unserer Zeit. Die heftige Diskussion um seine Aussagen zeigt, wie sehr er hier – offenbar unbewusst – einen Nerv getroffen hat. In Zeiten einer Finanz-, Wirtschafts- und Politik-Krise hat sich jemand auf die Bühne gestellt und frei rausgebrüllt, was ihm gerade nicht passt. Das passiert in Österreich dermaßen selten, dass es schon ein außergewöhnliches Ereignis darstellt.
Das Gute an dieser Rede war, dass sich nun der ein oder andere vielleicht doch bequemt, seine Kritik an den Zuständen zu äußern. Dass Vieles im wirtschaftlichen, politischen und medialen Bereich im Argen ist, wurde in der Textvorlage für Düringer, dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger", ja tatsächlich schön formuliert. Es schadet sicher nicht, wenn sich mehr Menschen finden, die diese Zustände anprangern. Zur Abwechslung vielleicht normale Bürger und keine Altpolitiker. Zur Abwechslung vielleicht im echten Leben und nicht nur auf Facebook.
Das Befremdliche an der Rede kam zum Schluss: Als Düringer „Wir sind wütend“ ins Publikum schrie, standen nicht wenige auf und machten mit. Das erinnerte an die Gleichschaltung der Fans bei Fußballspielen („Steht auf, wenn ihr XX seid!“) und auch an den Roman „Die Welle“. User „fescher79er“ hat das mit seinem Posting richtig erkannt. Er spricht von einem „bizarren Schauspiel“, an welchem man erkennen könne, wie Verführung wirklich funktioniere. Freilich war der Düringer-Auftritt nur Theater, aber er zeigte doch, wie gefährlich die aktuelle Stimmungslage ist. Wenn jetzt einer kommt und die Wütenden für sich instrumentalisiert, dann hat er die besten Chancen. (Rainer Schüller, derStandard.at, 13.12.2011)