"No Disconnect"

Die Strategie hinter Guttenbergs Beraterjob

Analyse | 14. Dezember 2011, 12:14

Mit "No Disconnect" will die EU der Welt Internetfreiheit schenken, die die Union ihren Bürgern selbst vorenthält

Die Begleitgeräusche waren so laut, dass der Sache selbst kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte. Als Neely Kroes, EU-Kommissarin für Digitale Agenda, den ehemaligen deutschen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als EU-Berater in Fragen der Internetfreiheit vorgestellt hat, fiel wegen seiner Plagiatsaffäre fast unter den Tisch, dass auch die betreffende "No-Disconnect"-Strategie nicht frei von Unstimmigkeiten ist.

Die Kommission verfolgt mit "No Disconnect" das Ziel, "Aktivisten zu unterstützen, die unter repressiven Regierungen leben und Technologien verwenden, um sich zu organisieren, mobilisieren und ihre Rechte durchzusetzen". Neben Einschränkungen des Internets in Russland, Syrien oder China sei die Nutzung sozialer Netzwerke im arabischen Frühling ein Weckruf für die EU gewesen, sich verstärkt für Internetfreiheit und Menschenrechte einzusetzen, so Kroes.

"Internetüberlebenspakete"

Blogger und Aktivisten in betroffenen Ländern sollen unter anderem mit "Internetüberlebenspaketen" ausgestattet werden, also Datenhosting, Hard- und Softwarepaketen, "die Menschen helfen, Zensur und Überwachung zu umgehen." Eine heikle Angelegenheit, wenn zum Aushebeln von Restriktionspraktiken in souveränen Drittstaaten aufgerufen wird – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die EU erst Ende November selbst vom EU-Gerichtshof gewarnt wurde, das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) wie verhandelt umzusetzen.

Beim ACTA handelt es sich um ein Anti-Piraterie-Abkommen, das technische Maßnahmen vorsieht, um Urheberrechtsverletzungen aufzuspüren und zu ahnden. Staaten ohne Internetzensur wie Brasilien oder Indien haben ACTA harsch kritisiert, genauso wie nun der Gerichtshof der EU: "Allgemeine Internetfilter verstoßen gegen die Grundrechte der europäischen Bürger, insbesondere gegen jenes des freien Informationsflusses online."

Netzfreiheit da und dort

Federführend bei der Implementierung von ACTA in der EU ist die Europäische Kommission; genau jene Stelle, die nun mit "No Disconnect" auf Internetfreiheit pocht – offenbar solange sie außerhalb der Union durchgesetzt wird. Die Reaktion in Europa wäre nicht abzuschätzen, würden umgekehrt China oder Syrien europäischen Internetnutzern auf offiziellem Weg eine Infrastruktur in die Hand geben, um ACTA innerhalb der Union zu umgehen.

ACTA ist freilich nur ein Punkt auf der EU-Agenda, der Einschränkungen der Internetfreiheit vorsieht. So sind unter anderem die Vorratsdatenspeicherung, die Österreich trotz breiter Kritik nächstes Jahr umsetzen wird, und Netzsperren, die in Deutschland zuvor als verfassungswidrig aufgehoben worden waren, auf Bestrebungen der EU zurückzuführen.

Kein Kommentar zu Ausgaben oder Kontrolle

Neben den unterschiedlichen Maßstäben in der Netzfreiheit, die die Kommission nach außen und innen anlegt, bleibt in der "No-Disconnect"-Strategie noch eine Reihe weiterer Punkte offen. So gibt es keine Auskunft über die finanziellen Aufwendungen, die die EU für die Kampagne zur Verfügung stellen will. Ebenso unklar ist, nach welchen Kriterien Staaten und Empfänger von "Internetüberlebenspaketen" ausgewählt werden und wie sichergestellt werden kann, dass diese nicht in falsche Hände geraten. Auch über die spätere Veröffentlichung und Evaluierungsergebnisse von "No-Disconnect"-Aktivitäten wollte Kroes nichts sagen.

Wegen der Ungereimtheiten hat der grüne Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht eine schriftliche Anfrage an die Kommission gerichtet. Zwar dreht auch sie sich in der Hauptsache um die Person Guttenbergs. Im letzten Punkt aber stellt Albrecht eine interessante Frage: "Richtet sich die 'no disconnect'-Strategie nur an Staaten außerhalb der EU, oder wird die Kommission auch darauf hinwirken, dass Menschenrechte und Grundfreiheiten auch innerhalb der EU sowohl online als auch offline gewahrt werden? Wenn ja wie?" Albrecht und die Öffentlichkeit warten noch auf die Antwort. (mm, derStandard.at, 14.12.2011)

Kommentar posten
25 Postings
Zitronenbaum
00
18.12.2011, 23:33

http://youtu.be/JhwuXNv8fJM

Vorratsdatenspeicherung, Medienbonzenwirtschaft ...

Eine Sache über Kunst, seien es jetzt Theaterstücke, Bilder, Musik, Fernsehserien, Filme, etc ...
Alles ist ein Remix. Alles ist "geklaut" und neu durchgemischt.

Nimmt man uns die Möglichkeit das zu tun, dann stumpft alles ab.

Apple & Co. kommen immer mit "wir sind so kreativ" daher und gleichzeitig fliegen die Fetzen über irgendwelche Patentsachen.

Das Internet soll irgendwie "sicherer" werden. Zu welchem Preis?

Manche Vorstellungen von der Zukunft, in der wir komplett überwacht werden scheinen gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Bis dahin... remixe ich noch ein paar Ideen für Bilder. So long, mediamafia...

neeeed
01
16.12.2011, 14:08
politische elite ist einfach zum kot*en

potz
01
15.12.2011, 23:26

na da haben sich bogus aktion mit bogus personal getroffen. die involvierten schauen allesamt so aus, als liessen sie sich ihre emails noch ausdrucken, und wuerden keine blassen schimmer davon haben was wirklich relevant ist.

jeder piratenpartei funktionär wäre da eine bessere besetzung.

was hardware packete heissen soll ist mir voellig schleierhaft? will die eu ernsthaft computer in andere laender schmuggeln? ich meine, nicht uebel, aber dazu fehlt guttenberg dann wohl doch der mumm.

somussesnichtsein
09
15.12.2011, 10:54
eine derartige moralische doppelnull auf

einen eu-posten zeigt den wert dieser gesellschaft.

aber wie man sieht die freunderl unterstützen einander und die ahnungslosen werden den wieder in den himmel heben....

leider ist es offensichtlich nicht möglich die gauner und die blödheit zu verhindern.

Spaceman Spiff
05
15.12.2011, 10:08

Es waere auch interessant zu erfahren, fuer welchen amerikanischen Lobbyisten Guttenberg arbeitet.

Grammelknoedel
02
15.12.2011, 08:09

setzt sich jetzt der Guttenberg fuer ein straffreies Kopieren im Internet ein?

12345 ... weiter weiss ich nicht!
02
15.12.2011, 10:15
dann wäre seine Doktorarbeit ...

letztendlich doch noch gültig oder wie?

Turvarya
00
16.12.2011, 19:42

Die ist, wenn ich das recht mitbekommen habe, gültig, mit dem Argument, dass damals andere Standards gegolten haben.

##V+##
00
22.12.2011, 20:16
Sie meinen Hahn, nicht Kopierberg

Sebastian Polterabend
 
00
15.12.2011, 07:51
Das hat aber gedauert

Tröstlich, dass derStandard nach Tagen der gleichgeschalteten Hofberichterstattung auch auf den Trichter kommt, dass sich die eigentliche Absurdität und offene Watsch'n für selbstdenkende Menschen in der EU-Forderung nach “Internetfreiheit” (überall sonst naturlich, nicht in der EU selbst) versteckt.

Gut gemacht, aber sicher nicht gut gemeint! Siehe auch: http://cbx.amadyne.net/blog/arti... e-sackriss

trollpower
00
15.12.2011, 07:35

wenn bitte interessiert bei diesem Thema der olle Gutenberg?

Kondratjew -Zyklus
 
01
15.12.2011, 04:44
Warum widmet man diesem Würstchen eine "Analyse" ?

FalscherProphet
00
15.12.2011, 03:46
Ein guter und wichtiger Artikel zum Thema -

speziell der letzte Absatz, der witzig -
wenn auch gleichzeitig traurig für den Zusammenschluss europäischer, demokratischer Staaten ist.

fmdj
00
14.12.2011, 22:36

ach und die daten der aktivisten werden voellig uneigennuetzig von der EU gehostet und nicht angeruehrt? na da bin ich mal gespannt.

NONE
00
14.12.2011, 19:41

Hier geht es um den medialen Hype.

Man will Guttenberg neu als Star aufbauen.

Ich finde es sehr peinlich, aber wir haben ja auch den KHG der bald wieder im Fernsehen ist.

Ein Society Löwe...

her mit den Strichen!
214
14.12.2011, 17:37
Neely Kroes, EU-Kommissarin für Digitale Agenda, ist 70 (!) Jahre alt!!!

Sorry für das Vorurteil, aber kann die einen Computer überhaupt bedienen???

gemaro
00
14.12.2011, 21:31
Dummes Vorurteil!

Alfred Aho, 70
Donald Knuth, 73
Niklaus Wirth, 77
C.A.R. Hoare, 77
F.L. Bauer, 87
Gene Amdahl, 89

Das ist nur eine Handvoll, die mir auf Anhieb einfällt. Alle noch am Leben und ich bin mir ziemlich sicher, die können einen Coumpter besser bedienen als Du :)

servierwagen
01
14.12.2011, 23:18

Den letzten Satz hättest du dir aber sparen können... ;)

hans hansson
03
14.12.2011, 23:00
schmarrn, es liegt in der natur der sache

dass sich junge besser mit veränderungen (neue technologien) klar kommen als alte

Mathias Steinlaus
 
00
16.12.2011, 11:48
??

Junge kaufen also jeden Marketing-Schrott, auch wenn es langfristig keinen Sinn macht bzw. nach kurzer Zeit "out" ist??

grumbleduke
 
15
15.12.2011, 11:14
Negativ

Jüngere beschäftigen sich mehr mit neuer Technologie, das alleine bewirkt aber kein automatisches, tiefergehendes Verständnis für die Technik.

In anderen Worten: nur weil jemand 400 SMS am Tag schreibt, heißt das nicht, dass das Smartphone auch nur ansatzweise optimal genutzt wird. Gleiches gilt für die Herde der Facebook-Spammer.

Der Wissensstand über die technischen Möglichkeiten eines Computers ist bei jungen Menschen erschütternd und die Bereitschaft alleine, jede noch so inhaltsleere Nachricht zu twittern, posten oder zu SMSen macht aus einem Teen/Twen noch keinen technikaffinen Nerd.

potz
00
15.12.2011, 23:29

war das gratis in der OeVP Seniorenclub Vorurteildatenbank?

dorfkramer
01
15.12.2011, 08:06

Wenn ich mir vor Augen halte, wie viel Energie ich als Junger in das Netz gesteckt habe und wie viel davon überflüssig war, bin ich mir da nicht so sicher.

Oha, dieser Leserbrief ist auch völlig überflüssig.

imir
011
14.12.2011, 13:37

Diese Internetüberlebenspakete sind natürlich in der EU dann streng verboten.

der schwitzbär der schwitzt sehr
212
14.12.2011, 12:32
am Guttenbergschen Wesen wird die Welt genesen

vielleicht erschlagen ihn irgendwelche Afrikaner oder Latinos bei einem Arbeitsbesuch. Die Afghanen haben's ja nicht geschafft, da hat er sich immer 30km hinter der Front versteckt

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