Knäste

    13. Dezember 2011, 17:09
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    Über die schreckliche deutsche Sprache und ihre schauerlichen Schwierigkeiten

    Vor langer Zeit, Anfang der 1980er, habe ich einmal drei oder vier Semester lang als Fremdsprachenlehrer gearbeitet. Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung, weil ich im Zuge des Unterrichtens dessen gewahr wurde, was einem Menschen mit deutscher Muttersprache üblicherweise vollkommen verborgen bleibt: die unfassbaren Hinterhältigkeiten des Deutschen nämlich, wenn man es denn als Fremdsprache erlernt.

    Mark Twain hat in seinem bekannten Aufsatz "Die schreckliche deutsche Sprache" beredte Klage darüber geführt: "Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist. Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft." Und Twain vertieft sich auch ganz konkret in etliche Finessen, die den Deutschlernenden zur Weißglut treiben können, die Verb-Endstellung in Nebensätzen etwa, die trennbaren Verben oder die Pluralbildung (es gibt noch vieles andere mehr!).

    Pauschal gesprochen: Im deutschen Hauptsatz (Aussagesatz) steht das flektierte Verb an zweiter Stelle ("Ich gehe mit meinen Freunden am nächsten Mittwoch ins Kino"), im Nebensatz aber an letzter ("Ich freue mich, weil ich am nächsten Mittwoch mit meinen Freunden ins Kino gehe."). Hat man im Hauptsatz zwei Verben, zum Beispiel in einer Konstruktion mit einem Modalverb, steht das flektierte an zweiter Stelle, das nicht flektierte am Satzende ("Ich will am nächsten Mittwoch mit meinen Freunden ins Kino gehen"). Zudem gibt es im Deutschen jede Menge sogenannter trennbarer Verben, mit denen sich riesige Parenthesen bilden lassen. Nehmen wir etwa "hinaufgehen": "Ich gehe mit meinen Freunden und ihren Bekannten, die ich gestern in einem Restaurant um die Ecke kennengelernt habe, die Straße hinauf". Das muss man als Japaner oder Italiener erst einmal herausbringen!

    Ebenfalls unfassbar fies: die Deklination der Personalpronomen und Adjektive ("mein alter Schuh, meines alten Schuhs, meinem alten Schuh" etc.) oder die Pluralbildung: Bei den deutschen Nomen muss der Fremdsprachler nicht nur das Geschlecht des jeweiligen Wortes lernen, sondern auch dessen Plural: Die Mehrzahl des Schuhs heißt Schuhe, die des Hutes aber nicht Hute, sondern Hüte, mit dem neckischen kleinen Umlaut. Seien wir froh, dass wir diese "schreckliche Sprache" wenigstens halbwegs beherrschen!

    Manchmal ist man sich ja selbst als Muttersprachler bei der Mehrzahlbildung unschlüssig. Der Plural "Knäste" – von "Knast" – kam mir unlängst ein wenig befremdlich vor, als ich ihn auf einem Aufkleber des "Anarchistischen Schwarzen Kreuzes" las, den irgendjemand an einen Laternenpfahl gepickt hatte ("Für eine Welt ohne Knäste"). Die Unsicherheit rührt natürlich daher, dass wir in Ostösterreich den "Knast" weit weniger häufig verwenden als den "Häfn". Das österreichische Wörterbuch hält den "Knast" überhaupt für "veraltet" und führt auch keinen Plural an; das "Wiktionary" hingegen hat gleich eine Mehrzahl von Knast-Mehrzahlen parat, nämlich die "Knäste" und die "Knaste". Die p.t. Leserinnen und Leser mögen also entscheiden, was ihnen plausibler vorkommt: "Er kennt alle österreichischen Knäste von innen" oder "Er kennt alle österreichischen Knaste von innen."

    Damit überlasse ich aber auch schon der geschätzten Leserschaft das Feld, damit sie dieses Stichwort nach Gutdünken weiterspinnen mögen. Es ließen sich womöglich Überlegungen zu diversen Knastsynonymen anstellen, oder zu heiklen Pluralen, aber auch klassische Fehlleistungen von Menschen nichtdeutscher Muttersprache wären vielleicht der einen oder anderen Reflexion wert. Ich hoffe wie immer auf viele Postinge, Postings, Pöstinger, wie auch immer.

    Von Christoph Winder
    Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
    Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at.

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      "Knäste" oder "Knaste"?

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