"Wir schweben hier alle auf Wolke sieben"

Interview |
  • Traumtor von Pichlmann gegen Brescia + Kommentar

  • Thomas Pichlmann macht in Italien das, was ein Stürmer tun muss: Tore schießen.
    foto: fotoexpress/francesco grigolini

    Thomas Pichlmann macht in Italien das, was ein Stürmer tun muss: Tore schießen.

  •  "Ich denke, dass ich mir in Italien mit den 30 Toren in der Serie B 
einen guten Namen gemacht habe und dadurch einen hohen Stellenwert in 
der Mannschaft habe."
    foto: fotoexpress/francesco grigolini

    "Ich denke, dass ich mir in Italien mit den 30 Toren in der Serie B einen guten Namen gemacht habe und dadurch einen hohen Stellenwert in der Mannschaft habe."

  • "Trainer Andrea Mandorlini genießt hier Kultstatus, weil mit ihm eigentlich alles gewonnen 
wurde. Er hat Champions League-Erfahrung, war in Rumänien Meister, 
hat schon in der Serie A gearbeitet, er ist auf Topniveau und stellt uns
 perfekt auf den Gegner ein."
    foto: fotoexpress/francesco grigolini

    "Trainer Andrea Mandorlini genießt hier Kultstatus, weil mit ihm eigentlich alles gewonnen wurde. Er hat Champions League-Erfahrung, war in Rumänien Meister, hat schon in der Serie A gearbeitet, er ist auf Topniveau und stellt uns perfekt auf den Gegner ein."

Italien-Legionär Thomas Pichlmann hat Österreich vor drei Jahren den Rücken gekehrt um in Italien sein Glück zu suchen - Mit Hellas Verona ist er nahe dran, sich seinen Traum zu erfüllen

derStandard.at: Sie spielen seit 2008 in Italien. Zunächst bei US Grosseto, seit 2010 bei Hellas Verona. In letzter Zeit häufen sich die Erfolgsmeldungen von Hellas und des Öfteren sind Sie für entscheidende Tore verantwortlich, wie erst am Samstag beim 1:0-Heimsieg gegen US AlbinoLeffe. Ist das ein Zeichen Ihrer persönlichen Reife und Erfahrung?

Thomas Pichlmann: Ja, wahrscheinlich auch ein bisschen. Ich habe nach meiner Verletzung sicher etwas anders reagiert, als ich es als Jungspieler getan hätte. Ich habe mehr Ruhe bewahrt und bin zum richtigen Zeitpunkt zurückgekommen. Durch den Aufstieg in die Serie B letztes Jahr ist eine große Euphorie da. Nach den acht Siegen schweben hier alle auf Wolke sieben und ich bin natürlich froh, dass ich dabei sein konnte, als wir den Rekord von Juventus eingestellt haben und ich mit meinen vier Toren ein Schäuferl dazu beigetragen habe.

derStandard.at: Welcher Art war die Verletzung und wie sehr hat sie diese behindert?

Pichlmann: Ich habe praktisch die gesamte Vorbereitung versäumt, weil ich eine Patellasehnen-Reizung im Knie hatte. Ich musste das Training abbrechen und keiner konnte mir sagen, wie lange es dauern wird. Ich musste mich dann fast zwei Monate lang gedulden und ich bin erst nach zehn oder elf Runden in die Mannschaft gekommen. Aber jetzt ist wieder alles in Ordnung, es fühlt sich an, als wäre nie etwas gewesen.

derStandard.at: Sie haben mit Verona den achten Sieg in der Serie B in Folge gefeiert. Die Chemie in der Mannschaft scheint zu stimmen ...

Pichlmann: Ja, wir sind letztes Jahr mit zehn, zwölf anderen Spielern freiwillig eine Etage tiefer in die dritte Liga gegangen. Der Präsident hat viele Spieler mit Serie A- und Serie B-Erfahrung mit dem Ziel zusammengekauft, nach dem finanziellen Straucheln wieder den Aufstieg zu schaffen und auf gesunden Beinen zu stehen. Wir sind schlecht gestartet, die Mannschaft hat sich erst wieder finden müssen. Aber im Frühjahr sind wir zurückgekommen, haben alles gewonnen. Es ist natürlich eine Sensation, dass wir nun acht Siege in Folge feiern konnten, aber die Mannschaft hat locker die Qualität, in dieser Liga zu bestehen.

derStandard.at: Tabellenführer ist der FC Torino mit vier Punkten Vorsprung auf Hellas. Wir hoch ist die Qualität der Turiner einzuschätzen?

Pichlmann: Torino ist eine Mannschaft, die vor der Saison Spieler geholt hat, die unbedingt aufsteigen wollten und auch letztes Jahr schon knapp dran waren. Sie haben zum Beispiel Bianchi, der auch schon für Manchester City auf Torejagd gegangen ist und der jedes Jahr um die 20 Tore schießt. Torino hat sich bis jetzt noch keinen Ausrutscher geleistet und ich denke, sie werden Meister werden und den Aufstieg schaffen.

derStandard.at: Platz zwei würde jedoch auch für den direkten Aufstieg reichen, oder?

Pichlmann: Platz zwei würde reichen, die Teams von Rang drei bis sechs spielen im Aufstiegsplayoff. Wir würden den zweiten Platz auch dankend annehmen. (lacht). Das wäre eine Medaille weniger, aber der Aufstieg wäre geschafft.

derStandard.at: Ihr Dreijahres-Vertrag wurde vorzeitig um ein Jahr bis 2014 verlängert. Sie scheinen sich in Italien wohl zu fühlen und auch die Verantwortlichen scheinen mit Ihren Leistungen zufrieden zu sein. Was schätzen Sie an Verona?

Pichlmann: Italien taugt mir, Grosseto hat mir auch schon sehr gut gefallen und Verona ist ohnehin eine der schönsten Städte Italiens. Die Kinder fühlen sich sehr wohl hier, sie haben das Italienische gut angenommen, gehen in eine internationale Schule und sprechen drei Sprachen. Ich habe sicher auch den Vertrag hier verlängert, weil der Präsident große Stücke auf mich hält. Letzte Saison gelangen mir in der Aufstiegssaison zwar "nur" sieben Tore, aber das waren teamintern dennoch die meisten und ich bin heuer von den Stürmern trotz der wenigen Spiele wieder Führender in der Schützenliste. Also ich denke, dass ich mir in Italien mit den 30 Toren in der Serie B einen guten Namen gemacht habe und dadurch einen hohen Stellenwert in der Mannschaft habe. 

derStandard.at: Was schätzen Sie am Verein und was an Ihrem Trainer?

Pichlmann: Der Verein hat eigentlich Serie-A-Niveau. Wir haben 11.000 Dauerkarten verkauft, die Kurve ist ständig voll. Wenn es im Frühjahr ans Eingemachte geht, werden wir wieder an die 25.000 Zuschauer haben. Die Stadt ist nicht so groß, hat rund 270.000 Einwohner. Wenn dann 10 Prozent der Einwohner ins Stadion gehen, dann weiß die ganze Stadt, was hier abgeht. Das ist Fußballleben pur und wenn man weiß, wie fanatisch die italienischen Fans sind, positiv wie negativ, dann genießt man hier ein Leben, bei dem einem nie fad wird. Und Trainer Andrea Mandorlini, der nach dem schlechten Start letztes Jahr kam, genießt hier Kultstatus, weil mit ihm eigentlich alles gewonnen wurde. 

derStandard.at: Genießt man als Fußball-Profi in der Stadt einen besonderen Status?

Pichlmann: Zunächst wurde die Mannschaft skeptisch betrachtet, weil ein teures Team eingekauft wurde. Aber nach dem Aufstieg haben immer noch 6.000 Fans am Flughafen auf uns gewartet, als wir um drei Uhr in der Nacht von Salernitana nach Hause gekommen sind. Die Spieler, die den Aufstieg geschafft haben, genießen einen hohen Stellenwert in der Stadt. Wenn man durch die Straßen geht, wird man ständig aufgehalten und angesprochen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwer ein Autogramm haben möchte, aber das ist sehr positiv und etwas sehr Schönes.

derStandard.at: Sie kommen vermehrt als Joker zum Einsatz. Stört Sie das?

Pichlmann: Ich habe zwar schon zweimal von Beginn an gespielt, dabei zum Glück auch getroffen. Im Moment habe ich aber die Joker-Rolle inne, bin zweimal von der Bank gekommen, habe auch zweimal getroffen. Wenn alle fit sind, dann spielen im Moment die, welche die Vorbereitung komplett mitgemacht haben und ich komme dann als Joker rein. In Italien gibt es nur eine Vorbereitung, nicht wie in Österreich, wo man sich in die Winterpause retten und danach wieder in Schuss bringen kann. Aber ich arbeite daran, dass ich wieder für 90 Minuten fit bin, damit ich wieder gesetzt bin.

derStandard.at: Wie ist es um die Qualität der Serie B bestellt? Vergleichbar mit der österreichischen Bundesliga?

Pichlmann: Jetzt bin ich schon fast vier Jahre weg und habe daher vermutlich kein Recht, ein Urteil abzugeben, weil ich das aktuelle Niveau gar nicht so genau kenne. In der Zeit, als ich nach Italien gekommen bin, war es so, dass ich gesagt habe, dass jede Mannschaft der Serie B in der Bundesliga mitspielen könnte. Man sieht es ja am Beispiel Ried. Die haben ein paar Spanier aus der dritten Liga geholt und spielen nun ganz oben mit. Wenn man sich die Europacup-Erfolge der österreichischen Mannschaften mit drei Vereinen in der Gruppenphase anschaut, dann könnten diese Klubs sicher auch in der Serie B um den Aufstieg mitspielen. Aber Vergleiche sind schwierig, weil auch Training und Spielstil wahrscheinlich sehr unterschiedlich sind.

derStandard.at: Ist das Training in Italien qualitativ höher einzuschätzen?

Pichlmann: Wahrscheinlich haben sich die Trainingsmethoden in Österreich inzwischen auch schon geändert, aber damals vor vier Jahren, als ich nach Italien gekommen bin, war das eine komplett andere Welt. Von Österreich war ich es gewohnt, immer wieder Dauerläufe bis zu einer Stunde im Wald zu machen. In Italien dauert kein Lauf länger als maximal eine Viertelstunde. Hier wird mit Wechselsprints gearbeitet, von einem zum anderen Sechzehner, das ganze 60, 70 mal, allerdings mit kurzen Pausen. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis sich der Körper umgestellt hat. Auch auf den taktischen Bereich wurde mehr Wert gelegt, als damals in Österreich. So extrem, dass wir mit der Schnur rennen, wie es heißt, damit wir ja nicht die Taktik verhauen, ist es nicht. Aber es vergeht kein Tag, an dem wir nicht  blindes Verständnis eintrainieren. Die Ersatzspieler simulieren den Gegner und so werden die Spielzüge einstudiert. Unser Trainer hat Champions League-Erfahrung, war in Rumänien Meister, hat schon in der Serie A gearbeitet, er ist auf Topniveau und stellt uns perfekt auf den Gegner ein.

derStandard.at: Sie haben 2008 die Austria verlassen und haben den Wechsel zu Grosseto in die zweite italienische Liga gewagt. Wie kam es zu diesem mutigen Schritt?

Pichlmann: Ich habe in zwei Jahren 25 Tore für Grosseto erzielt und wurde dann nach Verona geholt. Ich war letztes Jahr der teuerste Transfer in der dritten italienischen Liga. Sie haben 600.000 Euro Ablöse bezahlt. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung, aber ich war auch stolz, dass ich mir so einen guten Namen gemacht habe. Das erste Jahr war natürlich mit Risiko bedacht, aber es ist voll aufgegangen. Von der Austria bin ich weggegangen, weil ich ein Dreivierteljahr verletzt war. Ich bin dreimal am Knöchel operiert worden und mir wurde dann nahegelegt, dass ich den Verein verlassen könnte, zumal Tommy Parits auch mit anderen Stürmern wie Sanel Kuljic geplant hat. Damals war ich 26 und ich habe beschlossen, ins Ausland zu gehen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

derStandard.at: Und der Transfer hat sich ausgezahlt...

Pichlmann: Wenn wir heuer aufsteigen und ich meinen Traum, in der Serie A auch ein Tor zu schießen, schaffe, dann hat es sich wirklich hundertprozentig ausgezahlt. Aber auch so habe ich es mir selbst und allen anderen bewiesen, dass ich die Standhaftigkeit habe, mich im Ausland durchzusetzen. Gerade wenn man bedenkt, dass die Sprache zu erlernen war und dass hier eine ganz andere Mentalität und Kultur herrscht. Wenn man sieht, dass viele wieder zurückgehen, dann ist es für einen selbst eine gewisse Genugtuung, wenn man sagen kann, dass man die Tiefen überstanden hat und am Höhepunkt und wann man will zurückgehen könnte.

derStandard.at: Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere bei Rapid gespielt. Hat man Ihre Fähigkeiten damals nicht erkannt?

Pichlmann: Ich habe bei Rapid im Nachwuchs gespielt, war dann bei den Amateuren und ein Jahr bei der Kampfmannschaft dabei. Damals hatte Rapid aber noch einen sensationellen Kader. Der Kapitän war damals der jetzige Rapidtrainer Schöttel, der mich später auch von Pasching zurück nach Hütteldorf holen wollte. Damals gab es Savicevic, Rene Wagner, Radovic und der junge Stürmer, den man aufbauen wollte, war der erst 20-jährige hoch talentierte Roman Wallner. Ich war nur der fünfte Angreifer, der Verein musste sich für einen Stürmer entscheiden und sie haben dabei sicher nichts falsch gemacht.

derStandard.at: Sie spielten in Österreich für Rapid, Vienna, Leoben, Pasching und Austria. Bei welchem Verein haben Sie sich am wohlsten gefühlt?

Pichlmann: Wohl habe ich mich bei all diesen Vereinen gefühlt, es war meist so, dass ich aus sportlichen Gründen weg wollte, beziehungsweise aus dem Vertrag rausgekauft wurde, um den nächsten Schritt zu machen. Von der Vienna musste ich weg, um durch den Abstieg in die Regionalliga nicht die weitere Karriere zu gefährden. In Leoben haben viele gute Talente gespielt, ich war damals Teil des Babysturms. Danach bin ich nach Pasching in die Bundesliga gegangen, bin dort Nationalspieler geworden und wollte eine fixe Größe im ÖFB-Team werden und somit war klar, dass ich zu einem österreichischen Topklub gehen muss. Deshalb bin ich dann zur Austria gekommen. 

derStandard.at: Würden die Hütteldorfer oder Austrianer nun anrufen und Sie verpflichten wollen, würden Sie ja sagen?

Pichlmann: Bedingt durch die Verletzung im Sommer und dadurch, dass Verona auch einen Reservestürmer geholt hat, gab es die Möglichkeit, dass ich mich für zehn Monate wo anders hin orientiert hätte. Da habe ich mit Sturm Graz gesprochen, das Angebot war interessant und es gab einen gewissen Reiz, wieder für einen Großklub in Österreich zu spielen. Aber wenn ich heute entscheiden müsste, dann würde ich nein sagen, weil wir knapp dran sind, den Aufstieg in die Serie A zu schaffen und es immer ein Traum von mir war, gegen die besten Teams der Welt zu spielen. Und ich möchte die Chance nicht auslassen, mir diesen Traum zu verwirklichen.

derStandard.at: Verfolgen Sie die heimische Liga aus dem Ausland?

Pichlmann: Ich habe noch mit einigen Spielern, die ich von früher kenne, Kontakt. Mittlerweile ist es auch leichter, Spiele per Stream über Internet zu verfolgen. Ich schaue mir immer wieder Spiele und Highlights an. Ich verfolge das alles, möchte auch nach der aktiven Karriere im Fußballgeschäft bleiben, möchte meine Karriere nicht in Italien beenden, sondern habe schon vor, mit 33, 34 noch einmal ein, zwei Jahre in Österreich zu spielen und meine Qualität unter Beweis zu stellen. Das wäre mein Karriereplan, wenn er so funktioniert. Die Kinder kommen dann auch in ein Alter, in dem sie sagen werden, jetzt waren wir lange genug weg, jetzt gehen wir wieder heim.

derStandard.at: Oder sie wollen bleiben, weil es so schön ist in Italien...

Pichlmann: (lacht). Es ist eh schön. Das wäre Raunzen auf hohem Niveau, wenn man sagen würde, man müsste wieder heim, aber so ist es bei weitem nicht. Wir haben uns ein Haus in Wien gekauft und fahren auch zu Weihnachten wieder heim. Wir haben viele Freunde und den familiären Mittelpunkt in Wien.

derStandard.at: Sie haben 2005 zwei Länderspiele mit dem ÖFB-Team absolviert. Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, noch einmal einberufen zu werden?

Pichlmann: Keine Ahnung. Als ich damals für Grosseto sehr erfolgreich war, stand ich schon immer wieder auf Abruf, war knapp dran wieder reinzurutschen. Ich denke, das ist immer abhängig von der Zeit. Es hat eine Zeit gegeben, als man als Serie B-Spieler fast Fixspieler im Nationalteam war. Jetzt im Moment gibt es viele gute Stürmer, die auch in den obersten Ligen spielen. Wenn ich mit Verona aufsteige und Serie A spiele, dann ist die Chance natürlich bei weitem größer. Aber in Österreich orientiert man sich mehr nach Deutschland oder England. Ich habe jetzt rund 40 Tore in Italien geschossen und ich denke, wenn ich das in Deutschland getan hätte, dann hätte ich das eine oder andere Spiel mehr im Team absolviert. Beeinflussen kann ich nur meine Leistung hier in Verona, eine Einberufung wäre eine wunderbare Sache, aber da muss der Teamchef auch mitspielen und der hat seine Ideen. Was er macht, wird man sehen. (derStandard.at, 13. Dezember 2011)

Thomas Pichlmann wurde im April 1981 in Wien geboren und ist ein Mittelstürmer. Er spielte für Rapid, Vienna, Leoben (er bildete dort mit Matthias Dollinger den sogenannten "Babysturm"), Pasching, Austria und wechselte 2008 zu Grosseto in die zweite italienische Liga. 2010 wurde er von Hellas Verona verpflichtet, 2011 wurde der Aufstieg in die Serie B geschafft.

Link: blog-at.thomas-pichlmann.at

Share if you care