Zweite Wahlrunde: In Imbaba, im Westen Kairos, ist den islamischen Parteien der Sieg sicher
Die Straßen sind eng und staubig. Das wichtigste Verkehrsmittel ist das Tuk-tuk, das dreirädrige indische Motorrad. Die Menschen wohnen beengt. "Fünf Millionen leben hier" , schätzt einer von ihnen. Genau weiß es niemand. Auch das ist Kairo, allerdings ein Stadtteil, dem kein Vermerk im Reiseführer gewidmet ist. Imbaba gehört zur Provinz Giseh, dem Gebiet Kairos, das westlich vom Nil liegt. Giseh ist eine der neun Provinzen, in denen am Mittwoch und Donnerstag die zweite Runde der ägyptischen Parlamentswahlen ausgetragen wird.
Gamal sitzt nach dem Freitagsgebet noch vor einer kleinen Moschee. An der Hauswand klebt ein Plakat der salafistischen Nur-Partei. "Mit der Moschee hat das nichts zu tun. Aber die meisten Menschen hier wählen die Islamisten" , meint Gamal. Imbaba war einst berüchtigt als Hort von militanten Islamisten. Sie brachten ihm den Namen "islamische Republik Imbaba" ein.
Die radikalen islamischen Gruppierungen haben inzwischen der Gewalt abgeschworen, und mehrere ihrer Exponenten haben nach der Revolution Parteien gegründet. Die Salafisten wurden in den letzten Monaten aber beschuldigt, hinter einer neuen Welle von Intoleranz und hinter den religiösen Auseinandersetzungen mit Christen zu stehen, die im Sommer ausgebrochen waren. Es gab sogar Gerüchte, sie würden als Abschreckung Körperstrafen praktizieren. Einem jungen Mann, der ein Tuk-tuk gestohlen hatte, soll eine Hand oder - nach einer andern Version - ein Ohr abgeschlagen worden sein.
Sozial konservativ
Imbaba ist ein sozial konservativer Fleck geblieben. Die Polizeibrutalität im Mubarak-Regime ist jetzt eine Art Sympathiebonus für die Islamisten. "Mubarak wollte, dass wir mit den Alltagssorgen beschäftigt sind und zu allem schweigen" , erklärt Gamal, der Besitzer eines kleinen Ladens ist. Aber nach der Revolution ist die wirtschaftliche Lage noch schlechter geworden. Von den Wahlen erhofft sich Gamal, dass eine Regierung kommt, die sich um die breite Masse und nicht nur um die Besserverdienenden kümmert. Zwei Drittel der Menschen auf dem Tahrir-Platz demonstrierten im Januar für einen besseren Lebensstandard und mehr Jobs.
Karitative Organisationen
"Wenn der Ägypter ein Pfund hat, kauft er Essen. Wenn er ein halbes Pfund hat, kauft er Essen. Und wenn er kein Geld hat, isst er auch" , erklärt ein Gast in einem Kaffeehaus die Überlebensstrategie. Ist kein Geld da, hilft die Familie oder eine der karitativen Organisationen, die von den religiösen Gemeinschaften - auch von den christlichen - geführt werden. Hier erhalten Bedürftige Geld oder Lebensmittel wie Zucker, Öl, Reis und Tee, aber auch Medizin.
Diese Organisationen sind deshalb lokal stark verwurzelt. Das gilt vor allem für die stärkste unter ihnen, die Muslimbrüder. Die Kandidaten ihrer Freiheits- und Gerechtigkeitspartei sind die meisten im Wahlkreis. Auch in diesen Tagen halten sie nicht nur Reden. Ihre jungen Mitglieder haben Tische mit einem Laptop aufgestellt, wo es neben Informationen über die Kandidaten auch Hilfe für die Bürger gibt, damit sie das richtige Wahllokal auf Anhieb finden. Für die Menschen in Imbaba ist Politik vor allem Lebenshilfe, und da haben die Islamisten den besseren Leistungsausweis als ihre politischen Konkurrenten. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2011)