Die Firma als kleines und mittleres Kraftwerk

12. Dezember 2011, 17:44
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Gewerblich genutzte Gebäude, die Überschüsse an Energie erzeugen, sind noch eine Seltenheit

"In Aspern Seestadt entsteht derzeit die erste Plus-Energie-Gewerbeimmobilie Österreichs", ist dem Magazin Citynews zu entnehmen, das die Geburt des neuen Stadtviertels in Wien-Donaustadt noch eine Weile begleiten wird. Bloß stimmt das eben nicht ganz, denn mittlerweile gibt es schon eine Handvoll heimischer Firmengebäude, die bereits mehr Energie gewinnen, als sie verbrauchen.

Treibende Kraft hinter der Realisierung solcher Kleinkraftwerke waren in aller Regel Pioniere aus kleinen und mittleren Unternehmen. Da diese gewerblichen Gebäude mit dem höchsten Energieeffizienzstandard aber nur selten als geförderte "Leuchtturmprojekte" errichtet werden, nimmt auch die Öffentlichkeit davon selten Notiz.

Effizienz in kleinen Schritten

Margit Schön von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik bestätigt, wie schwer es ist, die Verbreitung von gewerblichen Plusenergiehäusern zahlenmäßig einzuschätzen: "Im Detail kennen wir natürlich auch nur jene Projekte, die bei uns im Rahmen des Forschungs- und Technologieprogramms 'Haus der Zukunft' entwickelt werden."

Allerdings könne sie sehr wohl eine Art Trend unter den KMU feststellen, die betriebliche Energieeffizienz zu verbessern: "Dort, wo Energie ungenutzt frei wird, etwa in Form von warmer Abluft, kommt es immer häufiger zu einer Wiederverwertung", sagt Schön. Wie tiefgreifend die energetischen Gebäudekonzepte seien, hänge aber auch stark von der Qualität der Berater ab. Und natürlich von den Förderungen, die grundsätzlich eher auf Private als auf Betriebe zugeschnitten seien. 

Keine Förderungen

"Förderungen?", wiederholt der Salzburger Unternehmer Carl Gerald Selmer die Frage - und beantwortet sie: "Die gab es noch nicht, als ich vor 15 Jahren eine Möglichkeit gesucht habe, unseren Betrieb energieeffizienter zu machen. Ich wusste damals nur, dass ich seit Jahrzehnten immer brav die Stromrechnung überwiesen habe. Doch dann kam die Zeit, als ich das einfach nicht mehr wollte."

Selmers Familienbetrieb, der sich auf die Einrichtung von Kindergärten, Mehrzweckhallen und Seminarräumen spezialisiert hat, ist ein Beispiel dafür, dass ressourcenschonende Gebäudekonzepte von KMU selten in einem einzigen Schritt umgesetzt werden. "2000 haben wir die größte Photovoltaikanlage Salzburgs aufgestellt und eine Hypokaustheizung für das Lager realisiert. Die funktioniert im Prinzip genauso wie in den antiken römischen Thermen", erklärt Selmer. So wurde der Betrieb bereits ab diesem Zeitpunkt zu einem Nullenergiehaus - also zu einem Gebäude, das genauso viel Energie verbraucht, wie es selbst gewinnen kann.

Stromproduzierender Betrieb

Rund zehn Jahre später entschied sich Selmer für eine Ausweitung dieser Maßnahmen am Firmenstandort in Köstendorf. Dort bildet nun erst die Einheit aus Ausstellungsräumen und Bürogebäude das eigentliche Plusenergiekonzept: So liefert eine in die Fassade integrierte Solaranlage zusammen mit einem Pufferspeicher, einer Lüftungsanlage und der Betonkernaktivierung in der Bodenplatte die gesamte Energie für die Heizwärme sowie für das Brauchwasser. Die zusätzlich auf dem Dach des Showrooms installierte PV-Anlage versorgt dabei das Bürogebäude mit Strom und produziert sogar Überschüsse, die ins öffentliche Stromnetz eingespeist werden.

Eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen wie etwa die Brauchwasserversorgung durch einen Regenwassertank oder die optimierte Ausrichtung der Glasflächen am Haus führten letztlich zu einem ganzheitlichen Energiekonzept, das bereits heute die "EU-Gebäuderichtlinien 2020" erfüllt.

"Wenige Energieberater trauen sich da jetzt schon drüber", befürchtet Selmer. "Aber ich hatte das Glück, von einem engagierten Autodidakt aus der Region beraten zu werden." Die niedrigen Einspeisungstarife, die er für den Stromüberschuss aus seiner Anlage erhält, hielten ihn jedenfalls nicht davon ab, bereits über eine Erweiterung der Anlage nachzudenken: "Noch ein paar Photovoltaikmodule mehr, und ich kann in Zukunft einen ganzen Fuhrpark aus Elektromobilen mit eigenem Strom versorgen", präzisiert Selmer seine Pläne für die Zukunft.

Sonnenkraft im Nebel

Der Energy-Globe-Award, der Selmer für die Umsetzung eines gewerblichen Plusenergiehauses verliehen wurde, ziert bereits ein weiteres "KMU-Kleinkraftwerk" von vergleichbarer Machart: Das just im nebelreichsten Ort Österreichs mit Sonnenenergie versorgte Firmengebäude von Terratherm (vormals Ökotherm).

In Schörfling am Attersee wurden aber zusätzlich zu einer Photovoltaik- und einer Solaranlage auch vier unterschiedliche Arten von Wärmepumpen (Erdreich-, Direktverdampfungs-, Grundwasser- und Tiefenbohrungspumpen) installiert. Für einen Teil der Umsetzung des Energiekonzepts war nicht einmal externe Hilfe erforderlich: Die Pumpen produziert Terratherm selbst, und im Keller des Gebäudes unterhält das Unternehmen eine kleine Forschungsabteilung, in der unterschiedliche Sonnenenergiemodelle evaluiert werden. Die auf diese Weise erzielte positive Nettoenergierendite nutzt das KMU direkt vor Ort - für einen Whirlpool sowie für die Freihaltung der Firmenzufahrt von Schnee.

Plusenergie-Druckerei

Das Vorhaben des niederösterreichischen Mediendienstleisters Gugler, bis 2013 ein Plusenergiekonzept in einer Druckerei umzusetzen, geschieht im Rahmen des Programms "Haus der Zukunft". Die Neubauhülle soll dabei Passivhausstandard aufweisen, und der Energiebedarf zum einen Teil durch die Produktionsabwärme, zum anderen durch ausschließlich erneuerbare Energiequellen am Gebäude oder am Grundstück gedeckt werden.

Projektleiterin Ursula Schneider von pos architekten versucht schon seit mehr als 20 Jahren zu beweisen, dass auch bei Büro- und Gewerbehäusern ein energetischer Paradigmenwechsel stattfinden muss. Plusenergiehäuser sind Pionierkonzepte. Und zwar solche, die einen geringen Ressourcenhunger haben. Davon braucht es in Zukunft noch mehr. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.12.2011)

  • Bei Selmer in Salzburg liefert die Ausstellungshalle mehr Strom, als das Bürogebäude verbrauchen kann. 
(Foto: Wozak.at)
    foto: wozak

    Bei Selmer in Salzburg liefert die Ausstellungshalle mehr Strom, als das Bürogebäude verbrauchen kann.

    (Foto: Wozak.at)

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