ÖAMTC spricht von "unabschätzbarer Gefahrensituation", Asfinag von "reiner Komfortfrage"
Wien - 0,66 Tote pro Jahr statt 0,65: Der Unterschied in der Risikoanalyse im Zusammenhang mit dem geplanten Lobautunnel mag marginal sein. Für die Asfinag reicht er jedenfalls aus, jeden zweiten Sicherheitsstollen zu streichen (alle 500 anstelle alle 250 Meter). Nur 16 statt der ursprünglich 32 geplanten Stollen sollen gebaut werden.
Willy Matzke, ÖAMTC-Experte für Tunnelsicherheit, spricht von einer "Beruhigungspille" seitens der Asfinag. Es handle sich um einen Tunnel, der in dieser Form in Europa noch nie gebaut worden sei. Dementsprechend unabschätzbar sei die Gefahrensituation. Als Norm für Tunnelanlagen dieser Größe bezeichnet Matzke den Abstand von Rettungsstollen alle 250 Meter.
Auch die Bürgerinitiative Marchfeld - Groß Enzersdorf zweifelt an den statistischen Berechnungen in der Sicherheitsstudie: "Wenn bei einem Auffahrunfall im Tunnel ein Tanklaster in Brand gerät, macht es sicher ein großen Unterschied, ob man angesichts der Feuersbrunst im Tunnel 250 Meter zurücklaufen muss oder einen halben Kilometer", meint Sprecherin Margit Huber.
Laut EU-Recht zulässig
Sie erklärt, dass die gravierende Planungsänderung mit veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen - EU-Recht statt österreichischem Gesetz - zu tun habe. Gemäß dem europäischen Recht sei die Errichtung von Querstollen alle 500 Meter erlaubt. Die daraus entstandene Optik - Ausschöpfung der Möglichkeiten zulasten der Sicherheit - sei jedenfalls schief, meint Huber.
Dem kontert Asfinag-Sprecher Christian Honegger mit einem Vergleich: "Nehmen wir an, man werde durch die Bauordnung zur Errichtung eines roten Daches gezwungen. Ändert sich die Bebauungsbestimmung, und man kann doch die Farbe wählen, dann wird man das auch tun." So sei das auch beim Lobautunnel zu sehen, der mit seinem effizienten Rauchabzugssystem und einer zusätzlichen Fahrbahn (Pannenstreifen) sicherheitstechnisch bestens ausgestattet sein werde. Die Frage "Sicherheitsstollen alle 500 oder 250 Meter" sei demnach eine reine "Komfortfrage". (Carola Timmel, DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2011)