Forschung: Mit einem Schlag ruiniert

Gastkommentar
  • Wen trifft es als nächsten? In der heimische Forschungspolitik geht der wahllose Kahlschlag weiter ...
    vergrößern 824x1236
    foto: gundi mayrhofer

    Wen trifft es als nächsten? In der heimische Forschungspolitik geht der wahllose Kahlschlag weiter ...

Wie man die österreichische Forschung aushungert, totspart und Schritt für Schritt ruiniert - Von Gunther Tichy

Die österreichische Bundesregierung hatte sich einmal das Ziel gesetzt, die Forschungsquote bis 2020 auf 3,76 Prozent zu steigern. Das ist auch lange gut gegangen: Von 1,94 Prozent im Jahr 2000 über 2,48 Prozent im Jahr 2005 erreichten wir 2009 mit 2,79 Prozent den Höhepunkt. Seither stagniert die Forschungsquote. Für heuer werden 2,78 Prozent erwartet und 2012 wird es noch schlechter werden. Die Universitätsbudgets können mit der Inflation nicht Schritt halten, sie sinken real, und die Budgetzuweisung an die Österreichische Akademie der Wissenschaften erzwingt die Entlassung von 300 Wissenschaftern.

Ruinöse Effizienzstrategie

Was mühsam und mit großen Hoffnungen aufgebaut wurde, wird mit einem Schlag ruiniert. Hinter diesem Kahlschlag stehen die Strategien zweier Ministerien: Eine "Effizienzstrategie" des Finanzministeriums und eine Konzentrations- und Fusionsstrategie des Wissenschaftsministeriums. Das Finanzministerium hält Universitäten und Forschung für ineffizient; mehr Geld könnte es bloß geben, wenn die Effizienz gesteigert würde. Nun ist die Effizienz von Lehre und Forschung zwar nicht leicht zu messen, doch könnte sie tatsächlich gesteigert werden: Wenn die Betreuungsrelationen in den Fächern mit Massenstudien verbessert würden, und dadurch die Studiendauern verkürzt, die drop-out Quoten gesenkt und der Anteil der prüfungsinaktiven Studenten verringert werden könnten, die alle im internationalen Vergleich besonders ungünstig sind. Das kostet aber Geld, das der Staat aber lieber im Koralmtunnel versenkt oder in Hacklerpensionen verschenkt. Die Effizienz könnte auch gesteigert werden, wenn die Universitäten die Möglichkeit hätten, Studenten abzuweisen, die generell oder für ein bestimmtes Studium wenig geeignet sind. Die Effizienz der Forschung könnte gesteigert werden, wenn die Forscher längerfristig planen könnten, oder wenn die Ministerien ihre 80 unterschiedlichen Forschungsprogramme unterkritischer Größe und teils dubioser Zielsetzung zusammenlegen und rationalisieren würden.

Wettbewerb auch in Forschung unverzichtbar

Es gäbe also durchaus Möglichkeiten einer Effizienzsteigerung, aber da müsste der Regierung mehr einfallen als die Mittel für Universitäten und Forschung einzufrieren oder gar zu kürzen. Die Budgetnot der Akademie der Wissenschaften und die dadurch erzwungenen Entlassungen von 300 Forschern beruhen aber nicht bloß auf der wenig zukunftsorientierten Strategie des Finanzministeriums sondern auch auf der Konzentrations- und Fusionsstrategie des Wissenschaftsministeriums. Man ignoriert die unbestrittene Erkenntnis weithin bekannter internationaler Studien, dass auch in der Forschung Wettbewerb unverzichtbar ist und Fusionen die Effizienz zumeist mindern.

Schließung auf Raten

So hat das Ministerium schon in einer früheren ersten Runde die Mittel für zahlreiche sozial-, geistes- und sozialwissenschaftliche Institute gestrichen; in der zweiten Runde ist jetzt die Akademie der Wissenschaften dran. Manche Forschungseinrichtungen sollen geschlossen, andere ausgehungert, viele den Universitäten angeschlossen werden. Letzteres ist eine Schließung auf Raten, da die Finanzierung bloß auf drei Jahre erfolgt, und eine darauf folgende Aufstockung der Mittel so gut wie ausgeschlossen ist. Das Ministerium glaubt, durch die Eingliederung der außeruniversitären Forschung in die Universitäten deren internationale Sichtbarkeit zu erhöhen.

Schließungen ohne Vorwarnungen, ohne Prinzip

Forschung ist und muss dynamisch sein, und insofern ist nichts gegen die Förderung von Kooperationen oder die Schließung weniger effizienter Forschungseinrichtungen einzuwenden. Man muss dabei aber sorgfältig und überlegt vorgehen. In dem NAWI-Projekt haben die Karl Franzens-Universität Graz, die TU Graz und das Ministerium im Weg finanzieller Hilfe gezeigt, wie man so etwas im Konsens aller Beteiligten angeht. Erzwungene Kooperation schadet. Die Akademieinstitute kooperieren schon jetzt mit passenden in- und ausländischen Forschungsinstituten, Doppelgleisigkeiten mit österreichischen Universitätsinstituten fallen kaum ins Gewicht. Viele Akademiemitarbeiter halten Lehrveranstaltungen an den Universitäten. Zusätzlicher Druck auf Fusionen bringt daher weder bessere noch effizientere Forschung.
Vor allem aber muss die Schließung von Forschungseinrichtungen auf Grund sorgfältiger, national und international vergleichender Evaluierungen erfolgen, und es muss überlegt werden, wie die Verluste an Humankapital und Forschungsergebnissen möglichst gering gehalten werden können. Nichts von dem geschah! Die Schließungen der ersten Runde erfolgten nach einer, unerforschlichen Prinzipien folgenden Liste des Ministeriums und ohne Vorwarnung; die Betroffenen standen plötzlich vor dem Nichts. Nicht zufällig musste ein Teil der Blitzaktion wieder zurückgenommen werden. Die erzwungene Rückentwicklung der Akademieinstitute folgt der Strategie "Selbstbedienung der Universitäten": Sie dürfen sich die Forschungseinrichtungen angliedern die sie glauben brauchen zu können; was mit den verbleibenden Mitteln der Akademie nicht finanziert werden kann, wird eben geschlossen. Von Evaluierungen oder einer strategischen Konzeption keine Rede.

Außeruniversitäre Forschung folgt anderen Gesetzen, hat andere Aufgaben

Dabei darf man nicht übersehen, dass die Akademieinstitute zu den besten Österreichs gehören: Der Wittgensteinpreis, der "österreichische Nobelpreis", ging in den letzten 15 Jahren je sechs Mal an Wissenschafter der Akademie und der Universität Wien, je vier Mal an solche des Instituts für molekulare Pathologie und der TU Wien, je einmal an Wissenschafter der Universitäten Graz, Linz und Innsbruck.

Der Plan der Ministerien die Effizienz der Forschung durch Reduzierung der außeruniversitären Einrichtungen zu steigern und die österreichische Forschung dadurch international sichtbarer zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Die außeruniversitäre Forschung folgt anderen Gesetzen als die universitäre und sie hat auch andere Aufgaben, solche, die die Universitäten weniger gut erfüllen können. Indirekt gibt das die österreichische Forschungspolitik sogar zu: Sonst hätte man ja - wie in Deutschland - die Universitäten durch eine Exzellenzinitiative stärken können; tatsächlich aber hat man das außeruniversitäre ISTA in Gugging gegründet!

Außeruniversitäre Forschung widmet sich zumeist längerfristigen, größeren Projekten, die in größeren Teams bearbeitet werden, agiert zumeist interdisziplinär, und auf Gebieten, auf denen zumeist wenig Studenten ausgebildet werden. Sie beschäftigt Forscher, die sich von ihrer Forschertätigkeit nicht gern durch Prüfungen und Administration ablenken lassen wollen. Es ist kein Zufall, dass gerade in Österreich und Deutschland, Ländern die bisher mit der Massenuniversität nicht zurecht gekommen sind, außeruniversitäre Institute wie die Max Planck-Institute oder eben die Akademie der Wissenschaften einen erheblichen Teil der (Grundlagen-)Forschung tragen.

Die Schwächung des Forschungsträgers "Akademie der Wissenschaften" wird nicht zur Stärkung der Universitäten sondern bloß zur Schwächung der österreichischen Forschung beitragen. Die Finanzierung der universitären "Neuerwerbungen" ist auf drei Jahre beschränkt; danach wird es keine Zusatzfinanzierung geben. Demgemäß wissen die Forscher nicht wie es dann weitergeht: Ob sie entlassen werden oder voll in den Lehr- und Prüfungsbetrieb integriert. Die besseren werden sich in der Zwischenzeit nach Alternativen umsehen, Forschungsprojekte werden abgebrochen oder auf halber Flamme weitergeführt werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Universitäten nach drei Jahren bloß noch die institutionelle Hülle früher erfolgreicher Akademieinstitute halten werden. (Gunther Tichy, derStandard.at, 13.12.2011)

Autor

Univ.Prof. i.R. Dr. Gunther Tichy ist stellvertretender Vorsitzender des Universitätsrats der Universität Graz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Share if you care