Museumsquartier und Mozart für Mailand

12. Dezember 2011, 16:36
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Mailand erlebt derzeit eine Identitätskrise - aber eine fruchtbare. Über den Wandel vom Finanz- zum kulturellen Zentrum

Italiens moralische Hauptstadt, Mailand, befindet sich in einer Identitätskrise. Denn die lombardische Metropole punktet in letzter Zeit mehr durch ihre Kultur- als durch ihre Finanzpolitik. Innerhalb eines Jahres ist in Mailand, rund um den Dom, ein neues Museumsquartier entstanden.

Während es mit den Finanzen abwärts geht, geht's mit der Kultur aufwärts, meinte kürzlich Mailands Kulturrat Stefano Boeri. Er hat leicht lachen. Gleich drei neue Museen sind hier in den letzten zwölf Monaten entstanden. Anfang Dezember 2010 wurde das Museo del Novecento mit 400 Meisterwerken der zeitgenössischen Kunst eröffnet.

Knapp ein Jahr später setzte die Mailänder Großbank Intesa Sanpaolo gemeinsam mit der Stiftung Cariplo ein neues Projekt um: Im Zentrum der Stadt, gegenüber der Scala, wurden zwei neue Museen eröffnet. In den Gallerie d'Italia an der Piazza Scala (Palazzo Anguissola) und Via Manzoni 10 (Palazzo Brentani) werden seit November 2011 Meisterwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert von Canova bis Boccioni ausgestellt.

Die Kunst der Romantik (Hayez), der Neoklassik (Canova) und des Futurismus (Boccioni) sind hier in geballter Form zu sehen Über 700 Gemälde und 116 Skulpturen umfasst die bislang dem Publikum nicht zugängliche Sammlung. Bis Februar 2012, wenn sämtliche Museumssäle in den beiden Palazzi geöffnet sein werden, ist der Eintritt gratis.

Armani-Designhotel

"Wir wollen die Mailänder überzeugen, dass sie auch kulturell mit Rom, Florenz und Venedig mithalten können", meinte der Präsident der Banca Intesa, Giovanni Bazoli, der die neue Initiative eingeleitet hat. Die zwei neuen Museen sind nur ein paar Schritte vom Mailänder Museo Poldi Pezzoli entfernt, das derzeit mit einer Ausstellung (bis 13. Februar) über den Mailänder Kunstmäzen und Sammler Gian Giacomo Poldi Pezzoli punktet.

Die Via Manzoni, die sich von der Scala bis zur Piazza Cavour erstreckt, entwickelt sich zum neuen Superboulevard Mailands. Hier kommt die konkrete Nüchternheit der Mailänder bestens zum Ausdruck, etwa im Möbel-und Einrichtungsgeschäft Driade (Via Manzoni 30).

Schräg gegenüber von der Driade, in der Via Manzoni 31, hat nun Modezar Giorgio Armani im November sein erstes Designhotel eröffnet - natürlich im minimalistischen Stil. Das Innendekor der 98 Zimmer ist in den klassischen Armani-Farben Schwarz-Weiß-Grau gehalten, wird aber durch goldene Säulen aufgelockert. Im sechsten Stockwerk bieten das Armani-Restaurant und die Aperitif-Bar einen atemberaubenden Ausblick bis zum Dom.

Die Entwicklung zur Kulturmetropole steht noch am Anfang. Kulturrat Stefano Boeri plant zehn große Kulturprojekte, die in Mailand bis 2015 umgesetzt werden sollen: Auf dem ehemaligen Industriegelände Ansaldo soll ein neues zeitgenössisches Multikultimuseum entstehen, des Weiteren ein neues Kulturzentrum für Kinder in der Rotonda Besana, an der Peripherie Mailands sollen neue Galerien eröffnet werden.

Der Protagonist Mailands heißt in diesen Tagen Wolfgang Amadeus Mozart. Denn bei der feierlichen Saisoneröffnung am Opernhaus La Scala am 7. Dezember kam Mozarts Don Giovanni unter dem neuen musikalischen Spielleiter Daniel Barenboim zur Aufführung. Die Buchhandlungen rund um die Scala strotzen vor Mozart-Biografien. Eine Comic-Ausstellung im Ausstellungszentrum Wow (Viale Campania 12) zeigt Amadeus als bekannte Comic-Figur, die Registerarie Leporellos tönt einem in der Galleria in voller Lautstärke entgegen, und sogar Mozart-Desserts sollen beim Galadinner im Exklusivclub dei Giardini den mehr als tausend Gästen serviert werden. (Thesy Kness-Bastaroli/DER STANDARD/Printausgabe/10.12.2011)

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