Und die Klimakarawane zieht weiter

11. Dezember 2011, 19:58
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Bevor sie im nächsten Jahr in Katar Station macht, dürfen viele Delegierte noch einmal ins Trainingslager: nach Rio

Die COP 17 war eine enorme Kraftprobe. Die zähen Verhandlungen gingen die ganze Nacht bis in die Morgenstunden heute Sonntag weiter. Journalisten und Delegierte schliefen schon die zweite Nacht auf dem Boden und den Bänken am Konferenzgelände, andere schliefen in der Garage. Der Zermürbungsgipfel kostet auch uns die letzten Kraftreserven. Wenig Schlaf, kaum Zeit zum Essen und die Klimaanlagen fordern ihren Tribut. Einige von unserem WWF-Team waren erkrankt, mussten aber trotzdem weitermachen, denn wir brauchten hier jeden Mann und jede Frau für die vielen Meetings, die Interpretation und die anschließende Kommunikation an die Weltpresse.

Am Freitag gab es eine Demonstration mit Sprechchören und Transparenten, die über eine Stunde lang einen Teil des Konferenzzentrums blockierte. Binnen Minuten wimmelte es von Hunderten Journalisten und ihren Kameras. Schließlich sperrte der UN-Sicherheitsdienst den besetzten Teil ab und löste die Kundgebung auf. Auch Occupy organisierte gestern außerhalb des Kongresszentrums zwei Aktionen. Genützt haben die Proteste der Zivilgesellschaft nicht viel, denn das Ergebnis ist mehr als mager. Immerhin wurde das Grundgerüst für den Grünen Klimafonds gezimmert. auch wenn nicht klar ist, wo die angestrebten Milliarden herkommen sollen. Es gab keine fixe Einigung zu einem rechtlich verbindlichen Abkommen. Die USA und Indien haben gemauert. Der Formulierung „Protokoll oder rechtliches Instrument" fehlt es an Ambition und wenn es jemals in Kraft treten sollte, dann viel zu spät, erst nach 2020. Eigentlich sollte es schon ab 2015 gelten. Japan, Russland, die USA, Kanada und Neuseeland werden nicht beim Kyoto-Protokoll dabei sein. Auch die Schwellenländer nicht. Selbst wenn es ein rechtlich verbindliches Abkommen geben wird, dann betrifft das nur jene Länder, die für ein Siebtel des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich sind. Die WWF-Experte sagen, mit diesem katastrophalen Ergebnis steuern wir geradewegs auf eine 4-Grad-plus-Welt zu - wir müssen uns also damit abfinden, dass wir auf einen Planeten zusteuern, in dem die von uns verursachten Katastrophen nicht mehr zu steuern sein werden. Auch wenn die COP 17 am Ende einige Lichtblicke hatte, sie wurde doch eine Flop-COP gemessen an den Forderungen des WWF.

Böse Zungen behaupten, dass die wichtigste Meldung des Gipfels war: Schokoweihnachtsmänner sind schuld am Klimawandel: Über 315 Kilogramm CO2 verursachte allein schon der Schokoladekonsum der UN-Klimakonferenz-Teilnehmer in Durban. Insgesamt kommt die Schokoindustrie auf über 3,7 Millionen Tonnen des Treibhausgases pro Jahr. Das behauptet zumindest ein Berliner Schokohersteller. Dem Konsum von Süßigkeiten können sich jetzt auch die Tausenden Teilnehmer des Klimagipfels wieder widmen. Sie haben Süßes als Trost nötig, dass es wieder einmal nicht gereicht hat, um entscheidende Schritte voranzukommen. Trotzdem ist das viel zu wenig. Die Delegierten brauchen Trost und den Schoko-Weihnachtmännern stehen unsichere Zeiten bevor.

Die Klimakarawane wird nun weiter ziehen. Bevor sie im nächsten Jahr in Katar, dem Land der Fußballweltmeisterschaft 2022, Station macht, dürfen viele Delegierte noch einmal ins Trainingslager: nach Rio. Da spielt man zwar guten Fußball, aber ob es für Fortschritte im Umweltschutz reicht, darf bezweifelt werden. Insbesondere die brasilianischen Versuche, das nationale Forstgesetz aufzuweichen und Waldzerstörer straffrei davon kommen zu lassen, gehörte in Durban zu den großen Enttäuschungen. 20 Jahre nach dem Erdgipfel in Rio hat sich die Welt zwar weiter entwickelt. Sie ist schneller geworden. Wir haben heute alle Handys, Internet und Social Media. Wir sind so vernetzt wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aber all das scheint nicht auszureichen, den Herausforderungen zu begegnen, mit denen wir in den nächsten Jahren konfrontiert werden. Wir steuern auf einen Wasserfall zu und das perfekt in bestmöglichem Tempo. Wir bewegen uns immer schneller und intelligenter aber leider nicht geeint und zielgerichtet. Wir erkennen das Problem und kennen die Lösungen aber die Staaten der Welt einigen sich einfach nicht auf eine gemeinsame Lösung. Wir erkennen nicht, dass wir alle in einem Boot sitzen und alle voneinander abhängig sind. Die Regierungen tragen die Hauptschuld am Misserfolg dieser Flop-COP.

Sind solche Riesenkonferenzen prinzipiell zum Scheitern verurteilt? Nein! Immerhin wurde in Rio vor 20 Jahren die Klima-Rahmenkonvention erfunden. Die Welt einigte sich auf das Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt, man verabschiedete eine Wüstenkonvention und rief die Agenda 21 ins Leben. Damals ging von Rio ein Aufbruch aus. Wir haben Millenniumsziele vereinbart, wir kennen die Voraussagen der Wissenschaft, wir wissen, was auf uns zukommt. Aber wir handeln nicht danach. Vor 20 Jahren bedeutete der Gipfel in Rio einen Aufbruch. Man redete plötzlich über nachhaltige Entwicklung und zum ersten Mal waren auch Nichtregierungsorganisationen - NGOs - dabei. 17.000 Teilnehmer waren damals zu dem Mammut-Treffen nach Brasilien gefahren. Man muss kein Prophet sein, um zu erwarten, dass es 2012 doppelt so viele sein werden.

Auch nach dem enttäuschenden Gipfel in Durban muss für den WWF die Devise lauten: Der Sieg steht am Ende einer Kette von Niederlagen. Knapp 80 Experten des WWF aus allen Fachgebieten haben hier in Durban zwei Wochen lang ihr absolut Bestes gegeben. Wir arbeiten seit 50 Jahren an den Lösungen der Probleme dieser Welt und Weltkonferenzen wie in Durban sind die großen Chancen unsere Vorstellungen von der Zukunft an die Entscheidungsträger heranzutragen. 5.000 unserer Mitarbeiter sind in Hundert Ländern ständig damit beschäftigt, die Welt besser zu machen. Ohne den WWF, unsere Partner und andere Umweltorganisationen würde die Welt schon heute eine völlig andere sein. Wir kennen die Probleme und entwickeln seit Jahrzehnten die Lösungen dafür. Natürlich sind wir frustriert, dass wir die Welt nicht so schnell retten können wie wir gerne möchten. Aber unsere Welt ist eben sehr komplex und es gibt so viele Interessenssphären, die eine andere Meinung haben. Unser Weg ist mühevoll und geht uns viel zu langsam. Aber wir wissen was und wohin wir gehen wollen, wie wir das erreichen können und wo wir 2050 sein wollen. Und wir werden nicht aufhören weiter zu trommeln für eine lebenswerte Welt, allen Menschen dieser Welt ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und die Naturparadiese dieses Planeten zu schützen. Es geht hier letztendlich um unser eigenes Überleben als eine biologische Art und den Fortbestand unseres Planeten.

 

  • Artikelbild
    foto: franko petri
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