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vergrößern 800x299Weiße Wände, weißer Boden, weißer Lieblingsstuhl: Der Schriftsteller und Architekturpublizist Friedrich Achleitner in seiner Dachgeschoßwohnung.
(Foto: Lisi Specht)
Warum ihn der nächtliche Coladosenlärm nicht stört, erzählte er Wojciech Czaja.
***
"Ich kann mich erinnern, dass meine Frau Barbara vor Ewigkeiten, irgendwann 1969, in der Innenstadt spazieren war, als ihr der Henkel der Handtasche abgerissen ist. Sie hat nach einem Taschner gesucht und ist schließlich in diesem Haus gelandet. Und dann hat sie in ihrer direkten Berliner Art, die sie nun mal hat, gefragt: 'Sagen Sie, ist da keine Wohnung frei in diesem Haus?' So hat alles angefangen.
Kurze Zeit später sind wir dann eingezogen. In den ersten acht, neun Jahren haben wir im Hinterhaus im zweiten Stock gewohnt. Nachdem der Platz zu eng wurde, habe ich 1978 noch eine Schreibstube im Dachgeschoß dazugemietet. Das ist da, wo wir uns jetzt befinden. Ich vermute, dass das Dach erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut wurde. Jedenfalls waren das früher drei Kleinstwohnungen, besser gesagt zwei Wohnungen und ein kleines Goldschmiedatelier. Wir haben die Wände durchgebrochen und die Wohnungen miteinander verbunden. Viel konnten wir nicht machen, denn der Dachstuhl besteht aus durchgehenden Trämen, und die mussten wir erhalten. Wir haben jetzt 120 Quadratmeter.
Wir haben für den Umbau und die Sanierung von der Stadt Wien ein Darlehen bekommen, das wir innerhalb von 20 Jahren zurückzahlen mussten. Für Leute wie uns, die sich eingebildet haben, dass sie umbauen wollen, war das damals ein sehr faires Angebot. Aber es war auch viel zu tun. Wasser und WC waren draußen am Gang, Heizung gab es überhaupt nicht. Die gesamte Installation ist neu. Und in den Neunzigerjahren haben wir noch einen Aufzug eingebaut.
Was man nicht vergessen darf: Früher bestand die Wiener Innenstadt nicht nur aus feinen Residenzen wie heute, sondern zum großen Teil aus heruntergekommenen Wohnquartieren mit dunklen Gassen. Die Schönlaterngasse gehörte auch dazu. Die Grätzelsanierungen haben alle erst danach stattgefunden. Die Entscheidung, dass wir hier eingezogen sind, war ganz einfach: Unsere Arbeitsstätten waren fast alle in der Stadt. Wir konnten überall zu Fuß hingehen. Und zur 'Alten Schmiede' sind es nur wenige Schritte.
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich der erste Bezirk stark gewandelt, wobei dieses Grätzel von Touristen noch einigermaßen verschont geblieben ist. Immer öfter ziehen um vier in der Früh angeheiterte Gruppen vorbei und kicken eine Coladose durch die Schönlaterngasse. Aber was soll's. Das ist ein menschlicher Lärm. Wenn man das Leben in der Stadt mag, dann darf einen das nicht stören.
Viel beunruhigender ist, dass die Stadt nach und nach ausgetrocknet und ausverkauft wird. Die Investoren machen die ganze Innenstadt kaputt. In einigen Jahren ist alles hin. Und dabei wäre es ganz leicht, das zu verhindern. Die Stadt Wien müsste einfach nur verbieten, Garagen reinzubauen. Dann wären die Objekte für potenzielle Spekulanten schon weniger attraktiv, und viele würden die Finger davon lassen.
Die Raumhöhe im Dachgeschoß ist mit 2,60 Metern recht niedrig. Wenigstens ist das Dach unter Denkmalschutz nicht ausbaubar. Was die Einrichtung betrifft, ist vieles weiß. Wir haben einen riesigen Stuhl von Clemens Holzmeister aus dem Hotel Dreizinnen in Südtirol. Das ist ein sogenannter Kanadier. Der war ursprünglich Esche natur, aber das hat in dieser Wohnung so ziemlich alles erschlagen. Das haben wir nicht ausgehalten. Also haben wir ihn weiß lackiert. Und das drehbare Bücherregal ist aus England.
Der kleine Stuhl, in dem ich oft sitze, ist übrigens ein Kaminstuhl aus einem steirischen Schloss. Hier halte ich mich am allerliebsten auf. Mit Barbara gibt es jedenfalls keinerlei Platzstreitigkeiten. Sie ist groß und hat lange Beine und ist für dieses Sitzmöbelchen nicht geeignet." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.12.2011)
FRIEDRICH ACHLEITNER, geb. 1930 in Schalchen (OÖ), ist Architekturpublizist und Schriftsteller. Er war Mitglied der "Wiener Gruppe". In den Jahren von 1965 bis 2010 arbeitete er an seinem Hauptwerk Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, einem umfassenden Architekturführer in fünf Bänden. Sein Archiv, das aus rund 150.000 Exponaten besteht, wurde 2000 von der Stadt Wien angekauft und wird nun im Architekturzentrum Wien verwaltet. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara Achleitner, Fremdenführerin mit dem Schwerpunkt Wiener Architektur, wohnt er im denkmalgeschützten Basiliskenhaus in der Wiener Innenstadt.
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