Steuerdebatte

Bröckelnde Tabus

Kommentar | Gerald John , 11. Dezember 2011, 18:16

Die ÖVP freundet sich, so scheint es, mit Steuererhöhungen an

Endlich beginnen die Tabus zu bröckeln. Immer öfter nimmt Michael Spindelegger das in den eigenen Reihen so verpönte S-Wort in den Mund. Erst liebäugelte der Vizekanzler mit einem "Solidarbeitrag", nun mit dem Schließen von "Lücken": Die ÖVP freundet sich, so scheint es, mit Steuererhöhungen an.

Kanzler Werner Faymann ließ sich naturgemäß nicht lange bitten. Er machte einen Vorschlag, der haargenau in Spindeleggers Anforderungsprofil - "wer mehr hat, muss mehr geben" - passt: Die vorgeschlagene Steuer auf Wertgewinne bei Immobilienverkäufen trifft, zumal Eigenheime ausgeklammert werden sollen, sicher nicht die Ärmsten im Land. Riesiger Besitz liegt in wenigen Händen, das oberste Zehntel hält 60 Prozent des Immobilienvermögens - und genießt trotzdem einen schleichenden Steuerrabatt: Mangels Anpassung wird die Grundsteuer anhand von Uraltwerten weit unter den realen Marktpreisen berechnet.

Was überdies für höhere Abgaben auf Immobilienvermögen spricht: Sie dämpfen das angeschlagene Wirtschaftswachstum kaum und laden nicht zur Steuerflucht ein. Zinshäuser können schwer nach Bratislava übersiedeln.

Sozial ausgewogen ließe sich auch ein mögliches Gegengeschäft gestalten: Bewegung im Streit um die Studiengebühren hat Faymann angedeutet - und kratzt damit ebenfalls an einem eigenen Dogma. Stets hat die SPÖ den freien Hochschulzugang beschworen, doch die erhoffte soziale Durchmischung nicht erreicht. De facto gilt immer noch die Regel: Je reicher die Eltern, desto größer die Chancen des Nachwuchses auf Studium und hohes Einkommen.

Von der Abschaffung der Studiengebühren haben deshalb viele angehende Akademiker profitiert, die sich - etwa via Kreditmodell mit späterer Rückzahlung - einen Beitrag leisten könnten, um bessere Studienbedingungen und großzügigere Stipendien für die wirklich Bedürftigen zu finanzieren. Natürlich wäre Gratisbildung für alle das Ideal. Aber in Zeiten leerer Kassen ist es fragwürdig, dass gerade gutsituierten Studierenden Gebühren erspart bleiben, während etwa für den Kindergartenbesuch je nach Bundesland immer noch empfindliche Kosten anfallen.

Faymann und Spindelegger, die viel gescholtenen "Besitzstandswahrer", als Tabubrecher? Davon kann noch keine Rede sein, vorerst wagten die beiden nur Andeutungen. Doch im Vergleich zum in der Koalitionsdebatte üblichen Einbunkern ist das bereits ein Fortschritt. (DER STANDARD; Printausgabe, 12.12.2012)

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1 2
politisch verfolgt
00
12.12.2011, 18:12
mehr steuern

als bewohner des sozial klirrend kalten extrem-niedrigsteuerlandes österreich kann man nur sagen: endlich.
ein genialer schachzug, der die ganze kompetenz unserer regierung offenlegt.

1116er
01
12.12.2011, 16:44
das mangelnde kratzen an dogmen ist es, was an der sp-vp-regierung am meisten zu kritisieren ist.

jetzt, durch druck von aussen, kommt es nun doch dazu.

falls nach schuldigen gesucht wird (-->warum nicht schon viel früher?), dann darf sich der österreichischer stolz an die eigene brust klopfen: es ist seine schuld!

denn diesen druck übt normalerweise eine weitere partei aus, mit der der eine oder andere koalitionspartner ersetzt werden könnte. sowohl sp als auch vp könnte 'drohen', sich neu zu verlieben, wenn sich nichts bewegt.

KÖNNTE, wenn der ö-wähler nicht als einzige alternative eine ansammlung von deppen zur verfügung stellen würde.

ich kann verstehen, dass ein nazi die f wählt. aber wenn es aus protest geschieht, dann ist es ein ausdruck von fortgeschrittenem irrsinn!
und ein verbrechen an der demokratie.

Erwin Wolfram
00
12.12.2011, 15:46
...

ja huhu es ist so gefaehrlich, wie sehen es ja an den "grossen" skandalen, die nicht einmal zu einer einzigen verurteilung fuehrten...

x aeins
45
12.12.2011, 10:45

Studiengebühren. Bissl Natwiss. tät den Redakteuren (und anderen) schon gut, zB : Jedes System reagiert auf Zwang so, dass es ihm auszuweichen trachtet. Dh.Studiengebühren drängen bildungsferne Schichten vom Studieren weg, das Terrain bleibt offener für VP-Klientel. Ist der Mechanismus so schwer zu begreifen?

spiehsbürger
01
12.12.2011, 14:34

Dh.Studiengebühren drängen bildungsferne Schichten vom Studieren weg.

sie meinen so leute wie rudas, faymann oder bures? na dann bin ich sofort für studiengebühren :-D

Melanie03
01
12.12.2011, 14:23

für wirklich bedürftige Studenten gibt's ja sowieso Stipendium und somit auch Studiengebühren refundiert.

alpenmilch
25
12.12.2011, 10:59

Empirische Daten aus der Zeit der Studiengebühren unter Schwarz-Blau zeigen, dass es diesen Effekt nicht gibt.

ja aber
10
12.12.2011, 12:51
die studiengebuehren unter schwarz-blau ...

dienten der budget kosmetik. schliesslich wurde den unis der staatszuschuss um den betrag der studiengebuehren gekuerzt. d.h. die unis hatten danach weniger geld (sie mussten ja verwaltungspersonal fuer die gebuehren einstellen).

x aeins
22
12.12.2011, 11:10

Lieber Freund, das ist ein Langzeitprojekt der ÖVP entsprechend der Ideologie eines gewissen Wolfgang S., da kannst in so kurzer Zeit natürlich nichts messen.

Salz Burger
00
12.12.2011, 12:29

Bis so ein Langzeitprojekt wirkt, hat die Politik schon längst mehrfach die Richtung geändert.
Außerdem wird vermutlich die Leistung einzelner Politiker völlig überschätzt.

x aeins
00
12.12.2011, 12:44

Das wirkt ziemlich bald, hat aber nicht gleich einen messbaren Effekt (was wird gemessen?). Zunächst vermutlich ein Ausweichen der "Bildungsferneren" auf kürzere und damit billigere Studienfächer.
Vergessen sie nicht, dass ein Ideologe wie Wolfgang S., von Jesuiten beeinflusst, nicht in kurzen Zeiträumen denkt.

Salz Burger
00
12.12.2011, 13:09

Diese religiösen Leute werden maßlos überschätzt. Heute tut ja sowieso jeder, was er will, egal was die professionellen Lügner und Märchenerzähler sagen. Klar werden einige wenige übrig bleiben, die nicht selber denken und auf Zuruf aus dieser Ecke handeln, aber das sind so wenige, die kann man vernachlässigen.

x aeins
00
12.12.2011, 13:24

Du weisst aber schon noch, wovon die Rede ist? Von der merkwürdigen Tatsache, dass "Studiengebühren", obwohl vom Umfang her peanuts, seit Jahren als unverzichtbare ÖVP-Bedingung nicht aus den Schlagzeilen kommt - und vom Versuch, diese "absolute Wichtigkeit" für die ÖVP etwas näher zu beleuchten.

17+4
02
12.12.2011, 08:48
der wohl dümmste Vergleich in der bildungsdiskussion:

"Aber in Zeiten leerer Kassen ist es fragwürdig, dass gerade gutsituierten Studierenden Gebühren erspart bleiben, während etwa für den Kindergartenbesuch je nach Bundesland immer noch empfindliche Kosten anfallen."
hier wäre das (Un)Wort "Fremdschämen" für solchen Un(sinn) angebracht.

Grisu der kleine Drache
02
12.12.2011, 09:40

Für den Kindergarten zu zahlen ist ok, aber für´s Studieren undenkbar?!?!?

Hast du auch irgendein Argument, oder schämst du dich einfach so aus nicht nachvollziehbaren Gründen?

17+4
00
12.12.2011, 09:43
hab ich das geschrieben?

nochmals lesen, möglichst mit Sinn, und keine Interpretationen, wenn sie den Sinn noch nicht verstanden haben.

styx12
22
12.12.2011, 08:46

Mein Gott, wieder mal ein typisch linker Kommentar. Ja, ja die neue Steuer trifft eh nur die Reichen. - Das schau ich mir an. Am Ende werden alle, die auch nur ein bisschen etwas haben, zahlen müssen. So bald man diese Idee nämlich in die konkrete Umsetzung herunterbricht, wird es happig. Wer stellt den Wert fest? Wer zahlt die Bewertung? usw. Abgesehen davon gibt es schon Immobiliensteuern, wie die Grundsteuer und die Grunderwerbssteuer. (die werden ja auch irgendwann neu geregelt bzw. erhöht werden müssen)

Es wird sein wie bei der neuen tollen Vermögenszuwachssteuer ("AktienKest") - zahlen eh nur die Reichen, gell! Tatsächlich zahlt jeder, ab dem ersten Cent, wenn er auch nur eine Aktie besitzt.

readymate
03
11.12.2011, 22:34
Als erste

wird es wie gewöhnlich die Arbeitnehmer treffen, beim 13. & 14. Monatsgehalt, über alles andere wird dann bis weit in die nächste Legislaturperiode hinein verhandelt werden...!

.

Grisu der kleine Drache
11
12.12.2011, 09:50

Das 13./14. abzuschaffen wäre tatsächlich ein Fortschritt.

Allerdings aufkommensneutral, sprich das gleich bleibende Jahresgehalt wird in 12 statt 14 Teilen ausgezahlt, die Steuern bleiben über´s Jahr gerechnet gleich. Bringt mehr Übersichtlichkeit und deutlich geringeren Verwaltungsaufwand, und die Arbeitnehmer bekommen ihr Geld früher.

Ich geb dir allerdings Recht: So wird´s nicht kommen. Die Steuern auf Einkommen werden erhöht werden, das ist für die Politiker einfach. Denn dass ÖVP und SPÖ völlig unfähig sind, sinnvolle Reformen durchzuführen, haben sie ja durch jahrelange Untätigkeit hinlänglich bewiesen.

1116er
00
12.12.2011, 16:49
Das 13./14. abzuschaffen wäre tatsächlich ein Fortschritt.

es wäre leider für ö der ruin.

denn wir befinden uns in einem land, wo zwar jeder wie ein rohrspatz über die schulden der republik schimpft. aber selbst ohne 13/14. gehalt nicht in der lage wäre, wenigstens zweimal im jahr das überzogene konto halbwegs glatt zu stellen.

wer die sonderzahlungen auf die 12 monate aufteilt, der schickt diesen leuten den exekutor ins haus.

Grisu der kleine Drache
00
13.12.2011, 11:58

Und ist es vielleicht nicht auch so, dass die Leute ihr Konto überziehen, weil sie wissen, dass dann eh bald eine Sonderzahlung kommt?

Ich jedenfalls würde mit leichter tun, meine Finanzen zu überblicken, wenn die Gehaltsauszahlung gleichmäßiger wäre.

Demokrit 007
10
12.12.2011, 09:26
Die steurliche Bevorzugung des 13. und 14. Monatsgehaltes ...

... trifft jene Menschen, wie (weit) über 5.000,- p.m. verdienen. Diese Abschaffung, mit z.B. 5.000,- Freibetrag, soll schlecht sein ? Sie verstehen die Lohnverrechnung nicht ! Oder die Erhöhung der SV-Bemesungsgrundlage auf z.B. 10.000,- p.m. Trifft die (sehr) gut Verdienenden. Rechnen Sie nach !

kyselak3
 
00
11.12.2011, 22:32
alles viel zu kompliziert ...

... und genau deshalb wird es auch kommen.

nur so kann das wachstum der bürokratie aufrecht erhalten werden.

TomTom33
32
11.12.2011, 21:33
Damit ist die ÖVP

endgültig bei 15 Prozent.

Schüssel Biograf Walter Moers
02
12.12.2011, 09:32

Selber Schuld. Die ÖVP kann nicht ständig von Steuergerechtigkeit faseln, nur damait die Spitzeneinkommen und -vermögen ungeschoren bleiben.

Irgendwann merkt der Allerdümmste, dass sich die Top 10 Prozente vor Lachen nicht mehr halten können, während sich der Mittelstand abstrudelt und immer mehr an Abgaben, Steuern und Beiträgen zahlt.

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